Olympia-Kolumne
Sushi, Saft und Augenringe – Wie ich den 14-tägigen Olympia-Wahnsinn überlebte

Journalist Simon Häring berichtet hier von Nebenschauplätzen bei seinem Arbeitsaufenthalt bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Simon Häring, Tokio
Simon Häring, Tokio
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Zwischenverpflegung mit Suhi. Natürlich.

Zwischenverpflegung mit Suhi. Natürlich.

sih

Es war eine Art Klassentreffen der kleinen Schweizer Journalistenschar in Tokio an diesem Freitag beim Bronzespiel der Beachvolleyball-Frauen. Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Landsleute auf den gleichen Anlass setzen deshalb gross. Die helvetischen Höhepunkte waren in der zweiten Woche der Olympischen Spiele rarer gesät, und wenn ich uns an diesen höllisch heissen Tag betrachte, muss ich sagen: Gott! Sei! Dank! Die langen Tage, der Schlafmangel, der Druck, täglich liefern zu müssen - das hat etwas mit uns gemacht. Das Resultat: Zottelige Bärte, lange Haare, Augenringe.

Wer von Olympischen Spielen berichtet, lässt sich auf eine wilde Fahrt in einer Zeitkapsel ein. 33 Sportarten, 55 Disziplinen, 339 Wettkämpfe, in denen Medaillensätze vergeben werden. Man ist dabei einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt, besonders als Einzelmaske ist man gefordert, Prioritäten zu setzen. Das ist deshalb anstrengend, weil dauernd irgendwo irgendetwas passiert, das erzählenswert wäre. Was hilft, sind Rituale. Der Sport fiel wegen der eingeschränkten Bewegungsfreiheit weg. Blieb mir noch die Kulinarik. Meine tägliche Routine: Sushi (manchmal mehrmals), Multivitaminsaft und ein Minisnickers. Augenringe habe ich trotzdem.

Die Olympischen Spiele 2020, ausgetragen 2021, sind Geschichte.

Die Olympischen Spiele 2020, ausgetragen 2021, sind Geschichte.

Diego Azubel / EPA

Beruf: Neugierde

Ich berichtete in diesen zwei Wochen über Sportarten und Sportlerinnen, über die ich wenig wusste. Schiessen, Schwimmen, Reiten, BMX-Freestyle zum Beispiel. Oder über Sportarten, die ich im Alltag eher aus der Ferne beobachte: Kunstturnen, Leichtathletik oder Mountainbike. Aber auch über solche, die mir lieb geworden sind: Tennis, Triathlon, Radfahren. Dieses bunte Sammelsurium an Sportarten, von denen die meisten nun wieder von der Bildfläche verschwinden, machen den Zauber der Olympischen Spiele aus. Für mich ist es das grösste Privileg meiner Arbeit, das ich von Beruf neugierig sein, Fragen stellen und Neues kennenlernen darf.

Wenig Glamour bietet das Main Press Center in Tokio.

Wenig Glamour bietet das Main Press Center in Tokio.

David Goldman / AP

Mein Höhepunkt war der Dreifachsieg im Mountainbike. Aber auch über den Olympiasieg von Belinda Bencic habe ich mich sehr gefreut, verfolge ich ihren Weg doch schon eine Weile. Beeindruckt haben mich viele, Nicola Spirig zum Beispiel, oder Stefan Reichmuth. Im Zentrum der Berichterstattung stehen Menschen. Und diese wachsen einem ans Herz.

Es waren sehr spezielle Olympische Spiele, oft verzweifelte ich an der Bürokratie, an der Testerei, an den langen Wegen. Manchmal sass ich auf einer Tribüne und fragte mich, was ich eigentlich hier mache. Auch wenn ich in einer Zeitkapsel unterwegs bin, bekomme ich mit, was auf dieser Welt noch passiert. Hochwasser in der Schweiz, Waldbrände, Hitze, eine Erde in Brand. Und auch mein Leben steht nicht still. Es erreichen mich schlimme Nachrichten von Schicksalen, ich verpasse Geburtstage und Hochzeiten. Das ist der Preis, den ich für meinen Beruf manchmal zahle.

Die Teststation für die obligatorischen Spucktests.

Die Teststation für die obligatorischen Spucktests.

Ciro Fusco / EPA

Was mir in Erinnerung bleiben wird, sind die persönlichen Begegnungen. Die Freundlichkeit der Japaner, wenn ich um 03.00 Uhr nachts auf einem Parkplatz wettere, weil der nächste Bus erst in 50 Minuten kommt. Wie sie auch am letzten Tag voller Hingabe den Temperaturcheck erklären. Wie sie immer grüssen. Einen Olympia-Moment erlebte ich am Sonntag auf dem Weg zur Schlussfeier. Um den letzten Bus zu erreichen, musste ich einen Vollsprint hinlegen, links und rechts feuerten mich Japanerinnen und Japaner an, klatschten mich ab, winkten. Nun überlege ich mir, in welcher Sportart ich noch Potenzial für eine Olympia-Teilnahme hätte.

Ein Bus wie eine Sänfte. Dennoch werde ich die vielen Stunden, die ich zwischen Wettkämpfen und Hotel hier verbracht habe, nicht vermissen.

Ein Bus wie eine Sänfte. Dennoch werde ich die vielen Stunden, die ich zwischen Wettkämpfen und Hotel hier verbracht habe, nicht vermissen.

sih

Was ich vermissen werde, ist der 24/7-Shop mit den günstigen Sushi und den Multivitaminsäftchen. Vielleicht auch ein wenig die Kloschüssel im viel zu kleinen Hotelzimmer, die bei Körperkontakt zu blinken beginnt.

Werde ich nicht vermissen: das Morgenessen im Hotel (auf das ich nach einem Versuch am ersten Tag verzichtete).

Werde ich nicht vermissen: das Morgenessen im Hotel (auf das ich nach einem Versuch am ersten Tag verzichtete).

sih

Wenn ich zurückkomme, aus der Zeitkapsel aussteige, fällt viel Druck ab, ich werde in ein kleines Loch fallen. Aber bald werden die Erinnerungen Überhand nehmen. Ich freue mich, nach zweiwöchiger Quasi-Quarantäne, wieder einmal in einem Kaffee zu verweilen (wenn dann das Wetter in der Schweiz mitspielt), mit meiner Schwester eine lange geplante Wanderung zu unternehmen. Und sowieso: meine Liebsten wiederzusehen.

Termine habe ich noch keine. Bis auf zwei: Meine Coiffeuse Jessica muss sich darauf gefasst machen, dass diesmal 15 Minuten nicht reichen. Und mein Osteopath Vladi muss mir meinen Rücken wieder einrenken.

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