Tour de France

Im Tour-Teich schwimmen ein grosser Hai und viele kleine Fische

Allein auf weiter Flur: Wer soll Vincenzo Nibali noch am Tour-Sieg hindern? Peter Dejong/KEYSTONE

Allein auf weiter Flur: Wer soll Vincenzo Nibali noch am Tour-Sieg hindern? Peter Dejong/KEYSTONE

Der italienische Radprofi Vincenzo Nibali ist nach dem Out von Alberto Contador und Chris Froome der einzig verbliebene grosse Fisch im Teich der Tour de France

Der Hai von Messina: Das ist der furchteinflössende Spitzname von Vincenzo Nibali, seit dem Ausfall von Chris Froome ein grosser und spätestens seit Alberto Contadors Aussteigen der einzig verbliebene Favorit auf den Sieg bei der aktuellen Tour de France. Der Sizilianer hat die erste Woche mit den hektischen Flachetappen – der Etappe von Ypres nach Arenberg über die gefürchteten Kopfsteinpflaster und die drei Vogesen-Etappen – heillos überstanden und führt die Tour souverän an. Dies vor allem, weil Nibali ein hervorragender Techniker ist – er gilt als bester Abfahrer im Peloton. In der Kopfsteinpflaster-Etappe gelang es ihm gar, die anderen Mitfavoriten (Contador war da noch dabei) zu distanzieren.

Seit der Bergankunft auf dem Planche des Belles Filles letzten Montag, als Nibali alle abhängte und die Etappe gewann, ist niemand mehr auszumachen, der den Italiener noch ernsthaft gefährden könnte. Der Franzose Thibaut Pinot scheint noch der Stärkste der Widersacher. Dem 24-Jährigen fehlen aber wohl noch ein paar Jahre Erfahrung.

«Wir müssen angreifen»

Nibali selbst will natürlich nichts davon wissen, die Tour de France schon so gut wie gewonnen zu haben. Zu viel kann noch passieren. «Ich glaube, das Schwierigste kommt erst noch», sagt er kleinlaut. Er meint die fünf Bergetappen in den Alpen und Pyrenäen sowie das abschliessende Einzelzeitfahren. Ausserdem sei es nicht so, dass er jetzt keine Rivalen mehr habe.

Natürlich gibt es noch Rivalen. Zum Beispiel Richie Porte, der Australier, der von Froome im starken Sky-Team die Captain-Rolle geerbt hat. Er ist Zweiter im Gesamtklassement, liegt 2:23 Min. zurück. Porte sagt: «Wir müssen jetzt angreifen!» Doch bisher fuhr der Australier am Berg dem Italiener immer hinterher. Auch der Spanier Alejandro Valverde (+2:47) und die überraschenden Franzosen sind theoretisch noch im Rennen um den Toursieg. Romain Bardet (+3:01), Thibaut Pinot (+3:47) und Jean-Christoph Peraud (+3:57) liegen auf den Rängen vier, sechs und acht – und lassen ihre Landsleute hoffen. Der grosse Bernard Hinault war 1985 der bislang letzte französische Toursieger.

Tejay van Garderen (+3:56), Bauke Mollema (+4:08) und Jürgen van den Broeck (+4:18) könnten ebenfalls noch angreifen, wirkliche Siegeschancen haben sie aber nicht mehr.

Seit 2005 ist Nibali Radprofi. Schon immer galt er als talentierter Rundfahrer. 2006 gewann er das schwierige Eintagesrennen GP Plouay. 2010 dann die Vuelta. Seit 2013 fährt er für Astana. In jenem Jahr liess er die Tour de France aus, gewann dafür den Giro. Nun holt er zum grossen Wurf aus: Gewinnt Nibali diese 101. Tour de France, wäre er erst der sechste Fahrer, der alle drei grossen Landesrundfahrten gewonnen hätte.

Einen Schatten wirft Nibalis angebliche, frühere Zusammenarbeit mit Dopingarzt Michele Ferrari. Und auch sein Wechsel zu Astana war alles andere als skepsishemmend. Das kasachische Team hat einen schlechten Ruf. Aber Nibali wurde bisher nie etwas nachgewiesen. Somit gilt – wie immer – die Unschuldsvermutung.

Was wäre gewesen, wenn...

Vor der Tour de France sprach alles vom Zweikampf zwischen Vorjahressieger Chris Froome und Alberto Contador. Nibali wurde zwar als Einziger angesehen, der die beiden fordern könnte – wirklich zugetraut hat ihm den Tour-Sieg aber niemand. Und genau das wird wohl für immer haften bleiben: Gewinnt der Italiener die Tour, wird es heissen: Was wäre gewesen, wären Froome und Contador nicht gestürzt?

Nibali kann es egal sein. Der Hai schwimmt souverän im Tour-Teich Richtung Paris, umgeben von vielen kleinen, aber keinen grossen Fischen.

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