Ski Alpin

Schweizer Slalomfahrer müssen sich in der neuen Realität zurechtfinden

Wengen: Yule und Zenhäusern verpassen im Slalom das Podest nur knapp

Wengen: Yule und Zenhäusern verpassen im Slalom das Podest nur knapp

Am Schluss fehlten den Schweizern nur wenige Hundertstel zum ersten Top-3-Platz im Slalom von Wengen seit 21 Jahren. Ramon Zenhäusern und Daniel Yule mussten sich zeitgleich mit dem fünften Platz begnügen. Sehr guter Achter wurde die Genfer Nachwuchshoffnung Tanguy Nef. Das Rennen gewann der Franzose Clément Nöel.

Die Schweizer Skifahrer brillieren im Slalom von Wengen mit vier Fahrern in den Top 10 als Team, verpassen aber knapp das Podest. Soll man jetzt jubeln oder enttäuscht sein? Selbst die Fahrer hatten keine schlüssige Antwort.

Wo liegt der Wert einer Leistung? Die Schweizer Slalomfahrer waren sich darüber nach dem Heimrennen in Wengen selbst nicht sicher. Platz fünf für die zeitgleichen Walliser Daniel Yule und Ramon Zenhäusern, Rang acht für Newcomer Tanguy Nef und Loic Meillard auf Position zehn. Erst einmal in der 43-jährigen Geschichte des alpinen Skiweltcups war das Schweizer Slalomteam mannschaftlich besser (2017 in Levi). Grund also zur Freude.

Das ist die eine Seite der neuen Realität. Die andere lautet: Nach zuletzt zwei Siegen und drei Podestplätzen im Weltcup in Folge wäre es nur allzu schön gewesen, zum ersten Mal seit 1999 (2. Rang von Michael von Grünigen) aufs Podest zu fahren oder noch besser zum ersten Mal seit 1987 (Joel Gaspoz) den Lauberhorn-Slalom zu gewinnen. Die Winzigkeit von sieben Hundertstelsekunden fehlte den beiden Aushängeschildern dazu. Grund also zur Enttäuschung.

Die Schwierigkeiten beim Einordnen der Leistung

Das Einordnen der Leistung in den Wettkampfanalysen von Yule und Zenhäusern mahnte an den Wengener Slalomhang. Derart coupiert und steil, dass man die richtige Mischung zwischen Attacke und Kontrolle finden musste. Der Olympiazweite Ramon Zenhäusern zuckte mit den Schultern. «Es ist fast schon verrückt, wenn man darüber nachdenkt, ob man über einen fünften Rang enttäuscht sein soll», sagte der 2.02 m grosse Oberwalliser. Er rang sich schliesslich dazu durch, mit dem Daumen nach oben zu zeigen.

Ebenso abgestuft der Kommentar von Daniel Yule. Es gebe für ihn zwei Wahrheiten. Mit dem ersten Lauf sei er nicht zufrieden, weil er sich nicht mit der Unterlage und der Kurssetzung anzufreunden vermochte.

Vom Auftritt im zweiten Lauf, in welchem er sich um sieben Positionen verbesserte und Tagesgewinner Clément Noël beinahe sechs Zehntelsekunden abnahm, zeigte sich der Sieger von Adelboden und Madonna di Campiglio deutlich mehr angetan. Und vor allem mit der Erkenntnis, «dass ich mich auch zwischen den zwei Läufen neu auf die Bedingungen einstellen konnte». Der Hundertstelkrimi um die Podestplätze hingegen liess Yule kalt:

Nüchtern wie gewohnt zog Männer-Cheftrainer Tom Stauffer Bilanz. Wengen habe die Bestätigung für den eigenen Anspruch geliefert, dass mehrere Schweizer Slalomfahrer um die Podestplätze mitkämpfen können. «An einem guten Tag stehen wir dann auch da oben, an einem etwas weniger guten Tag eben nicht.»

Daniel Yule im Wengener Steilhang, den er im zweiten Lauf mit der besten Abschnittszeit hinter sich brachte. (Bild: Anthony Anex/Keystone; 19. Januar 2020)

Daniel Yule im Wengener Steilhang, den er im zweiten Lauf mit der besten Abschnittszeit hinter sich brachte. (Bild: Anthony Anex/Keystone; 19. Januar 2020)

Hirschers Kronprinz wiederholt Vorjahressieg

Der erst 22-jährige Clément Noël war auf dem anspruchsvollen Slalomhang allen Konkurrenten mindestens eine Skilänge voraus. So wiederholte der Franzose, den Marcel Hirscher schon früh zu seinem legitimen Nachfolger adelte, den Erfolg aus dem Vorjahr. Damals schlug Noël, bei seinem ersten Weltcupsieg notabene, auch den österreichischen Überflieger.

Inzwischen hat sich Clément Noël mit seinem spielerisch leichtfüssigen Fahrstil in der Weltspitze etabliert. Trotz akuten Rückenproblemen in der Vorbereitung liest sich seine Statistik wie die eines Champions: In acht der letzten zwölf Slaloms stand er auf dem Podest.

Wengen. Weltcup-Slalom der Männer: 1. Noël (FRA) 1:45,40. 2. Kristoffersen (NOR) 0,40 zurück. 3. Choroschilow (RUS) 0,83. 4. Voss-Solevaag (NOR) 0,85. 5. Daniel Yule (SUI) und Ramon Zenhäusern (SUI), je 0,90. 7. Schwarz (AUT) 0,91. 8. Tanguy Nef (SUI) 1,05. 9. Grange (FRA) 1,23. 10. Loïc Meillard (SUI) 1,32. – Ferner: 24. Reto Schmidiger (SUI) 2,58. 25. Sandro Simonet (SUI) 2,67. – Ausgeschieden u. a.: Pinturault (FRA).

Weltcup-Gesamtwertung (nach 21 von 44 Rennen): 1. Kristoffersen (NOR) 691. 2. Pinturault (FRA) 613. 3. Kilde (NOR) 591. 4. Paris (ITA) 556. 5. Mayer (AUT) 512. 6. Beat Feuz (SUI) 461. – Ferner: 9. Daniel Yule (SUI) 335. 11. Loïc Meillard (SUI) 307. 16. Mauro Caviezel (SUI) 262. 18. Ramon Zenhäusern (SUI) 225. 19. Marco Odermatt (SUI) 222.

Slalom (nach 6 von 12 Rennen): 1. Kristoffersen 402. 2. Noël (FRA) 340. 3. Yule 335. 4. Zenhäusern 225. 5. Pinturault 206. 6. Voss-Solevaag (NOR) 202. – Ferner: 11. Meillard 117. 16. T Nef (SUI) 88. 29. Simonet (SUI) 48.

Nationen (nach 38 von 85 Wertungen): 1. Schweiz 4653. 2. Österreich 4376. 3. Norwegen 3604. 4. Italien 3554. 5. Frankreich 3126. 6. USA 2100.

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