Tour de France
Nach Sagan-Ausschluss: Was nützt der Videobeweis, wenn selbst die Videoschiris blind sind?

Peter Sagan wird nach seinem vermeintlichen Ellbogencheck gegen Mark Cavendish von der Tour de France ausgeschlossen. Doch Sagan wird ausgeschlossen, obwohl er eigentlich gar nicht schuld ist am Schlamassel.

Marcel Kuchta
Marcel Kuchta
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Peter Sagan (Zweiter von links) fährt auf der Zielgeraden den Ellbogen aus und Mark Cavendish (hinter ihm) kommt zu Fall.

Peter Sagan (Zweiter von links) fährt auf der Zielgeraden den Ellbogen aus und Mark Cavendish (hinter ihm) kommt zu Fall.

KEYSTONE/EPA/YOAN VALAT

Es war wieder mal ein Klassiker. Ich schaue den Endspurt der vierten Tour-de-France-Etappe, sehe, wie Peter Sagan seinem Kontrahenten Mark Cavendish einen Ellbogencheck verpasst, worauf dieser übel in die Balustraden fliegt und regungslos auf dem Asphalt liegen bleibt. «Foul», schreie ich erst vor dem Fernseher. Ein paar Wiederholungen später, angeheizt durch den TV-Moderator und die ersten Fahrerinterviews, verurteile ich Sagan auch auf Twitter.

Später nehme ich mit Genugtuung zur Kenntnis, dass der Weltmeister, den ich als schillernde Figur im Radsport eigentlich sehr schätze, von den Tour-Organisatoren ausgeschlossen wurde. «Richtig so», denke ich und balle innerlich die Gerechtigkeitsfaust.

Je später der Abend wird, umso mehr Details kommen aber ans Tageslicht. Andere Kamerawinkel. Gezoomte Bilder. Super Slomos. Und bald merke ich, dass hier Unrecht geschehen ist. Peter Sagan wurde ausgeschlossen, obwohl er eigentlich gar nicht schuld ist am Schlamassel.

Die Einzelbilder zeigen, dass Cavendish schon vor dem Kontakt mit Sagan aus dem Gleichgewicht gerät, seinen Kopf an Sagans Schulter anlehnt, worauf dieser – bei Tempo 70 – selber aus der Balance gerät und deshalb instinktiv seinen rechten Ellbogen ausfährt, um nicht selber zu Fall zu kommen. Cavendish hätte seinen Sturz, der schon vor der «Feindberührung» mit Sagan begann, nicht mehr verhindern können. Fazit: Es war ein ganz normaler Rennunfall in der Hitze des Gefechts.

Was mich zu diesem späten Zeitpunkt der Erkenntnis aber am meisten wunderte: Wieso wurde diese entscheidenden Faktoren von den Kommissären der Tour de France, die Sagan vom Rennen ausschlossen, nicht gesehen? Sie standen unter keinerlei Zeitdruck, hätten sich die Bilder in aller Ruhe x-mal anschauen können. Jetzt muss Sagan zuschauen, obwohl er sich letztlich nichts zuschulden hat lassen kommen. Es scheint fast so, als ob die Schiedsrichter im Affekt handelten und der brüllenden Meute – mir inklusive – ein Opfer auf dem Silbertablett servieren wollten.

Apropos brüllende Meute. Brüllen taten auch die Chilenen in der hektischen zweiten Hälfte des Confed-Cup-Finals gegen Deutschland am letzten Sonntag. Auch dort gab es eine besonders umstrittene Szene. Chiles Gonzalo Jara unternimmt mit seinem Ellbogen einen kieferchirurgischen Eingriff bei seinem Deutschen Gegenspieler Timo Werner.

Der serbische Schiedsrichter erkennt die Situation auf dem Feld nicht. Der Video-Referee greift ein und beordert den Spielleiter vor den Videoscreen. Dort müsste der Schiedsrichter die Tätlichkeit Jaras klar erkennen. Tut er aber nicht und zeigt statt der roten nur die gelbe Karte. Weshalb, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben.

Im Gegensatz zu den Tour-de-France-Kommissären musste der Referee in St. Petersburg innert Sekunden entscheiden, wie das Strafverdikt ausfällt. Er setzte in der Hitze des Gefechts auf das Motto «Gnade vor Recht». Was menschlich ja im entferntesten irgendwie noch nachvollziehbar ist. Nicht nachvollziehbar ist, dass sowohl an der Tour de France als auch am Confed-Cup die technischen Möglichkeiten nicht ausgeschöpft wurden.

Was nützt der Videobeweis, wenn selbst die Video-Schiedsrichter blind sind? Immerhin: So gehen selbst den grössten Kritikern der «Vertechnisierung» des Sports die Argumente aus. Der Faktor Mensch hat durchaus weiterhin Gewicht. Und wir Sofasportler dürfen uns auch in Zukunft aufregen.

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