Mailand–Sanremo
Cancellara im zweiten Frühling

Fabian Cancellara befindet sich eigentlich im Herbst seiner Karriere. Der Berner startet morgen bei Mailand–Sanremo aber wie ein junger Profi in die Klassikersaison.

Simon Steiner, Mailand
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Fabian Canellara will morgen in Mailand-Sanremo überzeugen.

Fabian Canellara will morgen in Mailand-Sanremo überzeugen.

KEYSTONE

Diese Woche hat der Berner seinen 34. Geburtstag gefeiert, und das Ende seiner Laufbahn als Radprofi ist absehbar. Cancellara steht in seiner voraussichtlich zweitletzten Saison, und diese wird morgen so richtig lanciert mit dem Eintagesklassiker Mailand–Sanremo, auch bekannt als «La Primavera», die Frühlingsfahrt.

Auch Cancellara sieht sich lieber in seinem zweiten Frühling als Radrennfahrer denn im Karriereherbst. Seine 15. Profisaison nimmt er mit dem Vorsatz in Angriff, in den Rennen wieder mehr wie ein junger Fahrer zu agieren. «Die Jungen denken weniger, sondern fahren einfach», sagt Cancellara, der gleichzeitig nicht auf seinen Erfahrungsschatz verzichten will. «Das ist der Vorteil, den ich habe.»

Cancellara will aussergewöhnliche Serie weiterziehen

In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob Cancellara dem Ansturm der jungen Garde noch gewachsen ist. Nach Mailand–Sanremo folgen Anfang April mit den beiden Kopfsteinrennen Flandernrundfahrt und Paris–Roubaix die beiden anderen grossen Klassiker, die auf den kräftigen Berner zugeschnitten sind. Seit 2010 hat es Cancellara in diesen drei Rennen, die zu den «Monumenten des Radsports» gezählt werden, bei zwölf Zielankünften jedes Mal aufs Podest geschafft. Nur bei der Flandernrundfahrt 2012 sah er das Ziel nicht, als er stürzte und mit einem vierfachen Schlüsselbeinbruch ausschied. «Diese Serie möchte ich weiterziehen», sagt er. «Natürlich will ich das.»

Mehrmals knapp gescheitert

Dass Cancellara am liebsten zuoberst auf dem Podest steht, versteht sich von selbst. Wie schwierig es sein kann, Rennen zu gewinnen, musste er in den letzten Jahren gerade bei Mailand–Sanremo wiederholt erfahren. 2008 entschied er das Rennen für sich, nachdem er sich wenige Kilometer vor dem Ziel an der ligurischen Küste vom Feld abgesetzt hatte und im Zeitfahrmodus solo vorneweg gefahren war. Bei den letzten vier Austragungen musste er sich jedoch jedes Mal im Sprint einer kleineren oder grösseren Gruppe knapp geschlagen geben und beendete das Rennen als Zweiter oder Dritter.

Das die Ziellinie sich diesmal an einem anderen Ort befindet als in den letzten Jahren, ändert nicht an der Unberechenbarkeit von Mailand–Sanremo. Erstmals seit 2007 geht das Rennen wieder wie früher üblich mit einer leicht ansteigenden Zielgeraden auf der Via Roma zu Ende, doch das schränkt den Kreis der potenziellen Siegesanwärter kaum ein. Sowohl Sprinter wie Mark Cavendish, der Sieger von 2009, als auch Klassikerspezialisten wie Cancellara dürfen sich Chancen ausrechnen, das mit 293 km längste Eintagesrennen gewinnen. Zu den weiteren Favoriten zählen Peter Sagan, John Degenkolb, Greg van Avermaet und Vorjahressieger Alexander Kristoff. Weniger sprintstarke Fahrer dürften versuchen, auf den letzten 30 Kilometern in den grösseren Steigungen Cipressa und Poggio eine Vorentscheidung herbeizuführen.

Die Form ist da

«Bei Mailand–Sanremo weiss man nie, was passiert», sagt Fabian Cancellara. «Aber ich habe verschiedenen Karten in der Hand, die ich ausspielen kann: Ich könnte bei einer Attacke im Aufstieg oder in der letzten Abfahrt mitgehen – oder ich könnte im Sprint mitmischen.» Die Form sollte bei Cancellara jedenfalls stimmen, nachdem er im Winter so gut trainieren konnte wie lange nicht mehr. Mit seinem Etappensieg bei der Oman-Rundfahrt vor namhafter Konkurrenz und jenem am letzten Dienstag zum Abschluss des Tirreno–Adriatico hat er bereits angedeutet, wozu er in seinem zweitem Frühling fähig ist.

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