Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann lässt sich in seinem Unmut in Adelboden zitieren: «Ich sage lieber nichts, sonst sage ich etwas Falsches». Ein Jahr vorher kritisierte Adolf Ogi: «Das hätte zu meiner Zeit kein Direktor überstanden.» In drei Adelboden-Riesenslaloms hintereinander nie ein Schweizer in den Top 20, da fällt Zuversicht schwer. Dabei deuten viele Faktoren auf einen Turnaround – vielleicht schon in St. Moritz?

Pirmin Zurbriggen und Joël Gaspoz waren die Aushängeschilder der 80er-Jahre. Bevor die vier Musketiere Michael von Grünigen, Urs Kälin, Paul Accola und Steve Locher neue Massstäbe setzten. In den Neunzigerjahren fuhren sie unter ihrem schillernden Trainer Fritz Züger 21-mal aufs Podest.

Der Rücktritt des 23-fachen Weltcupsiegers und zweifachen Weltmeisters Mike von Grünigen 2003 bildete einen ersten Break. Speedfahrer Didier Cuche hielt während ein paar Jahren die Fahne hoch, warnte aber schon damals: «Wenn man weiterhin die Kurse so eng ausflaggt, werden Abfahrer in dieser Disziplin keine Chance mehr haben.»

Die Materialrevolution

So dauerte es sechs Jahre, bis nach von Grünigens Abgang sich Schweizer wieder in die Siegerliste eintrugen. Die Ski-Zwillinge Daniel Albrecht und Marc Berthod liessen die Tradition wieder aufleben. Und Albrecht kündigte an: «Passt auf, da kommt einer, der ist mindestens so gut – Carlo Janka.» Tüftler Albrecht war während der Materialrevolution, bei der Atomic mit seinem «Doppeldecker» und Salomon mit dem identischen «Powerliner» der Konkurrenz enteilten, quasi der Testpilot für den Bündner.

Dieser räumte ein: «Materialtests sind nicht meine ultimative Stärke.» Sogar Marcel Hirscher gestand nach seinem ersten Weltcupsieg 2009 in Val d’Isère: «Ich habe Dani im Riesenslalom viel zu verdanken. Ich konzentrierte mich vor allem auf die Entwicklung der Slalom-Ski.»

So verlief Tag 11 in St. Moritz mit dem Riesenslalom der Frauen:

Nach Albrechts schwerem Unfall in Kitzbühel für acht Jahren wurde Janka Weltmeister und Olympiasieger. Der Walliser machte aus seinem Herzen keine Mördergrube: «Einige Male ist es mir schon durch den Kopf gegangen, was hätten sein können, wenn ...». Die Entwicklung bei Skihersteller Atomic konzentrierte sich in der Zwischenzeit immer mehr auf den neuen Superstar Hirscher. Bei Janka spürte man die Verunsicherung: «Ich weiss gar nicht, was in der Firma läuft.» Wenig später wechselte er nach 14 Jahren Atomic zu Rossignol.

Vorher hatte Janka, nach Rücken- und Herzproblemen sowie einer mysteriösen Viruserkrankung den Riesenslalom in Kranjska Gora gewonnen, eine Hundertstelsekunde vor dem aufstrebenden Alexis Pinturault. Das war am 5. März 2011. Nur zwei Wochen vorher war er am Herzen operiert worden.

Durststrecke in der Paradedisziplin

Dieses Datum ist deshalb von Relevanz, weil seither Swiss Ski eine der schmerzhaftesten Krisen in seiner einstigen Paradedisziplin durchlitt. An jenem Tag feierte die Schweiz nicht nur ihren letzten Sieg, es blieb auch der letzte Podestplatz – bis heute. Sogar Top-Ten-Plätze sind fast an einer Hand abzuzählen.

Der Gründe gibt es einige: Der wichtigste war die Materialumstellung. Wegen zahlreicher Kreuzbandrisse verbot die FIS die stark taillierten Ski. Diese wurden länger, erlaubten nicht mehr einen so engen Radius und sollten dafür weniger Knieverletzungen provozieren. Dieses Ziel wurde erreicht, dafür nahmen die Rückenverletzungen zu. Vor allem junge Fahrer hatten nicht die nötige Rumpf-Muskelkraft, um die sperrigen Bretter zu bändigen.

Carlo Janka gewinnt Gold in Val-d'Isère.

Carlo Janka gewinnt Gold in Val-d'Isère.

Man schuf eine Art Inzucht. Die Spezialisten blieben unter sich. Kaum einer schaffte es, in diese geschlossene Gesellschaft einzubrechen, höchstens der eine oder andere Slalom-Spezialist wie das Jahrzehnt-Talent Henrik Kristoffersen. Die Kurssetzung erlaubte es den Slalomfahrern, sich wieder etwas näher an die «Riesen»-Spezialisten heranzupirschen. Dafür verloren die Speedfahrer, wie seinerzeit zu Cuche-Zeiten, definitiv den Anschluss. Janka ist noch der beste. Und wenn dieser sagt: «Ich würde meinen WM-Startplatz zur Verfügung stellen», sagt das wohl alles.

Der einstige Cheftrainer Osi Inglin hatte schon vor Jahren gefordert: «Wir müssen wieder Riesen-Spezialisten heranbilden, sonst haben wir keine Chance.» Doch genau in jener Periode fehlten Swiss Ski talentierte Nachwuchsfahrer. Inglin-Nachfolger Tom Stauffer sagte es einmal offen: «Bei vielen reicht es zu Platzierungen in den Top 20 und im optimalen Fall Grenze Top 10.»

Die bisherigen Schweizer Medaillengewinner an der Ski-WM:

Ob die Schweizer die Materialänderung unterschätzt haben oder Fehler in der technischen Ausbildung begangen haben, darüber streiten sich die Gelehrten. Von Grünigen sagte einmal: «Wenn ich unsere Fahrer mit jenen vergleiche, die an der Spitze sind, stelle ich fest, dass Defizite in der Technik und der Linienwahl bestehen. Die Tore müssten anders angefahren werden.»

Die Zukunft stimmt zuversichtlich

Fakt ist: Der so spektakuläre Riesenslalom geriet zu monotoner Privatangelegenheit einiger weniger Exponenten wie Hirscher, Ted Ligety oder zuletzt Pinturault, die über 80% aller Rennen gewannen. Bei dieser elitären Solisten-Show gingen die Schweizer «Riesen»-Piloten völlig unter.

Doch trotz vieler kritischer Stimmen zeichnet sich Morgenröte ab. Cuche ortete schon bei der Saisonpremiere in Sölden: «Es wächst ein starkes Team mit talentierten jungen Fahrern wie Justin Murisier, Loïc Meillard oder Marco Odermatt heran.» Von diesen fällt Junioren-Weltmeister Odermatt verletzt aus. Aber Murisier und Meillard ist in St. Moritz ein Exploit zuzutrauen. Und vielleicht wächst auch Gino Caviezel wieder mal über sich hinaus.

Dagegen wird Janka wohl erst in der nächsten Saison zu alter Stärke zurückfinden, wenn die nächste Materialänderung mit wieder stärker taillierten Ski in Kraft tritt. Auch Murisier, Meillard, Odermatt und Co. werden dann sicher nicht schwächer. Ein Ende des Tunnels ist sichtbar.

Das sind die letzten Schweizer WM-Riesen-Medaillengewinner: