Tour de France

Julian Alaphilippe: Entertainment auf zwei Rädern

Trägt Gelb mit Stolz: der Franzose Julian Alaphilippe

Trägt Gelb mit Stolz: der Franzose Julian Alaphilippe

Seit 34 Jahren wartet Frankreich auf einen einheimischen Tour-Sieger. In diesem Jahr begeistert Julian Alaphilippe die Massen und trägt Gelb. Was ist noch drin für den Entertainer auf zwei Rädern?

Allmählich wird die Sicht im Mannschaftsbus des belgischen Radrennstalls Deceuninck-Quick Step knapp. Sechs gelbe Stofftiere haben bereits hinter der Windschutzscheibe des blauen Hightech-Gefährts ihren Platz gefunden. Es sind die Mitbringsel des Radstars Julian Alaphilippe von den täglichen Zeremonien für den Träger des Gelben Trikots bei der Tour de France. Und es sollten nicht die letzten gewesen sein, denn Frankreichs neuer Liebling hat an dem täglichen Prozedere längst grossen Gefallen gefunden.

"Ich bin in der Form meines Lebens. Das ist ein Gefühl, als ob etwas Unnormales passiert. Ich will dieses Maillot jaune so weit tragen, wie es nur geht", sagt der 27-Jährige. Wie weit das sein wird, vermag er nicht zu sagen. Vielleicht bis zu den Pyrenäen? Oder noch länger? Die Sehnsucht seiner Landsleute nach dem ersten Tour-Sieg seit Bernard Hinault vor 34 Jahren ist jedenfalls riesig. Und das ist auch der Treibstoff, der Alaphilippe regelmässig dazu bringt, über sich hinauszuwachsen. "Ich kann versprechen, dass ich immer ans Limit gehen werde", sagt der Mann aus Saint-Amand-Montrond.

Täglich steigt die Begeisterung

Von Tag zu Tag ist der Vorsprung auf den zweitplatzierten Titelverteidiger Geraint Thomas vom Team Ineos auf 1:12 Minuten angewachsen. Und mit dem gleichen Tempo steigt auch die Begeisterung der Landsleute für "Alaf", wie er am Strassenrand gerufen wird. Selbst der grosse Hinault ist hin und weg: "Er ist aussergewöhnlich, weil er an sich glaubt. Er fährt wie zu meiner Epoche, zweifeln tun die anderen."

Kann der antrittsstarke Klassiker-Spezialist tatsächlich die Nachfolge von Hinault antreten? So recht daran glauben mag er nicht - noch nicht. "Ich bin kein Träumer. Ich hatte beim Tour-Start keine Ambitionen auf das Gesamtklassement, die sind jetzt auch nicht vom Himmel gefallen", sagt der Weltranglistenerste und fügt hinzu: "Wenn man die Tour gewinnen will, muss man sich die Kräfte bis ins letzte Detail einteilen."

Pure Angriffslust

Das hat Alaphilippe, der von seinem Cousin Franck trainiert wird, nicht getan. Denn der Mann mit dem Spitzbart steht für Angriffslust pur. Auf der dritten Etappe hat er mit einer unwiderstehlichen Attacke alle Favoriten stehen lassen. Das wiederholte der Sohn eines Orchesterleiters am Samstag auf dem Weg nach Saint-Etienne, wo er Gelb nach kurzzeitigem Verlust wieder an sich riss. Alaphilippe steht für Entertainment auf zwei Rädern.

Das zelebriert er bereits die ganze Saison über. Seine beinahe einzigartige Explosivität verhalf ihm zum Sieg beim Radsport-Monument Mailand-Sanremo, dazu triumphierte er beim Schotterrennen Strade Bianche oder dem Halbklassiker Flèche Wallonne. Elf Saisonsiege sind es inzwischen, was manch ein Team nicht einmal mit all seinen Fahrern geschafft hat.

Aus Fehlern gelernt

"Der Radsport wäre nicht so, wenn wir Fahrer wie Julian nicht hätten", schwärmt sein Teamchef Patrick Lefevere. Das war nicht immer so, wie auch der belgische Grandseigneur weiss. "Am Anfang war er nervös und unkonzentriert. Er hat aus seinen Fehlern gelernt." Und zwar schlagartig. Schon 2018 gewann er zwei Tour-Etappen und holte das Bergtrikot. Längst reissen sich alle Teams um ihn, doch Alaphilippe hat bei Deceuninck-Quick Step bis 2021 verlängert.

Er weiss, was er an der belgischen Mannschaft hat, die er als "zweite Familie" bezeichnet. Als ihn 2013 kein französisches Team haben wollte, bekam er im Nachwuchsteam bei Quick Step eine Chance. Seitdem hat er schon 29 Siege für das Team eingefahren - und nun das "Maillot jaune" auf den Schultern. "Dieses Trikot macht mich noch stärker", sagt Alaphilippe. Wie stark, rätseln inzwischen auch seine Rivalen.

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