Ski alpin
«Ich bin ein kleiner Spinner»: Philipp Kälin zeigt keine Furcht vor weiten Sprüngen

Der Schwyzer Skirennfahrer Philipp Kälin (17) mag es rasant. Er will dereinst die Streif in Kitzbühel bewältigen.

Peter Gerber Plech
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Der ehrgeizige Philipp Kälin setzt sich hohe Ziele.

Der ehrgeizige Philipp Kälin setzt sich hohe Ziele.

Bild: Rosmarie Knutti

«Hoi zämä, ich bi dä Philipp.» Mit einem Bild, das ihn lächelnd mit Ski und Helm zeigt, begrüsst Philipp Kälin die Besucherinnen und Besucher auf seiner Website. Sympathisch, locker und mit genauen Vorstellungen bezüglich seiner Skikarriere – so wirkt der in Steinen wohnhafte Rennfahrer. Im Winter 2022/23 ist der Aufstieg ins C-Kader von Swiss-Ski das Ziel. Bei allem Ehrgeiz aber halten Philipp Kälin und sein Umfeld die sportliche Fairness hoch. Während der FIS-Rennen auf dem Stoos übernachtete der Adelbodner Niklas Trummer, der härteste Konkurrent im Brack Swiss-Cup, bei den Kälins, damit die Anreise für die Rennen nicht zu weit war.

Im Skigebiet Stoos, wo die Eltern Kälin während vieler Jahre eine Hütte gemietet und mit ihren vier Kindern die Skiferien verbracht haben, wurde der Grundstein gelegt. Als Zweijähriger stand Philip Kälin erstmals auf den Ski. Via Kinderrennen im Skiclub Stoos fand er Gefallen am Wettkampf. Vor allem dann, wenn er die Rennen als Sieger beenden konnte. Die Erfolge blieben nicht aus, bei regionalen und später auch bei nationalen Vergleichen.

«Leistung zu bringen und dann das Gefühl zu haben, dass ich die Gegner beeindruckt habe – das hat einfach gutgetan»,

erinnert sich der heute 17 Jahre alte Gymnasiast der Sportmittelschule Engelberg.

Tendenz geht Richtung Speed-Disziplinen

Eindruck bei der Konkurrenz hinterlässt Kälin auch heute noch. Zum Beispiel in diesem Winter mit dem Gewinn der U18-Schweizer-Meisterschaften in der Abfahrt und in der Kombination sowie mit dem 2. Platz im Slalom. Oder als aktuelle Nummer 2 im Swiss Cup des Jahrgangs 2004. Die Tendenz gehe Richtung Speed-Disziplinen, sagt Kälin. Die körperlichen Voraussetzungen beim 1,87 m grossen und rund 85 kg schweren Athleten stimmen. «Gleiten, den Ski laufen lassen und die gute Hocke-Position gehören zu meinen Stärken. Was mir noch fehlt, ist die Konstanz, daran muss ich arbeiten», so Kälin. Alles mit dem Ziel, als Weltcup-Fahrer dereinst die Kitzbüheler Streif zu bewältigen. Nicht nur mitfahren, sondern um den Sieg mitkämpfen will der junge Schwyzer.

«Die TV-Bilder von der Streif beeindrucken mich. Angst aber habe ich nicht. Ich bin ein kleiner Spinner, der die Sprünge gerne weit gehen lässt und sie nicht drückt. Ich mag es, wenn es auf der Piste zur Sache geht und das Tempo hoch ist.»

In den Kinderjahren hatte Philipp Kälin ein grosses Vorbild: Didier Cuche. Der Super-G-Weltmeister von 2009 und mehrfache Kitzbühel-Sieger setzte sich vor Jahren bei einem internationalen Jugendskirennen an den Tisch des Schwyzers, gemeinsam tranken sie Ovo – was denn sonst? Vielleicht hat diese Begegnung auch das skifahrerische Denken und Handeln von Philipp Kälin geprägt. Eine andere Geschichte ist ebenso zentral für seine Entwicklung. «Bei einem Rennen, ich war sieben oder acht Jahre alt, bin ich auf einer harten, fast eisigen Piste durch die Gegend gerutscht und war chancenlos. Da hat meine Mutter realisiert, dass die anderen Kinder präparierte Ski mit geschliffenen Kanten an den Füssen hatten. Meine Ski hingegen haben damals einmal pro Jahr Wachs gesehen. Da war klar, dass wir etwas verändern müssen.» Prompt wurde Philipp Kälin besser. Erste Siege stellten sich ein, und die Mutter war ab sofort – und ist es bei Bedarf bis heute – als Teilzeit-Servicefrau für das schnelle Material an den Füssen des Sohnes verantwortlich.

Plötzlich gehörte er nicht mehr zu den Schnellsten

Eine Zäsur bildete der Aufstieg in die FIS-Stufe im Winter 2020/21. «Plötzlich waren die Eltern nicht mehr mit dabei, ich war mit anderen Fahrern und Trainern unterwegs zu den Rennen», erzählt Kälin. Es sei ein Abnabelungsprozess gewesen. Und es war nicht die einzige Veränderung. Plötzlich bestritt er Rennen, in welchen auch Fahrer mit Weltcup-Erfahrung am Start standen. Der Schwyzer musste sich als Rookie und als einer der Jüngsten neu positionieren. Er musste lernen, dass er nicht mehr zu den Schnellsten im Teilnehmerfeld gehört, dass er seine Resultate mit Fahrern der gleichen Altersstufe vergleichen und sich nicht mit allen anderen messen muss.

«Das war nicht einfach. Ich war gewohnt, erfolgreich zu sein, und hatte plötzlich eine völlig neue Rolle. Deshalb habe ich versucht, innerhalb der Rangliste eine eigene zu erstellen, mit Fahrern meines Jahrgangs. Das hat dann auch gut funktioniert.»

Die Freizeit verbringt Philipp Kälin oft mit Freunden am Lauerzersee, mit dem Schlafsack unter freiem Himmel in den nahen Bergen oder im Skatepark. Er mag «alte Musik», von Elvis bis zum Rock und Pop der 1990er-Jahre. Seit zwölf Jahren spielt er Klavier alsAusgleich zum Skifahren. Wenn er 2023 das Gymnasium abgeschlossen hat, will er auf die Karte Sport setzen. Weltcup, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele 2030 – die Fernziele sind klar definiert. Es soll, so ist der Plan, nicht mehr lange dauern, bis sich Kälin bei Europacup- und Weltcup-Fahrern im Starthaus mit einem «Hoi zämä, ich bi dä Philipp» vorstellen kann.

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