Überraschungen

Sie machen Lust auf mehr: Vier neue Namen in der Super League, die Sie sich merken dürfen

Sie kamen teilweise aus dem Nichts, sind bei vier unterschiedlichen Teams engagiert und haben in der ersten Runde der neuen Saison die Blicke auf sich gezogen. Vier Kurzportraits.

Sion-Trainer Fabio Grosso

Ruhe bewahren: Sion-Trainer Fabio Grosso.

Ruhe bewahren: Sion-Trainer Fabio Grosso.

Es ist eine einzige Szene, die ihn für immer und ewig auf die grösste Bühne des Weltfussballs katapultiert hat. WM-Halbfinal 2006, Italien gegen Deutschland, Verlängerung, Verteidiger Fabio Grosso erzielt kurz vor Schluss das Tor, das Deutschland nach dem Sommermärchen ins Tal der Tränen stösst – und Italien den Weg zum Weltmeistertitel bereitet.

14 Jahre später ist dieser Fabio Grosso Cheftrainer des FC Sion. Und wie das so ist bei einem Trainer, der im Wallis arbeitet, lautet die Frage auch bei Grosso zunächst einmal: Wie lange darf er bleiben? Oder gelingt es ihm tatsächlich, in Sion endlich eine Leistungskultur zu etablieren und den taumelnden Verein zu stabilisieren? Grossos Name verspricht einiges, seine bisherige Trainerkarriere (Bari, Hellas Verona, Brescia – jeweils für eine Saison) allerdings lässt darauf schliessen, dass man es nicht übertreiben sollte mit den Erwartungen.

Wenn man sich für einmal von den ersten Eindrücken leiten lassen möchte, dann ist eines rasch ersichtlich: Der Weg, den Grosso mit dem FC Sion gehen will, ist kompromisslos. Das nicht übermässig toll besetzte Team zeigte beim ersten Spiel in St. Gallen eine Leidenschaft und Aggressivität, die man länger nicht mehr gesehen hat. Um es mit dem Blick zurück aufs italienische Team an der WM 2006 zu sagen: Grosso lässt einen typischen Gattuso-Materazzi-Fussball spielen.

Ob nun gleich alles gut kommt beim FC Sion? Die Frage ist eher, ob Präsident Constantin zufrieden ist, wenn nicht alles schlecht läuft. Es wäre nicht die falscheste Einstellung.

Vaduz-Wirbler Tunahan Cicek

Ein Wirbelwind: Tunahan Cicek (am Ball) gegen Basels Fabian Frei.

Ein Wirbelwind: Tunahan Cicek (am Ball) gegen Basels Fabian Frei.

Jetzt gegen St. Gallen, was für ein Fest! «Die ganze Familie wird da sein», freut sich Tunahan Cicek auf das Heimspiel am Sonntag im Rheinpark gegen den FC St. Gallen. Dazu muss man wissen: Der Thurgauer Cicek stammt aus dem Arboner und St. Galler Nachwuchs und hat als 18-Jähriger vor mehr als zehn Jahren im St. Galler Trikot in der Super League debütiert. Insgesamt reicht es ihm bei den Ostschweizern zu vier Einsätzen in der höchsten Spielklasse, ehe er via Winterthur, Boluspor in der Türkei, Schaffhausen und Neuchâtel Xamax im Sommer 2019 nach Vaduz kommt. Mit 14 Toren in 37 Ligaspielen trägt er zum überraschenden Aufstieg der Liechtensteiner bei. Zusammen mit Manuel Sutter und Mohamed Coulibaly bildet der 28-Jährige einen durchschlagskräftigen Dreizack.

Beim 2:2 am letzten Sonntag in Basel hat Cicek nach den vier Partien für St. Gallen und deren fünf für Xamax sein zehntes Super-League-Spiel absolviert. Ein Tor fehlt dem sonst so gefährlichen Offensivspieler aber noch. Nur zu gern würde er nun gegen den FC St. Gallen seine Premiere feiern. Sein jüngerer Bruder spielt in dessen U18.

Nach dem überraschenden Punktgewinn im St. Jakob-Park ist die Stimmung bei den Vaduzern prächtig. «Wir haben eine gute Mentalität und können immer wieder Rückstände aufholen», sagt Cicek. «Unser Spirit macht vieles möglich.» Er lebt mit seiner Lebenspartnerin auf einer Hühnerfarm in der Ostschweiz und will mit dem FC Vaduz den Klassenerhalt schaffen. «Wir werden unterschätzt und wollen die Fussballschweiz überraschen», sagt Cicek.

FCZ-Kante Lasse Sobiech

FCZ-Neuzugang Lasse Sobiech grätscht auf dem Berner Kunstrasen nach dem Ball.

FCZ-Neuzugang Lasse Sobiech grätscht auf dem Berner Kunstrasen nach dem Ball.

Es hatte sich wunderbar angelassen: Sechs Spiele, sechs Mal 90 Minuten und drei Mal gewonnen. Lasse Sobiech hatte nach seinem Wintertransfer vom 1. FC Köln zu Royal Excel Mouscron wieder richtig Spass am Fussball gefunden. «Voll durchzuspielen, das war mir wichtig. Aber dann entschied Belgien als eine der ersten Ligen, die Saison abzubrechen», sagt Sobiech. In der Vorrunde war er in der Bundesliga nur einmal zum Zug gekommen, sodass das abrupte Ende in der Jupiler Pro League umso bitterer war für den Innenverteidiger.

An seinem Wunsch nach regelmässiger Spielpraxis änderte sich nichts. «Dann hat sich im Spätsommer die Chance geboten, für den FC Zürich aufzulaufen, und jetzt bin ich da», sagt der 29-Jährige, der aus dem Nachwuchs von Borussia Dortmund stammt und später auch für St. Pauli, Greuther Fürth und den Hamburger SV gespielt hat. Insgesamt ist er 35-mal in der Bundesliga, 148-mal in der 2. Bundesliga und 16-mal für die deutsche U21-Nationalmannschaft zum Einsatz gekommen.

Bevor er in die Schweiz kam, hat sich Sobiech mit Frederik Sörensen, seinem Freund aus gemeinsamen Kölner Zeiten und in der letzten Saison an YB ausgeliehen, über die Super League unterhalten, und der Däne machte ihm den Wechsel schmackhaft. Nach nur kurzer Vorbereitung hat ihn Ludovic Magnin am Samstag gegen YB gleich aufgestellt und der Deutsche hat den FCZ-Trainer trotz der 1:2-Niederlage nicht enttäuscht. «Gegen Lugano wollen wir nun die ersten Punkte einfahren. Dafür geben wir alles», sagt Sobiech.

Lausanne-Hexer Mory Diaw

Mory Diaw beim Spiel zwischen Lausanne und Servette.

Mory Diaw beim Spiel zwischen Lausanne und Servette.

Vor 16 Monaten spielte Mory Diaw noch in der 1. Liga für United Zürich. Gegen Wettswil, Gossau oder Eschen-Mauren. Nun ist der Torhüter von Lausanne-Sport eine der neuen Attraktionen der Super League. Wie ist so etwas möglich?

Die Geschichte beginnt in Paris. Diaw (1,97 m) ist nicht nur gross, sondern ausgesprochen geschmeidig. Ein Versprechen für die Zukunft. Doch als 2015 die Tür zum Starensemble von Paris Saint-Germain einen Spalt weit aufgeht, wird sie gleich wieder zugeschlagen. Es tauchen vulgäre Tweets von 2012 auf, die von Diaws Konto gepostet wurden. Unter anderem auch ein Eintrag mit der Telefonnummer von PSG-Starspieler Zlatan Ibrahimovic. Auf der Suche nach Erklärungen fällt bald einmal der Satz: «Das Konto wurde gehackt.» Dafür werden in Paris nicht mal mildernde Umstände geltend gemacht. Diaw erhält keinen Vertrag mehr, seine Karriere ist mehr als nur gefährdet.

Er heuert in Portugals zweiter Division an. Er startet gut, Topvereine werden auf ihn aufmerksam, doch dann verletzt er sich. Nach einem Jahr ohne Job erhält er in Bulgarien bei Lokomotive Plovdiv einen Vertrag. Aber nicht die Chance zur Bewährung und – so hört man – auch nicht alles Geld, das man ihm verspricht. Nach einem halben Jahr flieht er aus Plovdiv, ist ein Jahr lang ohne Klub, ehe er mit ein paar Kilo zu viel in Zürich strandet. Beim FC United, vierthöchste Spielklasse.

Für Kost und Logis ist gesorgt. Und etwas Taschengeld kriegt er auch. Aber vor allem entdeckt er die Freude am Fussball wieder. Schnell wird klar: Dieser Mann ist zu gut für den Amateurfussball. Diaws Glück ist, dass sich im Sommer 2019 Lausannes Nummer 3 verletzt. Aber auch, dass die Waadtländer seine Fehltritte in den sozialen Medien aus alten Pariser Tagen zwar kennen, aber sich von diesen nicht beeinflussen lassen. Mory Diaw überzeugt im Test, erhält vorerst einen Vertrag für drei Monate. Dieser wird im Dezember bis 2022 verlängert.

Trotzdem steht er im Schatten von Lokalmatador Thomas Castella. Erst als Lausanne nach dem Lockdown schwächelt, wechselt Trainer Giorgio Contini den Torhüter. Es ist Diaws Chance. Und er nutzt sie. Sein heldenhaftes Super-League-Début vom vergangenen Wochenende (2:1 gegen Servette) war etwas vom Feinsten, was man in den letzten Jahren in dieser Liga gesehen hat.

Autor

Markus Brütsch

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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