Montagsinterview

Paralympics-Goldjunge Théo Gmür: «Beim Skifahren fühle ich mich frei und sorgenlos»

Auch in Korea, wo er 2018 drei Mal Paralympics-Gold gewinnt, erobert Behindertensportler Théo Gmür die Herzen im Sturm.

Auch in Korea, wo er 2018 drei Mal Paralympics-Gold gewinnt, erobert Behindertensportler Théo Gmür die Herzen im Sturm.

Die Geschichte von Théo Gmür ist eine vom Hinfallen und Aufstehen, von Schicksals- und Rückschlägen. Seit er bei den Paralympics dreimal Gold gewonnen hat, ist der halbseitig gelähmte Walliser auch Vorbild. Hier erzählt der Walliser, was ihn bewegt, was ihn prägt und wovon er träumt.

Das erste Treffen platzt. Théo Gmür muss zum Arzt. Mal wieder. Seit einem Schlaganfall im Alter von zwei Jahren ist der dreifache Paralympics-Sieger von 2018 halbseitig gelähmt. Es ist nicht der einzige Schicksalsschlag im Leben des 22-jährigen Skifahrers.

Ende April sitzt er in der Bar des Grand Hotel Magglingen, mit Blick auf den Bielersee. Dann erzählt der Behindertensportler des Jahres seine bewegende Geschichte. Es ist die eines schwierigen Starts ins Leben, von Ausgrenzung in der Schule, einem Unfall, nach dem er fünf Monate im Rollstuhl sass, und vom Suizid seines Vaters. Weshalb Théo Gmür nie den Lebensmut verlor und welchen Wandel er sich in der Gesellschaft wünscht.

Wissen Sie, wie oft Sie in Ihrem Leben schon beim Arzt waren?

Théo Gmür: Ich habe längst aufgehört, das zu zählen (lacht). Seit meinem Schlaganfall bin ich auch regelmässig in der Physiotherapie, das ist für mich Alltag.

Sie sind seit einem Schlaganfall mit zwei Jahren halbseitig gelähmt. Empfanden Sie das nie als Hypothek?

So habe ich das nie gesehen. Ich kenne es nicht anders. Es war Glück im Unglück, dass mir das passiert ist, als ich zwei Jahre alt war. Ich versuche einfach, jeden Tag das Beste aus meinem Leben zu machen. Wege zu finden, um auf eigenen Beinen zu stehen, die Schuhe selber zu binden, die Jacke zuzumachen. Das entspricht meinem Naturell. Auch wenn es zwanzig Mal nicht geklappt hat, vielleicht finde ich beim dreissigsten Mal eine Lösung.

Als Kind wollten Sie sich mit den Nicht-Behinderten messen. Weshalb?

Als ich klein war, pochten meine Eltern darauf. Ich spielte Fussball, Eishockey, machte Leichtathletik und fuhr Snowboard. Ich wollte nicht, dass man mich als Behinderten sieht, dass man mich in eine Schublade steckt, sondern wollte Differenzen überwinden. Ich habe mir immer gesagt, dass ich schneller und besser werden muss. Und meinem älteren Bruder Thomas wollte ich zeigen, dass ich genauso gut sein kann wie er.

Können Sie beschreiben, welches Gefühl Ihnen das Skifahren vermittelt?

Ich stand das erste Mal auf Ski, als ich zwei, drei Jahre alt war. In Nendaz wächst man quasi auf Ski auf. Nichts fühlt sich so natürlich an wie das Skifahren. Ich habe ein Lächeln im Gesicht und ich fühle mich frei und sorgenlos – als würde ich auf einer Wolke schweben. Auf Ski ist der Ort, wo ich mich am wohlsten fühle. Es ist das, was mich am glücklichsten macht. Und ich liebe den Wettkampf. Ich habe immer die grossen Abfahrer bewundert: Lindsey Vonn und Aksel Svindal, weil sie nach Rückschlägen immer wieder aufgestanden sind, oder Didier Cuche.

In Ihrem Zimmer hingen aber nicht Poster von Svindal, Vonn oder Cuche, sondern von Bode Miller und vom Abenteurer Mike Horn. Weshalb?

Weil sie Grenzen versetzt und Dinge ausserhalb der Norm gemacht haben. Sie sind beide im positiven Sinn Verrückte. Und das hat mich sehr fasziniert. Wie mir wurde ihnen nichts im Leben geschenkt.

Wurden Sie wegen Ihrer Behinderung in der Schule manchmal ausgegrenzt?

Das kam vor und war sehr hart. Vor allem am Anfang in der Primarschule, aber auch später. Als Teenager war ich manchmal sehr einsam. Ich war auch nie ein Musterschüler. Für mich war es eher eine Strafe, den ganzen Tag drinzusitzen. Ich freute mich auf die Pausen, um draussen rumzurennen und mich zu bewegen. Im Sport war es anders als in der Schule. Es ist wie eine Familie, in der ich mir den Respekt erarbeitet habe. Weil ich zeigen konnte, dass ich zwar eine Einschränkung habe, aber ich konnte mich immer noch bewegen und Sport machen. Als ich in die Lehre kam, hat sich das beruhigt.

Doch dann schlug das Schicksal erneut zu. Sie wurden vom Bus überfahren ...

Ja, richtig. Es war in der ersten Woche in Sion am Bahnhof, als ich mit dem Postauto nach Hause wollte. Ich war der Letzte in der Schlange, und da passierte es: Ein Bus fuhr mir einfach über die Beine. Ich war danach fünf Monate im Rehazentrum in Zug. Ich war der jüngste Patient und mein Fall kompliziert. Für mich war es fast schlimmer, das zu akzeptieren, als die Tatsache, dass ich vom Bus überfahren worden war. Trotzdem machte ich meine Lehre weiter. Ich fuhr jeden Tag mit dem Taxi zur Schule und wieder zurück.

Zwei Monate später starb Ihr Onkel, und Ihr Vater Edouard nahm sich das Leben. Wie hat Sie das geprägt?

Es kam wirklich alles zusammen. Es war eine sehr schwierige Zeit für mich und es gab auch Momente, in denen ich aufgeben wollte. Zu Beginn habe ich gehadert, aber ich habe mir schnell gesagt, dass ich es nicht ändern kann und es darum geht, das Beste aus jeder Situation zu machen und das Leben vorwärts zu leben.

Was denken Sie, würde Ihr Vater heute über Sie denken?

Ich denke, er ist stolz auf das, was ich mache. Ich hoffe, er sieht, wozu ich fähig bin und was ich erreicht habe. Ich rede dabei nicht nur vom Sport, sondern vom Mann, der ich geworden bin. Das ist das grösste Geschenk, das ich ihm machen kann.

Welche Rolle spielt ihre Familie?

Eine sehr grosse. Ich bin es zwar, der über die Ziellinie fährt, aber ohne meine Familie wäre das nicht möglich. Ich kann ihnen nicht genug danken. Meine Mutter ist ein Diamant. Sie ist alles für mich. Sie hat alles dafür gegeben, dass mein Bruder und ich das beste Leben haben.

Wie schaffen Sie es, trotz dieser Schicksalsschläge positiv zu bleiben?

Keine Ahnung (lacht). Es gibt kein Geheimrezept. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, nicht zu sehr in der Vergangenheit zu verharren und nach vorne zu schauen. Das Beste aus jeder Situation zu machen. Aber manchmal hat man keine Wahl: Man kämpft, oder man geht unter.

Sie kämpften weiter und gewannen vor einem Jahr bei den Paralympics in Pyeongchang drei Mal Gold. Hätten Sie das selber erwartet?

Ich dachte schon, dass ich eine Medaille gewinnen kann, aber drei Mal Gold? Unmöglich. Auch wenn ich mir jetzt noch die Videos anschaue, kann ich es kaum glauben. Diese Siege haben mein Leben völlig verändert, im positiven Sinn.

Waren Sie darauf vorbereitet, was danach über Sie hereinbrach?

Überhaupt nicht. Es war schwierig, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben. Zu Beginn war es sehr berührend und ich genoss die Aufmerksamkeit. Aber irgendwann hatte ich keine Ruhe mehr, wurde überall erkannt. Es ist nicht einfach, plötzlich eine öffentliche Person zu sein. Manchmal vermisse ich die Anonymität, in der ich zuvor leben konnte. Aber das ist die Schattenseite des Erfolgs.

Pirmin Zurbriggen und Christophe Darbellay sagten, Sie hätten nach Ihren Siegen in Pyeongchang geweint. Was löst das in Ihnen aus?

Christophe Darbellay kannte meinen Vater, sie waren Jugendfreunde. Pirmin Zurbriggen war mit meinem Papa im Militär. Beide stehen meiner Familie sehr nahe. Sie kennen unsere und meine Geschichte. Zu sehen, was ich bei den Menschen auslöse, ist berührend und auch für mich mit starken Emotionen verbunden. Aber ich sage immer: Es gibt Menschen, die mehr durchgemacht haben als ich und ein härteres Schicksal haben.

In Ihrer Heimatgemeinde Nendaz hat man Ihnen einen grossen Empfang bereitet und sogar eine Gondel nach Ihnen benannt.

Der Empfang war eine unglaublich schöne Überraschung. Es ist berührend, wenn du durch die Strassen gehst und die Menschen haben Tränen in den Augen. Für mich war das, als hätte ich eine vierte Medaille gewonnen. Das mit der Gondel war mir am Anfang fast ein bisschen unangenehm. Aber natürlich ist das eine grosse Ehre.

Trotzdem haben Sie nach den Paralympics mit dem Gedanken gespielt, Ihre Karriere mit 21 Jahren zu beenden. Weshalb?

Ich habe mir gesagt: Du hast jetzt drei Goldmedaillen gewonnen und hattest eine perfekte Saison. Es ist schwierig, das zu übertreffen. Ich hatte alle meine Träume erfüllt. Darum habe ich mir ernsthaft überlegt, aufzuhören, obwohl ich noch sehr jung bin.

Théo Gmürs grossartigste Erfolge in Bildern: 

Weshalb haben Sie weitergemacht?

Weil ich das Gefühl hatte, dass ich noch viele Möglichkeiten habe und es viele Dinge gibt, die ich verbessern kann, nicht nur im Sport.

Sie sind inzwischen ein Botschafter für den Behindertensport. Fühlen Sie sich auch dazu verpflichtet, Ihre Bekanntheit für eine grössere Sache einzusetzen?

Ich stehe jetzt zwar im Rampenlicht, aber ich stehe auch für all jene, die ihren Kampf im Schatten führen. Es ist kein sportliches Resultat, das aus dir einen Sieger macht. Alle, die jeden Tag irgendwo in einer Rehaklinik für ein besseres Leben leiden, sind Sieger. Für mich sind auch sie Helden.

Und Sie ihr Aushängeschild.

Das ist eine grosse Ehre, denn ich kann damit viel Positives für den Behindertensport, aber auch für die Behinderten in unserer Gesellschaft bewirken. Solche Menschen braucht es. Was ich vermitteln möchte: Auch wenn man eine Einschränkung hat, sollte man sich keine Limiten setzen. Und: Je grösser die Unterschiede zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten sind, desto wichtiger ist es, dass man zusammenarbeitet. Das ist meine Botschaft.

Trotzdem wollen Sie nicht Profisportler werden, weshalb?

In meiner Brust schlagen zwei Herzen: Einerseits habe ich im Moment viele Möglichkeiten mit Sponsoren. Andererseits studiere ich seit einem Jahr, und mir ist es wichtig, das beizubehalten. Im Spitzensport kann es sehr schnell gehen, und eine Verletzung kann alles beenden. Darum ist mir das Studium in Magglingen auch sehr wichtig.

Sie sind in Magglingen der erste Sportstudent mit einer Behinderung. Erfüllt Sie das mit Stolz?

Sicher. Aber vor allem hoffe ich, dass ich ein Türöffner bin und bald viele meinem Beispiel folgen. Für mich ist es ein Traum, hier zu sein: Sport zu machen und studieren zu dürfen.

Empfang des dreifachen Goldmedaillengewinners Théo Gmür in Zürich

Empfang des dreifachen Goldmedaillengewinners Théo Gmür in Zürich (Beitrag vom 21. März 2018)

Der dreifache Goldmedaillengewinner Théo Gmür ist von den Paralympics in Pyeongchang in Südkorea zurückgekehrt. Am Flughafen Zürich nahmen am Abend zahlreiche Fans den 22-jährigen Skifahrer aus Haute-Nendaz VS in Empfang.

Ist es für einen Behinderten schwieriger, das zu erreichen?

Ich glaube, wir sind in der Schweiz schon sehr weit. Aber auch ich hatte zu Beginn Angst, hierhinzukommen. Ich wusste nicht, wie ich aufgenommen werde und ob man mich akzeptieren würde. Es gab viele Gespräche und Diskussionen, aber am Ende
haben wir eine gute Lösung gefunden. Manchmal muss man einfach
einen Schritt auf die Menschen zu machen.

Welchen Wandel in der Gesellschaft wünschen Sie sich?

Der Sport hilft, auf die Bedürfnisse und Anliegen der Behinderten aufmerksam zu machen. Und wir können zeigen, zu was wir fähig sind und was man trotz einer Einschränkung erreichen kann. Es braucht aber noch mehr Akzeptanz für Behinderte in der Schweiz, auch wenn wir verglichen mit anderen Ländern auf einem sehr guten Weg sind. Sei das in der Schule, im Studium, im öffentlichen Raum, im Sport. Überall.

Und welche unerfüllten Träume haben Sie noch im Sport, nachdem Sie Gold bei Paralympics und bei Weltmeisterschaften gewonnen haben?

Das ist ganz einfach: Wenn man einmal Gold gewonnen hat, will man noch mehr Gold gewinnen (lacht).

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