Kunstturnen

Neun Monate nach Kreuzbandriss: Giulia Steingruber besiegt die Zweifel

Frisch verliebt und bald zurück nach schwerer Verletzung: Giulia Steingruber.

Im Juli 2018 riss sich Giulia Steingruber das Kreuzband im linken Knie. Neun Monate später ist die 25-Jährige Ostschweizerin überzeugt: «Ich schaffe es zurück an die Weltspitze!»

Was ist das Schöne am Kunstturnen? Als Giulia Steingruber die Frage hört, beginnt sie sanft zu lächeln. Sie überlegt einen Moment. Sagt dann: «Kunstturnen ist Kraft und Eleganz in einem. Der Sport hat etwas Schwungvolles. Es ist ein Spielen mit dem Publikum. Bietet die Möglichkeit, sehr oft an die eigene Grenze zu kommen. Oder die Grenze sogar zu überschreiten. Und dieses Gefühl ist grossartig.»

Es ist ein wunderbarer Frühlingstag in Magglingen. Steingruber sitzt in der Trainingshalle der Kunstturner. Am liebsten würde sie sich in diesen Tagen auch für die EM vorbereiten, die nächste Woche beginnt. Wie ihre Teamkollegen, die gerade mit der nächsten Einheit beginnen. Aber das geht nicht. Noch ist es für Steingruber zu früh, um wieder Wettkämpfe zu bestreiten.

Grosse Ziele

Am 8. Juli 2018 hat sie sich das Kreuzband im linken Knie gerissen. Bald neun Monate sind seither vergangen. Es waren schwierige Monate, in denen es auch um grundsätzliche Fragen ging: Gelingt es, an die Weltspitze zurückzukehren?

Steingruber, eben erst 25 Jahre alt geworden, hat in der langen Pause für sich eine Antwort gefunden. «Ich will das Buch ‹Kunstturnen› noch nicht schliessen. Ich habe noch grosse Ziele. Und ich möchte nicht als Athletin in Erinnerung bleiben, die nach einem Rückschlag aufgibt.»

Um zu diesem Schluss zu kommen, musste Steingruber lernen, Zweifel zu besiegen, Schritt für Schritt mehr Vertrauen in ihr Knie zu fassen. Es gab während der Rehabilitation keinerlei Komplikationen und Rückschläge.

Schwierige Wochen nach der Operation

Doch das Knie braucht Zeit, um sich wieder an den Spitzensport zu gewöhnen. «Die letzten Reste an Zweifel sind wohl erst dann ausgeräumt, wenn ich meine Übungen am Boden und am Sprung voll durchziehen und machen kann.» Steingruber ist zuversichtlich, dass dies bald passieren wird.

Das erste Ziel lautet nun: WM im Oktober in Stuttgart. Das Fernziel: Tokio 2020. An den Olympischen Spielen will Steingruber ihre Grenzen noch einmal versetzen. Sie sagt: «Wenn ich das Gefühl hätte, ich würde nicht mehr so gut turnen können wie in der Vergangenheit, dann könnte ich mir den ganzen Aufwand sparen. Aber ich bin überzeugt davon, dass es sich lohnt. Und dass ich es zurück an die Weltspitze schaffe.» Das Traumszenario sieht vor, dass nach Bronze am Sprung 2016 eine weitere Olympiamedaille dazukommt.

Die schwierigsten Wochen waren für Steingruber jene direkt nach der Operation. Um der Welt ein bisschen zu entfliehen, fuhr sie mit ihren Eltern für einige Tage ins Südtirol. Sie musste an Stöcken gehen, fühlte sich unselbstständig. Und plötzlich wusste sie nicht mehr, was sie anfangen sollte mit der vielen Zeit. «Manchmal hatte ich auch Angst, dass ich meine Motivation nicht mehr wiederfinde», blickt sie zurück.

Der Trainer muss bremsen

Steingruber musste sich an kleinen Zwischenfreuden festhalten. Das erste Mal von einem Stuhl aufstehen ohne Schmerzen. Joggen ohne Schmerzen. Dass die Untersuchungen bei den Ärzten stets positive Ergebnisse liefern, hilft auch. Schritt für Schritt darf sie wieder mit Training beginnen. Immer wieder absolviert sie auch Mentaltraining.

Ihr Trainer Fabien Martin muss sie ab und zu bremsen. «Manchmal will sie zu viel», sagt er. Ein Spitzensportler-Körper mag es nicht, so lange auf Wettkampfadrenalin zu verzichten. «Ich bin jedenfalls froh, bremsen sie mich.

Ich bin zu ungeduldig mit mir selbst», sagt Steingruber. Ihr Trainer denkt bereits über die nächsten Jahre hinaus, hätte sie am liebsten noch bis Olympia 2024 im Team. «Mal schauen», sagt Steingruber selbst und lacht, «so weit denke ich noch nicht voraus». Für sie zählt vorerst die Rückkehr in den Wettkampfalltag Spätestens an den Schweizer Meisterschaften im September soll es so weit sein.

Im Sport soll das Glück bald zurückkommen. Privat hat es die St. Gallerin bereits gefunden. Steingruber ist frisch verliebt. Alan Ulmann heisst ihr Freund, auch er hat ein Faible für den Sport, fährt Motocross. Steingruber sagt: «Früher wollte ich immer zuerst Töff fahren anstatt Auto. Es ist anders gekommen. Und ich bin bisher auch noch nie Motocross gefahren. Wer weiss, vielleicht versuche ich es einmal.»
Doch zuerst will sie das Kunstturnen wieder mit ihrer Eleganz bereichern.

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