Olympische Spiele

Schweizer Olympia-Legenden fordern Verschiebung – IOC-Mitglied sagt: «Es ist bereits beschlossene Sache»

Das Corona-Virus diktiert die Sportagenda. Kanada und Australien boykottieren die Olympischen Spiele in Tokio (24. Juli bis 9. August). Nun hat Swiss Olympic einen Antrag auf Verschiebung der Spiele gestellt.

Man ziert und windet sich und spielt auf Zeit. Dabei ist längst klar: Die Olympischen Spiele in Tokio finden nicht statt. Zumindest nicht wie einst geplant vom 24. Juli bis 9. August. Und glaubt man der «USA Today», ist die Verschiebung beschlossene Sache, wie der Kanadier Dick Pound, ein ranghohes Mitglied des Exekutivkomitees des IOC, bestätig. Es ist die logische Konsequenz. Denn wegen der Corona-Pandemie finden schon längst keine Wettkämpfe mehr statt, eine faire Qualifikation ist nicht möglich, nicht einmal an Training ist derzeit zu denken.

Am Montag hat Swiss Olympic beim IOC einen Antrag auf Verschiebung der Olympischen Spiele gestellt, wie Präsident Jürg Stahl mitteilt. Er sagt: «Die Olympischen Spiele sind ein Zeichen der Hoffnung, Zuversicht und Lebensfreude – aber nur, wenn sie von allen Athletinnen und Athleten aus allen Ländern, Volunteers, Offiziellen und dem Publikum sicher und friedlich erlebt werden können.»

Schweizer Boykott scheint nicht ganz ausgeschlossen

In einem offenen Brief teilte Swiss Olympic dem IOC seine Bedenken mit. Delegationsleiter Ralph Stöckli sagt: «Die Olympischen Spiele sollten nicht stattfinden, solange das Virus weltweit nicht unter Kontrolle gebracht ist. Daran halten wir fest. Es ist eine klare Ansage.» Derzeit werden die Athleten befragt, wie sie zu einer Verschiebung der Spiele stehen. Auch ein Boykott könnte zum Thema werden. Das gab es in der Schweizer Olympia-Geschichte erst einmal: 1956 blieb die Schweiz aus Protest gegen die Niederschlagung der Oktoberrevolution in Ungarn durch die damalige Sowjetunion den Spielen in Melbourne fern. Für einen gültigen Beschluss müsste eine ausserordentliche Versammlung des Sportparlaments einberufen werden. Diese müsste wegen des temporären Versammlungsverbots telefonisch durchgeführt werden und die Stimmabgabe schriftlich erfolgen.

Unterstützt wird der Wunsch nach einer Verschiebung von den Swiss Olympians. Dem Verein gehören 800 ehemalige und aktuelle Olympia-Teilnehmer an. Die Liste der Mitglieder liest sich wie ein Streifzug durch die helvetische Sportgeschichte: Roger Federer, Bernhard Russi, Giulia Steingruber, Mujinga Kambundji, Nicola Spirig – auch alt Bundesrat Adolf Ogi ist Mitglied. Präsidiert wird der Verein von der ehemaligen Fechterin und Olympia-Silber-Gewinnerin Gianna Hablützel-Bürki. Sie sagt: «Das sind keine fairen Bedingungen und ist nicht im Interesse des Sports.»

Das Damoklesschwert schwebt schon lange über dem IOC. Obwohl sich Präsident Thomas Bach mit Händen und Füssen dagegen wehrt, weshalb «Die Welt» den Olympia-Sieger im Florett zuletzt hämisch als «irrenden Durchfechter» bezeichnete. Nun könnte ihm und den Spielen ausgerechnet ein Fechter den Todesstoss versetzt haben. Der Degenfechter Max Hartung sagte im «Sportstudio»: «Es bricht mir das Herz. Aber ich gehe nicht nach Tokio.» Er brach damit eine Welle los.

Hayley Wickenheiser ist viermalige Olympiasiegerin im Eishockey, Ärztin und gehört der Athletenkommission des IOC an. Die Kanadierin sagt: «Wir sollten keine Durchhalteparolen verbreiten. Jetzt helfen nur drastische Massnahmen. Wir müssen Menschlichkeit zeigen.» Bach versuchte in einem Brief an die Athleten, den der «Spiegel» als «Papier der Hilflosigkeit» bezeichnete, zu besänftigen und schrieb: «In dieser beispiellosen Krise sind wir uns alle einig.» Doch das Gegenteil ist der Fall, die olympische Familie ist tief gespalten. Auf der einen Seite die Athleten, auf der anderen die Funktionäre.

Eine Verschiebung der Spiele wäre ein Novum

Gastgeber Japan hat gegen 26 Milliarden Dollar investiert. Die Olympischen Spiele sollen ein Symbol für die Resilienz Japans werden und stehen, neun Jahre nach dem Tsunami und der Nuklearkatastrophe von Fukushima, wo am Donnerstag der Fackellauf beginnt, unter dem Motto: «Hoffnung erhellt unseren Weg.» Doch inzwischen gibt es auch in Japan kritische Stimmen. Geldgeber wie Toyota, Panasonic und Bridgestone verlangen Klärung. Und Japans Premierminister Shinzo Abe sagte im Parlament, dass eine Verschiebung wahrscheinlich sei.

Absagen – das gab es in der Geschichte der Olympischen Spiele fünf Mal, drei Mal war Japan betroffen: 1916 fielen die Sommerspiele in Berlin wegen des Ersten Weltkriegs aus. Dem Zweiten Weltkrieg fielen die Sommerspiele 1940 in Tokio und 1944 in Berlin zum Opfer, dazu die Winterspiele 1940 in Cortina d’Ampezzo und 1944 in Sapporo. Eine Verschiebung wäre ein Novum. Alles andere wäre angesichts der Entwicklungen der vergangenen Wochen blanker Hohn. Vielleicht wird nur noch am Text gefeilt. Damit aus dem Papier der Hilflosigkeit eine Ode des Triumphs und eine Hymne auf den olympischen Gedanken wird.

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