Gschobe

Ruhe, Tami nomol

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Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 46 und 50, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule.Pius, Qualitätsmanager, Appenzell - David, Lehrer, Speicher AR - Tobias, Consultant, Zürich - Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG - François, Journalist, Windisch

Pius: Oh wie schön, dass Alain Sutter Sportchef in St. Gallen bleibt.
Tobias: Wieso? Bestand das Risiko, dass er geht?
Pius: Lebst du auf dem Mond? Über Wochen wurde darüber spekuliert, dass Sutter der neue Nati-Manager wird.
Tobias: Natürlich hab ich das mitgekriegt. Aber nicht wirklich ernst genommen. Für mich roch es bei den Spekulationen nach ziemlich viel taktischem Kalkül. Und zwar von allen beteiligten Seiten.
David: Item. Fakt ist: Der neue Nati-Manager heisst nicht Andermatt, nicht Sutter, nicht Bickel, nicht Knäbel sondern Pierluigi Tami.
Flavio: Eine logische Wahl. Denn mit allen anderen Kandidaten kann sich der Petkovic doch gar nicht richtig verständigen. Parliamo Italiano im Nati-Staff, das ist nun Mode.
François: Nach dem Rösti- der Risotto-Graben?
David: Dazwischen war noch der Balkan-Doppeladler-Graben.
François: Gewiss. War eine ironische Bemerkung von mir.
Flavio: Aber irgendwann wird der Risotto oder Polenta oder wie man den Graben im Nationalteam nennt zum grossen Medien-Tamtam.
François: Bewahre!
Tobias: Nein, es wird so kommen. Wenn es schlecht läuft, wird argumentiert: Das Tessin hat zwar nur 350 000 Einwohner aber die Macht im Schweizer Fussball.
François: Vielleicht akzentuiert sich das Problem im Kleinen. In Minusio, dem neuen Epizentrum des Schweizer Fussballs.
Flavio: Weil Petkovic und Tami dort wohnen? David: Ich sehe schon die Schlagzeile: «Der Minusio-Graben spaltet die Fussball-Schweiz». Und die Minusianer reiben sich ob der Publizität die Hände.
Pius: Ich sehe nicht, wie der stille Herr Tami im Nationalteam für Unruhe sorgen könnte.
Tobias: Du blendest einen entscheidenden Punkt aus. Tami war es, dem bei der Wahl zum Nationaltrainer Petkovic vorgezogen wurde. Sprich: Verletztes Ego. Und nun ist dieser Tami Kraft seines Amts der Vorgesetzte von Petkovic. Das birgt gehöriges Konfliktpotential für einen Nachbarschaftsstreit in Minusio.
David: Die Wahl Tamis ist aber auch aus anderen Gründen fragwürdig. Wenn mein Dach ein Loch hat, rufe ich ja auch nicht den Sanitär.
Pius: Hä?
David: Tami ist Trainer. Aber der Fussballverband hat keinen Trainer, sondern einen Manager gesucht. Einen Kommunikator, der uns die Nati besser verkauft. Einen, der Gräben zuschüttet. Einen Mann mit gewinnendem Wesen und feinem Sensorium. Tami ist vieles, aber sicher keine Rampensau und erst recht kein Verkäufer.
Pius: Dafür gilt Tami als seriöser und stiller Schaffer.
Tobias: Das ist ja genau das Problem. Wenn er schon bei seiner Präsentation sagt, er wolle nicht stören, frage ich mich: Wozu braucht es ihn überhaupt? Oder ist das einfach nur ein Zückerchen für einen, der sich übergangen fühlt? Das kann es doch nicht sein.
Pius: Also doch kein Minusio-Graben? Wie schade.
François: Lassen wir das mit dem blöden Graben. Was die Nationalmannschaft definitiv nicht braucht ist ein Manager im Ruhemodus. Diese Mannschaft, ja der ganze Fussballverband braucht einen unangenehmen Querdenker. Einen Visionär. Einen Störenfried. Einen Wachrüttler. Es braucht keinen Beamten, sondern einen, der versucht, die alten Krusten aufzubrechen.
David: Schlafende soll man nicht stören. Buona notte.

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Autor

François Schmid-Bechtel

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