Skispringer Killian Peier
Vor 20 Jahren «Simi» in der heimischen Stube simuliert und jetzt darf er selber von Olympiagold träumen

Killian Peier startet in China erstmals an Winterspielen, trotzdem hat Olympia seine Karriere bereits mehrmals entscheidend geprägt.

Rainer Sommerhalder
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Killian Peier ist nach einem Kreuzbandriss beeindruckend schnell wieder in die erweiterte Weltspitze aufgerückt.

Killian Peier ist nach einem Kreuzbandriss beeindruckend schnell wieder in die erweiterte Weltspitze aufgerückt.

Bild: Sascha Steinbach/EPA

Skispringer Killian Peier ist ein Multitalent. Beim letzten Medientreffen vor seiner olympischen Premiere schlüpft der 26-jährige Waadtländer in die Rolle des Ansagers, des Übersetzers, des Technikers und des Unterhalters. Und nach knapp einer Stunde digitalem Austausch sagt er kurz und bündig: «Jetzt noch fünf Minuten, danach muss ich ins Training».

Der WM-Dritte von 2019 in Seefeld macht den Eindruck, als wolle er den Wettkämpfen in China alles unterordnen. Dies sei sein letzter Auftritt vor Olympia, erklärt er trocken. Danach müsse er sein Mindset für Peking justieren. «Von jetzt an läuft alles über meinen Manager». Der Stellenwert, den dieser Anlass bei Peier geniesst, schimmert nicht nur bei seinen Antworten durch.

Den eigenen Kopf im Griff haben

Mit dem überraschend starken Comeback nach dem Kreuzbandriss hat der Romand Erwartungen geweckt. Fachleute trauen ihm zu, in den Kampf um die Olympiamedaillen einzugreifen. Wie schmal der Grat zwischen Traum und Wirklichkeit gerade im Skispringen bisweilen ist, hat Killian Peier in diesem Winter allerdings schon selbst erfahren müssen.

Nachdem ihn seine eigene Vorgabe, Schritt für Schritt zu nehmen und die Saison vor allem zu geniessen, bis zu den beiden Heimspringen in Engelberg zurück in die absolute Weltspitze katapultierte, wurde sich Peier untreu. Im Hinblick auf die Vierschanzentournee kamen erstmals so richtig Ambitionen auf. Und prompt folgte der frustrierende Rückschritt. «Ich weiss jetzt, was passiert, wenn ich zu viel erwarte. Der Kopf wollte noch etwas weiter springen, als dass es möglich war», sagt Peier.

Deshalb gilt für Olympia: «Eine Medaille ist kein Ziel»! Er wolle bescheidener sein und klarer im Kopf als er es vor der Tournee war. So sucht Peier auch die Ruhe vor dem Sturm und geht offiziellen Terminen aus dem Weg. «Ich will nicht vor dem Wettkampf schon daran denken, was möglich sein könnte». Derzeit fühle er sich vollkommen entspannt.

Das Wort «Medaille» fällt im Verlauf des Gesprächs dann doch noch. Er habe während all den Trainings im Kraftraum hart gearbeitet, «um mir die Chance auf eine Medaille zu schaffen». Der 26-Jährige spürt grosse Vorfreude auf seine ersten Spiele. Bereits die Materialabgabe habe ihn stolz gemacht. Der Gedanke, in diesen Kleidern aufzutreten, war ein geiles Gefühl.»

Peier will nicht spekulieren, ob es gar ein Vorteil für ihn sei, diese mühsamen Corona-Spiele nicht mit anderen Olympiaerfahrungen vergleichen zu müssen, wie etwa sein Teamkollege Simon Ammann. «Die Bedeutung dieses Anlasses ist für jeden Athleten anders», findet der seit mehreren Jahren in Einsiedeln wohnhafte Waadtländer.

Pyeongchang als Wendepunkt in der Karriere

Und Olympische Winterspiele hatten auf den Skispringer Killian Peier durchaus schon eine prägende Wirkung, ohne dass er sie selber miterleben durfte. 2002 weckten die Erfolge von Simon Ammann das Interesse des damals Siebenjährigen an dieser Sportart. Simis Flug zum Olympiasieg habe er im Wohnzimmer simuliert. «Ich nahm einen Stuhl und legte mich quer darauf», erinnert sich Peier.

Sein Vater habe ihn danach gefragt, ob er es selber einmal ausprobieren wolle. Zwei Jahre später sprang er in Le Brassus erstmals von der Kinderschanze – schnell einmal mit Skisprungski. «Dazu durfte ich einen pinken Anzug tragen. Ich fand das richtig cool.»

2018 verpasste er die so sehr erhoffte Qualifikation für Pyeongchang. Groll spürt er deswegen nicht. «Ich habe damals ganz einfach die verlangte Leistung nicht geliefert», sagt Peier. Es war ein Wendepunkt in seiner Karriere. Aus dem talentierten, aber etwas fahrigen Sportler wurde ein fokussierter, konsequenter Athlet. «Die Erfahrung von 2018 hat mich stark gemacht», sagt Peier.

«Zum Glück müssen wir nicht um die Kurve fahren»

Ammanns Wissensschatz hat Killian Peier im Hinblick auf Peking doch noch angezapft. Vor allem dessen Erfahrung mit einer Schanze in einer Höhe von rund 1800 Metern – wie damals in Salt Lake City. Der tiefere Luftdruck führt zu einem etwas anderen Gefühl im Flug. Entscheidend sei dies aber nicht, sagt Peier. «Unser Vorteil ist, dass es immer geradeaus geht. Wir müssen uns nicht noch überlegen, wie wir um die Kurve fahren», sagt Peier.

Auch von Teamkollege Sandro Hauswirth, der im November am Continental Cup erste Erfahrungen mit der Olympiaschanze machte, liess sich Peier inspirieren. Vor allem von dessen Fotos. «Wir gaben Sandro den Auftrag, so viel wie möglich zu fotografieren.» Die Bildbetrachtungen dienten für Ammann und Peier als Einstimmung auf den Megaevent.

Doch bei aller emotionaler Verbindung zu Olympia bleibt sich Killian Peier treu. An der Eröffnungsfeier am Freitagabend werde er nicht teilnehmen. «Der Aufwand ist zu gross». Am Tag danach findet das Qualifikationsspringen auf der Normalschanze statt. Der 26-Jährige weiss, wieso er nach China gereist ist.