Schweizer Leichtathletik
Schneller und schneller: Das Sportjuwel aus den Bergen

Der 21-jährige Bündner Williams Reais betreibt die Sportart erst seit fünf Jahren. Doch bereits jetzt sieht man im wortgewandten Sprinter das Potenzial für die Leichtathletik-Weltklasse.

Rainer Sommerhalder
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William Reais bei seinem persönlichen Rekord über 200 m in der Halle in Magglingen.

William Reais bei seinem persönlichen Rekord über 200 m in der Halle in Magglingen.

Athletix

Er war im Corona-Sommer 2020 die Schweizer Leichtathletik-Überraschung schlechthin. Kein Europäer lief über 200 m so schnell wie der 21-jährige Churer William Reais. Als an den nationalen Meisterschaften in Basel die Zeit von 20,24 Sekunden aufleuchtete, war Reais selbst total verblüfft. Er hätte sich eine solche Zeit noch nicht zugetraut.

Denn William Reais ist ein Spätzünder. Erst mit 16 Jahren versuchte sich der Sohn von portugiesischen Eltern mit Wurzeln in Angola in der Leichtathletik. Zuvor war er ein nicht untalentierter Nachwuchsfussballer. Das noch kurze Leben als Leichtathlet erklärt die enormen Leistungssteigerungen der vergangenen Monate.

Die Anfang Februar aufgestellte Zeit von 6,76 Sekunden über 60 m in der Halle war bereits die vierte Distanz, auf welcher sich der Schützling von Trainer Flavio Zberg massiv steigerte. Um die Ewigkeit von 16 Hundertstelsekunden pulverisierte er seine Bestmarke aus dem Vorjahr auf der kürzesten Sprintdistanz.

Enorme Steigerung in den vergangenen 12 Monaten

Solche Quantensprünge gelangen dem gelernten Kaufmann, der seine 50-Prozent-Anstellung bei der Graubündner Kantonalbank auf Ende 2020 kündigte und seither als Profisportler lebt, in der vergangenen Freiluftsaison gleich dreifach: 10,35 über 100 m, 20,24 über 200 m und 46,39 über 400 m lautet die neue sportliche Wahrheit von Williams Reais.

Der stets gut gelaunte und kommunikative Bündner verschiebt seine Grenzen laufend. Für die Schweizer Meisterschaften am Wochenende in Magglingen hat er sich den 23 Jahre alten Rekord über 200 m von Kevin Widmer (20,99) als Ziel vorgenommen. 21,05 lief er vor zwei Wochen bereits. Diese Distanz in der Halle komme ihm aufgrund der zwei engen Kurven wie eine zusätzliche Disziplin vor, sagt Reais. «Es fühlt sich beinahe an, als würde ich über 400 m antreten.»

Viel Talent und harte Arbeit - das Erfolgsrezept von William Reais.

Viel Talent und harte Arbeit - das Erfolgsrezept von William Reais.

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Diese ganze Bahnrunde im Freien beurteilen viele Experten als massgeschneidert für den eher schmal gebauten und weniger muskelbepackten Bündner. Er selber will sich nicht fix festlegen. Für die Olympischen Spiele in Tokio konzentriert er sich auf die 200 m. Dafür muss er exakt seine Bestzeit wiederholen oder zu den Top 56 der Welt gehören. Beides sieht er als machbare Vorgabe an. Ein grosses Ziel von Reais ist auch die U23-Europameisterschaft im Sommer. Selbstbewusst spricht er von der möglichen Goldmedaille.

Die schwierige Situation rund um Corona scheint den Aufschwung der Schweizer Leichtathletik nicht zu bremsen. Bereits vor dem nationalen Höhepunkt der Hallensaison haben sich nicht weniger als 16 Frauen und zehn Männer für die Europameisterschaft von Anfang März in Polen qualifiziert.

Die Leichtathletik-Boygroup mit Weltklasse-Potenzial

Und während in vergangenen Jahren eher die Frauen für die sportlichen Highlights sorgten, wächst derzeit eine junge Generation von Athleten mit riesigem Potenzial heran, etwa Zehnkämpfer Simon Ehammer, Hürdensprinter Jason Joseph oder eben William Reais. Alle drei gehören zum Förderprogramm «World Class Potentials» und profitieren so von einer speziellen finanziellen Unterstützung.

Joseph und Reais sind nicht nur beste Kumpels, sie verbindet auch der spezielle Mix zwischen ausgesprochener Lockerheit und zielgerichteter Fokussierung. Und Reais ist einer, der trotz aller Unbekümmertheit über den Tellerrand hinausschaut. Natürlich nehme er die Situation mit Corona als Belastung wahr. Wenn man nicht wisse, wie die Saison aussehe, ob Olympia überhaupt stattfinde, für welches Ziel man genau trainiere. «Aber wir Spitzensportler dürfen uns nicht beklagen, wenn wir mit den echten Problemen vergleichen, die unsere Gesellschaft mit dem Virus hat.»