Fussball

Nati-Trainer Petkovic: «Meine Frau hat den Fussball mitgeheiratet»

Vladimir Petkovic ist von der aktuellen Flüchtlingskrise schwer betroffen.

Vladimir Petkovic ist von der aktuellen Flüchtlingskrise schwer betroffen.

Der Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic spricht im grossen Interview über das Leben mit Migrationshintergrund, die Flüchtlingskrise, sein Familienleben und seine Ziele mit der Schweiz.

In diesen Tagen sind wir mit einer Flut von Kriegs-Bildern konfrontiert und das Schicksal vieler Flüchtlinge beschäftigt uns. Beobachten Sie die aktuelle Situation wegen Ihrer Vergangenheit besonders intensiv?

Vladimir Petkovic: Was derzeit geschieht, tut mir genauso Leid wie ganz vielen anderen Schweizern auch. Die Betroffenen stehen vor schwierigen Zeiten, wie damals die Leute aus Ex-Jugoslawien auch. Wir müssen so gut helfen wie möglich. Alle. Niemand flieht, wenn er keine Probleme hat. Aber damals wie heute gibt es auch einige Profiteure, die versuchen, die Situation auszunützen. Da gilt es ebenfalls, wach zu bleiben und aktiv zu beobachten.

Sie haben den Krieg in Sarajevo zwar nicht vor Ort erlebt, aber wegen Ihren Eltern trotzdem hautnah miterlebt.

Ja, diese Zeit war enorm schwierig für mich. Ich kam 1987 in die Schweiz. Lange deutete nichts auf Unruhen hin. Auch nicht im Sommer 1991, den ich in Sarajevo verbracht habe. Ein Jahr später erreichte der Krieg aber auch Sarajevo. Es ist schon schrecklich, durch das Telefon Einschläge von Granaten zu hören.

Wie kann die Schweiz in der heutigen Flüchtlingskrise helfen?

Man darf die Probleme nicht immer nur ansprechen, man sollte Taten folgen lassen. Da sind die grossen Länder gefordert und vielleicht kann die Schweiz auch etwas dazu beitragen, indem sie in Krisensituationen mehr Inputs liefert. Es geht auch darum, die fehlbaren Leute zur Rechenschaft zu ziehen. Am internationalen Gerichtshof in Den Haag wird ständig über solche Leute gerichtet. Das ist gut so. In Ex-Jugoslawien haben wir gesehen: Sobald der Krieg einmal fertig war, war die Situation einfacher zu steuern. Also muss das Ende des Krieges auch jetzt das oberste Ziel sein. Wenn zu Hause einmal Ordnung herrscht, ist es auch einfacher für Flüchtlinge, wieder zurückzugehen. Und etwas zum Wiederaufbau beizutragen. Klar ist: Jede Aussage, jede Aktion braucht viel Fingerspitzengefühl.

Bayern München hat ein Training mit Flüchtlingen veranstaltet. Jener Flüchtling, der von einer ungarischen Kamerafrau zu Fall gebracht worden war, erhält im Madrider Vorort Getafe einen Job als Fussballtrainer in einem Ausbildungszentrum – würden Sie sich solche Zeichen auch von Schweizer Vereinen wünschen?

Das sind sicher schöne Zeichen und für die Öffentlichkeit gibt es etwas mehr zu berichten. Man sollte nur aufpassen, mit welchen Interessen man sich ins Rampenlicht stellt.

Von Effekthascherei halten Sie nichts?

Das kann auch einen Bumerang-Effekt auslösen.

Im Schweizer Nationalteam sind viele Spieler mit Migrationshintergrund. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass zu wenig geschätzt wird, was diese Spieler für die Schweiz leisten?

Nein, ich glaube, das wird geschätzt. Von der Mehrheit zumindest. Das Problem sind die wenigen Leute und Zeitungen, die dieses Denken einer Minderheit zur allgemeingültigen Meinung erheben. Aber das ist nicht so. Ich bekomme einen ganz anderen Eindruck.

Wann merken Sie das?

Letzte Woche hielt ich in Deutschland auf einer Autobahn-Raststätte zum Tanken. Da bin ich Schweizern begegnet. Sie baten mich um ein Foto. Und waren schlicht begeistert, wie einfach sie zu diesem kamen, weil ich einfach so mit ihnen posierte, wie sie das wünschten. Das sind schöne Signale. Ich finde überdies, dass jeder seine eigene Vergangenheit nicht verstecken muss oder soll. Jeder unserer Spieler ist zu 100 Prozent Schweizer. Man darf aber nicht erwarten, dass alle in jedem Moment des Lebens nur an die Schweiz denken. Jeder hat seine Vergangenheit und soll sie leben dürfen. Diese Mischung aus verschiedenen Wurzeln hat dem Schweizer Fussball viel gebracht.

Auch Sie wollen den Schweizer Fussball weiterbringen. Wie erholen Sie sich am besten nach Länderspielen?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich mag es, aus Lust am Fussball viele Spiele zu schauen, das ist etwas sehr Schönes an meiner Arbeit, da vergeht die Freude nie. Oder ich geniesse die Zeit zu Hause mit meiner Frau und den beiden Töchtern.

Kommt es vor, dass die Frauen im Haushalt Petkovic den Schweizer Nationaltrainer mit Tipps versorgen?

Eher weniger. Sie fiebern natürlich immer mit und verfolgen alles. Und klar sind sie täglich auch ein wenig mit dem Fussball konfrontiert, der Fussball ist schliesslich seit 40 Jahren ein Teil meines Lebens – diesen Teil hat meine Frau mitgeheiratet. Aber es gibt auch Raum und Zeit für andere, individuelle Interessen. Fussball ist nicht täglich das grosse Thema am Familientisch.

Wenn Sie Dinge tun, die nichts mit Fussball zu tun haben…

…dann aber häufig immer noch mit Sport (lacht). Ich spiele gerne Tennis, im Sommer versuche ich mich beim Wasser-Skifahren. Und im Winter in den Bergen auf den Ski. Da habe ich als Fussballer einige Jahre verpasst, Motorrad- und Skifahren waren verboten.

Sie erwähnten das Anschauen von Fussball-Spielen. Können Sie Spiele aus reinem Genuss schauen? Oder schaut immer das Trainer-Auge mit?

Wenn mich ein Spiel interessiert, kann ich gut abschalten. Dann bin ich ein normaler Fussball-Fan. Oft sehe ich dann auch andere Facetten des Spiels.

Welche Trainer, welche Spielweisen haben Sie geprägt?

Ich habe von jedem Trainer, der mir begegnet ist, etwas «geklaut». Die Geschlossenheit und taktische Disziplin eines Fabio Capello, kombiniert mit dem schönen Fussball von Arsène Wenger bei Arsenal um die Jahrtausendwende – daraus einen Mittelweg zu finden, war und ist meine persönliche Herausforderung. Zudem mochte ich es, Experimente zu machen. Die Dreierkette ist eines davon.

Damit begeisterten Sie bei YB die Leute. War diese Phase die wichtigste in Ihrer Trainer-Entwicklung?

Der Sprung von Bellinzona zu YB war sicher ein sehr grosser. Aber jede Phase des Trainerlebens war wichtig. Ich begann ja schon als Dreijähriger den Fussball zu lieben und ihn mit meinem Vater zu analysieren.

Wir stellen uns also vor, wie Vater Petkovic am Küchentisch seinem dreijährigen Sohn Fussballstrategien erklärt.

So extrem dann auch wieder nicht. Das wären dann ja schon Fussball-Extremisten (lacht). Aber ich durfte mit ihm immer auf Auswärtsreisen dabei sein im Bus, oder in der Garderobe sitzen. Als ich in die Schweiz kam, begann ich früh, mit F-Junioren zu arbeiten. Dann eine Kategorie nach der anderen. Bis ich Spielertrainer war bei Bellinzona. Ich wollte immer ein Vorbild sein.

Welche Erfahrungen nehmen Sie aus der Zeit als Spielertrainer mit?

Ich konnte den Fussball von innen kennenlernen. Ich weiss, wie ein Spieler denkt. Zum Glück habe ich mich aber früh genug auf die Bank gesetzt und dann auf die Tribüne (lacht).

Einmal sagten Sie, angesprochen auf Ihre Trainerkarriere: «Ich musste durchs Fegefeuer gehen.»

Es gab eine Zeit, da habe ich vieles gleichzeitig gemacht. Arbeit, Erwachsenenbildung, Fussball, Trainerkurse. Ich hatte lange keine Garantie, dass ich wirklich Profi-Trainer werden kann. Ich musste mir nach meiner Aktivkarriere ein Leben auf zwei Schienen parallel aufbauen. Eine Schiene mit Fussball. Und eine Schiene ohne Fussball. Es war eine lange Zeit des Wartens, aber davon profitiere ich heute.

Inwiefern?

Ich hatte mit vielen verschiedenen Menschen zu tun. Manchmal auch mit Arbeitslosen oder Sozialbeamten. Vieles ist im täglichen Leben ähnlich wie im Fussball. Zuallererst habe ich eine Message, die ich meinem Gegenüber übergeben will – und der andere muss dich verstehen.

Nun sind Sie seit gut einem Jahr Nationaltrainer. Ihr Vertrag läuft bis zum Ende der EM-Qualifikation und verlängert sich automatisch, wenn sich die Schweiz für die EM qualifiziert.

Das ist richtig. Problematisch wird es nur, wenn wir im Juli auch noch spielen sollten (im Viertelfinal; d. Red.), dann müsste ja vielleicht schon ein nächster Trainer da sein (lacht)…

…weil sich Ihr Vertrag nur bis zum Juni 2016 verlängern würde. Denken Sie über diesen Zeitraum hinaus?

Im Moment interessieren mich nur die kommenden Spiele gegen San Marino und Estland.

Aber Sie werden sich doch sicher schon Gedanken gemacht haben, wie es weitergehen soll?

Ich denke, bis anhin ist ein positiver Eindruck von mir und von meinem Arbeitgeber da. Diese Synchronität ist wichtig. Klar ist: Für die Zukunft ist es immer besser, wenn die Vergangenheit positiv ausgegangen ist.

Wie beurteilen Sie das Team, ein Jahr nachdem Sie es übernommen haben?

Zuerst einmal: Vergleiche mit Teams aus einer früheren Ära möchte ich nicht machen. Das ist Aufgabe der Journalisten. Ich habe in meiner Zeit eine ästhetische Steigerung festgestellt. Natürlich hatten wir Phasen ohne Brillanz. Das ist nicht wegzureden. Ich stelle aber auch fest, dass wir in den wichtigsten Situationen stark waren. Wir konnten gegen Litauen und Slowenien zweimal ein Spiel drehen. Und ich finde nach wie vor, wir waren auf Augenhöhe mit England.

Die Qualifikation für die EM wird gemeinhin als selbstverständlich betrachtet. Von den Fans. Aber auch von uns Medien. Nervt Sie das?

Ja, wenn ich höre und lese, wie einfach die EM-Qualifikation sein soll, nervt mich das tatsächlich. Nehmen wir die Einzelspieler von Slowenien. Da sind Leute dabei, die spielen in der Bundesliga oder Italien wichtige Rollen. Die Unterschiede zu den Schweizern sind nicht gross. Aber trotzdem scheint für alle selbstverständlich, dass wir die wegputzen. Ich würde die Qualifikation für die EM als Erfolg einstufen, nicht als Selbstverständlichkeit. Wie viele Male hat sich die Schweiz für eine EM qualifiziert?

Zweimal.

Eben. Dieses Denken ist auch gefährlich für unseren Nachwuchs. Es geht nichts von alleine. Weder eine Qualifikation für ein grosses Turnier. Noch der individuelle Weg an die Spitze im Fussball. Wenn die jetzige Generation so gedacht hätte, wäre sie nie dort angekommen, wo sie sich jetzt befindet.

Einige Spieler sind angeschlagen oder verletzt. Darunter Sommer, Lichtsteiner, Seferovic und Shaqiri. Gibt es sonst etwas, das Ihnen Sorgen bereitet?

In letzter Zeit gab es einige Transfers von Schweizer Spielern zu – sagen wir es diplomatisch – Teams, die sich eher gegen hinten orientieren als dass sie im Kampf um den Titel mitmischen. Ich hoffe sehr, dass dies keinen Einfluss hat auf die Siegermentalität im Nationalteam.

Meistgesehen

Artboard 1