Skispringer-Freundschaft
Ex-Weltmeister Andreas Küttel erklärt, wieso Wegbegleiter Simon Ammann noch immer Athlet ist

Der 42-Jährige berät die Schweizer Skispringer und steht in Engelberg nach vielen Monaten erstmals wieder an einer Schanze. Darüber fliegt er im Gegensatz zu Freund Simon aber nicht mehr.

Rainer Sommerhalder
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Andreas Küttel (rechts) und Simon Ammann verbindet eine langjährige Freundschaft. Die Einladung zu einer Rücktrittsparty habe er von «Simi» aber noch nicht bekommen.

Andreas Küttel (rechts) und Simon Ammann verbindet eine langjährige Freundschaft. Die Einladung zu einer Rücktrittsparty habe er von «Simi» aber noch nicht bekommen.

Keystone

«Komm, wir gehen Skispringen.» Es ist kein Satz, den sportbegeisterte Eltern oft zu ihrem Kind sagen. Auch Andreas Küttels zwölfjähriger Sohn Oliver kriegt ihn nicht zu hören. Der Flug durch die Lüfte hat etwas Exklusives an sich. Nur wenige Menschen wissen, wie es sich anfühlt, von einer Schanze zu springen. «Als ich 12 Jahre alt war, bin ich schon 100 Meter weit geflogen», sagt Ex-Weltmeister Küttel und lacht.

Dieses Gefühl kann man auch nicht teilen. Im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten mit Familientradition überträgt sich die Begeisterung für das Skispringen deshalb nicht einfach so auf die nächste Generation. Bei Oliver haben selbst der Vater sowie Götti Simon Ammann nicht gereicht, um ihn diesbezüglich zu prägen.

Ein Traum verbindet Küttel und Ammann

Die beiden langjährigen Weggefährten und Freunde Andreas Küttel und Simon Ammann verbindet ein wichtiger Antrieb in ihrem Sport. Beide träumten vom perfekten Sprung. Der vierfache Olympiasieger tut es mit 40 Jahren noch immer. Küttel hob vor zwei Jahren im selben Alter ebenfalls nochmals ab, wie nach seinem Rücktritt von 2011 jedes Jahr zu einigen «lustbetonten» Sprüngen. «Obwohl ich vor neun Jahren eigentlich dachte, nie mehr von einer Schanze zu springen.»

Doch dann staunte der fünffache Weltcupsieger, wie er nach Monaten ohne spezifisches Training schnell wieder ins Fliegen kam. Nun aber lassen die körperlichen Fähigkeiten, die es für den Sport braucht, definitiv nach. Küttel glaubt, dass er den letzten Sprung hinter sich hat.

Wann dies bei Freund Simon der Fall sein wird, weiss der Einsiedler, der seit 2011 mit Ehefrau Dorota in Dänemark lebt, nicht. «Simon ist sich in dieser Frage in all den Jahren treu geblieben, seit er mit dem Thema Rücktritt konfrontiert wird. Er entscheidet das für sich und zieht mich und andere aus seinem Umfeld nicht mit ein. Für Simon passt es so», sagt Küttel.

Aber folgen Sportler wie Ammann oder der Japaner Noriaki Kasai, die bis ins hohe Sportleralter Wettkämpfe bestreiten, dieser exklusiven Sucht des Fliegens? Und kompensierten ehemalige Athleten wie der verstorbene Matti Nykänen oder der Österreicher Andreas Goldberger nach dem Rücktritt mit Alkohol- oder Kokain-Eskapaden gar eine Art von Entzug?

Andreas Küttel glaubt nicht, dass es für einen Skispringer speziell schwierig ist, sich von diesem Gefühl in der Luft zu verabschieden. Der Sportwissenschafter forscht an der Universität von Odense zu Themen wie dem Übergang vom Sport- ins Berufsleben sowie zur mentalen Gesundheit von Sportlerinnen und –sportlern nach dem Karriereende.

Für Skispringer ist Abschied nehmen nicht schwieriger

Küttel sagt, dieser Wechsel benötige Zeit. Rund 15 Prozent empfinden nach dem Rücktritt verstärkt Angst oder Niedergeschlagenheit. Frauen seien mehr betroffen. «Aber es gibt kein Muster, dass es in gewissen Sportarten öfters vorkommt. Es ist vielmehr eine Frage, wie du als Mensch zum Zeitpunkt des Rücktritts aufgestellt bist.»

Der Schwyzer sagt, ein wichtiger Punkt sei, ob man den Rücktritt selbst bestimmen kann oder ob er etwa durch eine Verletzung diktiert wird. Es gebe bei der Entscheidungsfindung sogenannte Push- und Pull-Faktoren und deren Antagonisten. «Push-Faktoren, ob der Rücktritt eine gute Entscheidung ist, sind zum Beispiel Konflikte im Team oder mit Trainern sowie der Ausstieg von Sponsoren. Zu den Pull-Argumenten zählen die Sehnsucht nach der Familie, nach dem sozialen Netzwerk oder einem normalen Leben. Die Beurteilung des Rücktritts als Chance und nicht als Verlust.

Ammann wie Roger Federer oder Nicola Spirig

Gegenargumente, die fürs Weitermachen sprechen, sind fehlende Pläne für das Berufsleben, der Lifestyle eines Spitzensportlers oder sportlicher Erfolg. «So lange diese Faktoren überwiegen, gibt es gute Gründe, den Sport weiterhin auszuüben», sagt Küttel. Das werde sich neben Simon Ammann auch ein Roger Federer oder eine Nicola Spirig so sagen.

Die frühzeitige Karriereplanung ist ein Thema, welches Andreas Küttel im Rahmen seines Beratermandats fürs Schweizer Skisprungteam mit den Athleten anschaut. Grundsätzlich spricht der 42-Jährige über all die vielen Details, die einen Skispringer in seinem Alltag beschäftigen. Und die wohl keiner so gut versteht, wie ein ehemaliger Skispringer. «Obwohl ich mir durch meine Arbeit auch eine Leistungssteigerung erhoffe, steht die Person als solches und nicht die Leistung im Vordergrund», sagt Küttel.

Er freut sich sehr auf die Rückkehr an die Schanze beim Weltcup in Engelberg. Letztmals live dabei war er im März 2020 in Oslo. Die Corona-Pandemie hat auch die Arbeit von Küttel weitestgehend in die digitale Welt verdrängt. Trotzdem fühlt er sich persönlich und thematisch nahe dran. So half er, im Team die «Vision Peking» aufzubauen. Im Lead sei hier Killian Peier. Der Romand ist zugleich die grösste Medaillenhoffnung für die Olympischen Spiele. Ausser Simon Ammann erfüllt sich zum richtigen Zeitpunkt die Sehnsucht nach dem perfekten Sprung.