Tennis
Serena Williams als Löwin auf Beutezug

Nach zuletzt schwachen Ergebnissen bei den Majors will Serena Williams nun unbedingt den US-Open-Titel. Sie präsentiert sich körperlich fit wie selten.

Petra Philippsen, New York
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Topfavoritin

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Keystone

Man musste schon genau hinschauen und das auch ziemlich schnell. War das auf diesem Foto tatsächlich Serena Williams? Machte sie dort an der Wand wirklich einen Handstand und Spagat gleichzeitig? Kein Zweifel, es war die 17-malige Grand-Slam-Siegerin, die sich kürzlich bei ihrer offenbar üblichen Matchvorbereitung von ihrem Trainer Patrick Mouratoglou ablichten liess. Ein beeindruckendes Muskelspiel einer Athletin, die seit mehr als einem Jahrzehnt das Frauentennis wie keine andere dominiert, aber die sich auch jahrelang mit Gewichtsschwankungen herumschlug. Nie konnte man sicher sein, mit wie viel Kilo Hüftgold die inzwischen bald 33-jährige Amerikanerin bei einem Grand-Slam-Turnier aufschlagen würde.

Diese Zeiten sind jedoch vorbei, seit sie vor zwei Jahren begann, auf die Ratschläge von Mouratoglou zu vertrauen. Williams ist nun durchgehend fit und austrainiert, momentan sogar mehr als je zuvor. Das untermauerte dieses Foto noch einmal eindrücklich, dennoch verschwand es umgehend wieder aus den sozialen Netzwerken. Denn selbst der eigentlich so extrovertierten Diva war das Bild im extrem hautengen Trainingsanzug wohl eine Spur zu viel. Und Williams hat auch wirklich keinen Fotobeweis nötig, um der Konkurrenz vor dem am Montag beginnenden US Open einen gewaltigen Schrecken einzujagen. Denn die weiss auch so, dass die fünfmalige Siegerin und Titelverteidigerin gerade rechtzeitig ihre Form wiedergefunden hat und versessen darauf ist, die Saison mit einem Grand-Slam-Triumph abzuschliessen.

Der fehlende Grand-Slam-Sieg

«Ich liebe den Wettbewerb, und ich liebe es, eine Trophäe hochzuhalten», meinte Williams gestern nach der Auslosung in den Katakomben des Arthur-Ashe-Stadiums, «es zeigt, mir, dass sich meine harte Arbeit ausgezahlt hat. Ein besseres Gefühl gibt es nicht.» Sie hatte hart gearbeitet, doch die Ergebnisse bei den Major-Turnieren lagen in dieser Saison weit unter ihren Ansprüchen. Nicht einmal bis in den Viertelfinal hatte es die Weltranglistenerste in Melbourne, Paris und Wimbledon geschafft – seit 2011 hatte es keine Saison mehr ohne eine der vier grossen Trophäen für die Ausnahmespielerin gegeben, und da war Williams gerade von einer schweren Verletzung zurückgekehrt. Nun heisst es in New York: hopp oder top.

«Ich denke, Serena will jetzt um jeden Preis hier gewinnen», glaubt ihre derzeit verletzte Landsfrau Bethanie Mattek-Sands. «Es ist ihre letzte Chance, um nicht mit leeren Händen dazustehen. Das will sie nicht zulassen.» Fünf Turniersiege hat die jüngere der beiden Williams-Schwestern in diesem Jahr dennoch verbucht, obwohl ihre Leistungen so schwankten wie lange nicht. Hinzu kam der seltsame Eindruck, den sie nach ihrem Drittrundenaus in Wimbledon bei ihrer Aufgabe im Doppel hinterliess. An der Seite ihrer Schwester Venus wollte sie spielen, bewältigte aber nicht einmal mehr das Aufwärmen. Sie wirkte desorientiert, schwindelig. Die Spekulationen überschlugen sich danach, sie reichten von angeblicher Schwangerschaft über Alkoholkonsum bis zum Missbrauch anderer Rauschmittel – keine dieser Unterstellungen sind haltbar. Dennoch wirkte Williams’ stoische Erklärung, es habe sich um einen Virus gehandelt, ebenso wenig glaubhaft. Aber Genaueres wird man auch in diesem Fall nicht erfahren, der Williams-Clan ist von jeher eine verschworene Gemeinschaft, aus der nicht die geringste Kleinigkeit nach aussen dringt.

Dennoch, seit Wimbledon hat Serena Williams einen zunehmend stärkeren Eindruck hinterlassen, ihre Bilanz auf der Hartplatztour liegt vor dem US Open bei 12:1. Nur ihre Schwester Venus vermochte sie beim Masters-Turnier in Montreal im Halbfinal zu bezwingen. Die Titel in Stanford und zuletzt in Cincinnati holte sich Serena Williams, die besonders nach dem Finalsieg über Ana Ivanovic ihre Favoritenstellung für Flushing Meadows untermauerte.

Vor allem ihr Aufschlag, der der beste im Frauentennis ist, funktioniert endlich wieder als scharfe Waffe. Auch ihr zuletzt durchwachsener Return bessert sich zusehends. Caroline Wozniacki konnte Williams im Viertelfinal unglaubliche sieben Mal den Aufschlag abnehmen, gewinnen aber konnte die Dänin nicht. «Was Serena ausmacht, ist ihre Fähigkeit, dass es irgendwann einfach klick macht», meinte Mouratoglou, «auf einmal ist ihr Level wieder da und bleibt auch.» Am ersten Trainingstag in Cincinnati habe es plötzlich «klick» gemacht, erklärte Williams, «seither spiele ich immer besser und es läuft wieder.»

Der Mann an ihrer Seite

Grossen Anteil an der Wende dürfte wohl Mouratoglou haben, der Mann an ihrer Seite in beruflicher und privater Hinsicht. Wenn ihr der Franzose etwas rät, hört Williams zu. Und das ist immer noch ungewöhnlich für eine, die bisher niemandem ausserhalb ihrer Familie vertraut hatte. Mit ihm hat die Amerikanerin bisher vier Grand-Slam-Turniere gewonnen. «Für Serenas Verhältnisse war es ein schlechtes Jahr bisher, das stimmt», sagte Mouratoglou, «aber man kann eben nicht immer alles gewinnen. Ich bin aber sicher, dass sie dieses unglaubliche Level vom letzten Jahr wieder erreichen kann.» In der ersten Runde wird das die 18-jährige Amerikanerin Taylor Townsend wohl schmerzlich zu spüren bekommen.