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Seit 2017 fährt Marlen Reusser Radrennen, nun holt sie an der WM die Silbermedaille

Das Lachen ist verdeckt, die Augen strahlen: Marlen Reusser nach ihrer Silbermedaille.

Das Lachen ist verdeckt, die Augen strahlen: Marlen Reusser nach ihrer Silbermedaille.

Marlen Reusser verpasst den WM-Titel knapp. Von der zwischenzeitlichen Führung erfährt sie erst im Ziel.

In ihren Augen ist der Stolz zu sehen. Marlen Reusser steht in Schutzmaske auf dem Podium gemeinsam mit zwei Niederländerinnen. Feierlaune kommt kaum auf, das Lächeln ist verdeckt. Und auch das Publikum bleibt dem Podium fern. Der Freude und dem Stolz tut dies wenig Abbruch. Silber hat Reusser geholt in einem packenden Zeitfahren an der Weltmeisterschaft im italienischen Imola.

«Natürlich bin ich sehr stolz über diese Medaille», meinte sie später. Wie die 28-jährige Senkrechtstarterin tickt, zeigt aber der nächste Satz: «Diese Medaille ist ein guter Schritt in die richtige Richtung.» Silber ist gut für den Moment. Irgendwann aber möchte sie die Konkurrenz überflügeln und sich das Weltmeistertrikot schnappen. Diesmal geht Gold noch an eine Niederländerin. Anna van der Breggen nimmt Reusser 15 Sekunden ab, an dritter Stelle klassiert sich mit Ellen van Dijk die zweite Niederländerin.

Im Schlussteil vergibt Reusser den Sieg

Wo sich Marlen Reusser den Rückstand in diesem Zeitfahren einhandelt, ist offensichtlich. Auf den anspruchsvollen letzten sechs Kilometern fährt ihr die Siegerin van der Breggen davon. «Wir haben einen Fehler in der Materialwahl gemacht», erklärt Reusser. «Ich hatte einen Gang zu wenig und blieb gefühlt stehen. Zudem habe ich in schwierigen Kurven noch Defizite, wodurch ich die entscheidende Zeit eingebüsst habe. Aber diese Tatsache motiviert mich auch: Wenn ich mich technisch verbessere, ist noch mehr möglich.»

Wäre das Rennen normal verlaufen, Reusser hätte sich wohl gar mit der bronzenen Medaille anfreunden müssen. Doch ein spektakulärer Sturz der zwischenzeitlich klar führenden Amerikanerin Chloe Dygert-Owen prägte das Zeitfahrrennen dieser WM. Die Titelverteidigerin fuhr zu schnell in eine Kurve, wurde über eine Leitplanke geschleudert und musste das Rennen verletzt aufgeben.

Der spektakuläre Sturz von Chloé Dygert

So führt plötzlich Reusser, die sogar auf die Goldmedaille hätte hoffen können. Von ihrer Führung weiss die Bernerin zu jenem Zeitpunkt aber nichts. «Leider habe ich überhaupt nicht gewusst, wie die Ausgangslage ist. Aus irgendeinem Grund habe keine Info über den Funk gekriegt und dachte, dass ich wohl nicht so gut auf Kurs bin. Von der guten Zwischenzeit zu wissen, hätte sicher motivierend sein können.»

Die Silberfahrt auf der rund 32 Kilometer langen Strecke habe sich nämlich alles andere als gut angefühlt. «Ich wusste, dass die ersten 15 Kilometern auch wegen des Windes hart werden würden, aber es war dann noch einiges schlimmer. Bis zur Hälfte des Rennens hatte ich nicht das Gefühl, den Rhythmus finden zu können. Vor dem Rennen habe ich auf eine Medaille gehofft. Währenddessen schwand aber der Glaube daran.» Dass nach einer solch schwierigen Fahrt dennoch die Silbermedaille hinausschaute, spricht für die beeindruckend gute Form von Marlen Reusser.

Spricht von einem sehr harten Rennen in Imola: Marlen Reusser.

Spricht von einem sehr harten Rennen in Imola: Marlen Reusser.

Mit ihrer ersten WM-Medaille fügt die ausgebildete Ärztin einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte ein weiteres Kapitel hinzu. Erst seit 2017 bestreitet Reusser Velorennen, seit 2019 ist sie Profi. Und auch ihre WM-Resultate gleichen einem Steigerungslauf. Sie zählt auf: «Bei der ersten Teilnahme war ich 28., bei der zweiten 17., bei der dritten 6. Meinen Berechnungen zu Folge hätte ich nun auf Rang minus 5 landen müsste», scherzt Reusser. «Mit dem zweiten Rang kann ich aber auch gut schlafen.»

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