Olympiaheld «Simi»
Die Unendlichkeit des letzten Fluges: Erleben wir am Montag die letzten olympischen Sprünge von Simon Ammann?

Erleben wir diesen Montag die finalen olympischen Sprünge eines Schweizer Sporthelden? Wann verkündet der 40-Jährige seinen Rücktritt? Und wieso tut er sich diesen extremen Sport immer noch an? All dies sind Fragen, die Simon Ammann nicht wirklich beschäftigen.

Rainer Sommerhalder
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Zwiespältige Gefühle bei Simon Ammann. Mit dem Gefühl bei den Sprüngen von der Grossschanze war der 40-Jährige ziemlich zufrieden, mit den nackten Resultaten weniger.

Zwiespältige Gefühle bei Simon Ammann. Mit dem Gefühl bei den Sprüngen von der Grossschanze war der 40-Jährige ziemlich zufrieden, mit den nackten Resultaten weniger.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Nostalgie? Nicht mit Simon Ammann. Wenn es einen Schweizer Sportler gibt, der sich nicht mit früheren Erfolgen aufhält, dann der Bauernsohn aus dem Toggenburg. Als er vor dem ersten Springen in Peking gebeten wird, die Emotionen seiner bisherigen sechs Olympiateilnahmen zu beschreiben, sagt der 40-Jährige: «Ich denke nicht so oft zurück an diese Momente. Hoffentlich später einmal».

Simon Ammanns Olympische Reise: Nagano 1998

Debüt mit 16 Jahren
Arno Balzerini

Debüt mit 16 Jahren

Nie zuvor sass Bauernbub Simon Ammann in einem Flugzeug. Die erste Teilnahme an den Olympischen Spielen nach nur drei Einsätzen prägte Simon Ammann. Er entwickelte eine Zuneigung zum Land Japan und zum Megaanlass Olympia. Sportlich lief es so, wie man das von einem 16-Jährigen erwarten konnte: Ränge 35 (Normalschanze) und 39.

Simon Ammann ist auch nach 25 Jahren im Skisprungzirkus fokussiert auf den Augenblick. Eine Fähigkeit, die gerade in dieser Sportart von elementarer Bedeutung ist. Keine andere Disziplin erfordert in so kurzer Zeit in so rasantem Tempo so viele verschiedene Bewegungsmuster und Detailentscheidungen. Klappt etwas davon nicht wie gewünscht, entgleitet der sportliche Erfolg.

Skispringen ist Handwerk und Rausch zugleich

Mit über 100 Stundenkilometer rasen Ammann und Co. auf den Schanzentisch zu. Ihnen bleibt der Bruchteil einer Sekunde, um die Kante perfekt zu treffen. Danach muss man Tempo, Höhe und Weite gewinnen, die Skis richtig anwinkeln, die perfekte Körperlage finden und am Schluss nach weit über 100 Metern in der Luft nach Möglichkeit eine einwandfreie Telemark-Landung setzen. Der Traum vom Fliegen basiert letztlich auf purem Handwerk.

Simon Ammanns Olympische Reise: Salt Lake City 2002

Geburt der Legende
Alessandro Della Valle

Geburt der Legende

Simon Ammann brillierte nicht nur mit zwei Goldmedaillen, die noch einen Monat vor Olympia niemand für möglich hielt. Der Toggenburger punktete auch mit seinem herzhaften Lachen, seinen schrägen Sprüchen und der einen oder anderen Slapstick-Einlage. Als Belohnung gab es Auftritte bei David Letterman und bei "Wetten, dass..?"

Und doch geht es um mehr als die Fähigkeit, Dutzende von Puzzleteilen im entscheidenden Moment richtig zusammenzusetzen. Etwas, das bei Simon Ammann in Peking mit zwei 25. Plätzen nicht aufgegangen ist. Dennoch sagt er nach seinem vermeintlich letzten olympischen Einzelspringen: «Ich habe vieles richtig gemacht. Die Sprünge waren absolut frei. Ich konnte alle die störenden Gedanken ausblenden». Skispringen ist gleichzeitig auch ein Rausch für den Geist.

Simon Ammann nimmt in China zum siebten Mal bei Olympischen Spielen teil. Diese Rekordmarke war nie ein Antrieb für ihn. Nicht deswegen stürzt er sich auch mit 40 Jahren weiter in die Tiefe. Doch nun kann man davon ausgehen, dass er am Montag beim Teamwettkampf seine zwei letzten Sprünge bei jenem Sportanlass absolviert, welcher die Legende vom Schweizer Harry Potter der Lüfte begründet.

Simon Ammanns Olympische Reise: Turin 2006

Schwierige Phase
Rick Bowmer/AP

Schwierige Phase

Nach dem Triumph von 2002 folgten Jahre mit vielen Rückschlägen und wenigen Highlights. Dieser «Fluch» setzte sich in Turin fort. Im Probesprung stürzte «Simi». Ammann bewies Nehmerqualitäten, trat trotzdem an und landete auf den Plätzen 38 (Normalschanze) und 15.

Aber wer weiss es schon genau bei «Simi». 2014 nach der bitteren sportlichen Enttäuschung in Sotschi sagte Ammann: «Das waren zu 99 Prozent meine letzten Olympischen Spiele». Vier Jahre später versprach er im Vorfeld von Pyeongchang offenbar seiner Ehefrau, dass nach Olympia Schluss sei. Vergangene Woche sagte er, er sei «selber etwas überrascht, noch einmal am Start zu sein».

Eines Tages nicht mehr da sein als perfekter Abschied

Im Gegensatz zum zweiten Vierfach-Olympiasieger des nordischen Skisports, zu Langläufer Dario Cologna, kündigte Simon Ammann seinen Rücktritt nie an. Er liess offen, ob dies seine Abschiedstour sei. Vielleicht sei er eines Tages einfach nicht mehr da, sagte er vor der Saison. So wie sein langjähriger Konkurrent Gregor Schlierenzauer. Der Österreicher schrieb am 21. September 2021 auf seiner Homepage «Jede Landung ist ein neuer Start» und verkündete so in aller Bescheidenheit den sofortigen Rücktritt.

Simon Ammanns Olympische Reise: Vancouver 2010

Simi schreibt Geschichte
Bonny Makarewicz

Simi schreibt Geschichte

Der Höhepunkt in der Karriere von Simon Ammann. Nach einem Traumwinter mit fünf Siegen und sieben weiteren Podestplätzen vor Olympia behält er als Favorit bei den Spielen die Nerven und ist als erster Skispringer vierfacher Olympiasieger. Gefeiert wird im «Simi-Style».

Dieser Abschied hat den Toggenburger mächtig beeindruckt. Kein grosses Tamtam, keine Champagnerkorken, keine Blitzlichtgewitter der Medien. So wünscht er sich diesen Moment auch für sich. Gut möglich, dass es bei Simon Ammann ebenfalls noch Wochen oder Monate dauert, bis Gewissheit herrscht.

Vielleicht aber sehen wir den derzeit ältesten Springer im Weltcup auch im nächsten Winter wieder, vielleicht auch in zwei Jahren bei den Weltmeisterschaften in Planica. An die-sem Ort sprang er vor drei Jahren 243 Meter weit und kam dem Traum des perfekten Fluges so nah wie nie. Vielleicht folgt sogar eine achte Olympiateilnahme in vier Jahren in Cortina. Auf den Schanzen von Predazzo feierte Ammann 2001 erstmals zwei Podestplätze innerhalb von 24 Stunden. Lauter schöne Erinnerungen.

Simon Ammanns Olympische Reise: Sotschi 2014

Totale Enttäuschung
Laurent Gillieron

Totale Enttäuschung

Simon Ammann will im Land seiner Frau Yana brillieren. Der dritte Platz bei der Vierschanzentournee verleiht viel Zuversicht. Doch dann die totale Enttäuschung mit den Rängen 17 (Normalschanze) und 23. Ammann lädt danach zu einer emotionalen Pressekonferenz. Sogar ein baldiger Rücktritt scheint jetzt eine realistische Variante.

Erinnerungen werden es allerdings nicht sein, die Simon Ammanns Entscheidung beeinflussen. Auch nicht ein fehlendes Resultat in seiner herausragenden Karriere. Für den 40-Jährigen ist Skispringen schlicht Berufung. Und als Antrieb dient sein Perfektionismus. Stimmen die Motivation und der Glaube, dass er es noch besser machen kann, dann geht die Reise unter Umständen noch einmal weiter.

Naheliegender bleibt jedoch, dass sich Simon Ammann für seinen weiteren Lebensweg eine neue Herausforderung sucht. Ansätze dafür gibt es zur Genüge. Die Familie mit Ehefrau Yana und seinen drei kleinen Kindern. Das Umbauprojekt für den künftigen Lebensmittelpunkt im Toggenburg läuft derzeit. Aufgrund seiner vielfältigen Projekte und beruflichen Standbeine kann man sich Ammann auch als Hotelier, Sportmanager oder sogar als Flugzeugpilot vorstellen.

Simon Ammanns Olympische Reise: Pyeongchang 2018

Irgendwo im Nirgendwo
Christian Bruna/EPA

Irgendwo im Nirgendwo

Auch vor den Winterspielen 2018 wird über einen Rücktritt spekuliert. Simon Ammann zeigt mit den Rängen 11 (Normalschanze) und 13 einen soliden Auftritt. Es sind seine besten Saisonplatzierungen. Zu reden gibt sein ambivalentes Verhalten. Im Auslauf der Schanze der grosse Jubel, in der Analyse danach die Enttäuschung über das Resultat.

Langweilig wird es ihm auch ohne das tägliche Training nicht werden. Aber was wird fehlen ohne das Skispringen? Immerhin hat er sich während den vergangenen 25 Jahren über diese Tätigkeit definiert. Sie mit jeder Faser seines Körpers gelebt und mit unzähligen Gedanken daran befeuert. Vielleicht sucht Simon Ammann ja nicht nur das Puzzleteil für einen perfekten Sprung. Sondern auch jenes für den perfekten Rücktritt.