"Warum sind wir so langsam?", fragte Vettel während des Grand Prix von Australien über Funk seinen Renningenieur. "Wir wissen es im Augenblick nicht", lautete die simple Antwort von der Ferrari-Kommandozentrale. Ratlosigkeit machte sich breit bei den Roten aus Maranello.

Im Ziel nach 58 Runden betrug der Rückstand von Vettel, der schwer geschlagen nur Vierter wurde, auf Überraschungssieger Valtteri Bottas fast eine Minute. Für den Deutschen mit Wohnsitz im Thurgau war es der schlechteste Saisonstart, seit er 2015 zu Ferrari gewechselt hat. Kein Wunder schrillen beim vierfachen Weltmeister bereits die Alarmglocken.

All die guten Eindrücke, die der Ferrari im direkten Vergleich mit dem Mercedes bei den Testfahrten Ende Februar in Spanien hinterlassen hatte, waren plötzlich wie weggeblasen. Dem hoch gelobten SF90 fehlte im Albert Park die Haftung, die Reifen bauten in besorgniserregenden Masse ab. Vettels Traum und die Hoffnung, wie einst Rekord-Champion Michael Schumacher im fünften Jahr mit den Italienern endlich zum ersten Mal im Ferrari Weltmeister zu werden, erlitten in Down Under einen herben Dämpfer. Die Dominanz von Mercedes war wie in den Jahren zuvor erdrückend.

Nachdenklich gestimmt haben dürfte der 31-Jährige auch, dass sein neuer Teamkollege Charles Leclerc am Ende des Rennens die deutlich besseren Rundenzeiten fuhr. Der zehn Jahre jüngere Monegasse war im Winter im Tausch mit Räikkönen von Alfa Romeo gekommen und blieb als Fünfter bei seinem Ferrari-Debüt nur wegen einer Stallorder hinter Vettel. Ob sich der aufstrebende Leclerc auf Zeit mit der Rolle des Helfers abfinden wird, so wie zuletzt Vettels Kumpel Räikkönen, scheint zumindest fraglich.

"Nicht das ganze Potenzial gezeigt"

Ferrari ist nach dem enttäuschenden Abschneiden in Australien in Klausur gegangen und hat die nötigen Schlüsse daraus gezogen. Mattia Binotto, als Nachfolger von Maurizio Arrivabene seit dieser Saison Teamchef bei den Roten, wählte bei der Aufarbeitung leise Töne und mahnte davor, nicht gleich den Krisenmodus auszurufen. "Das Wochenende (in Melbourne) hat nicht das ganze Potenzial des Autos gezeigt. Das ist sicherlich grösser", bekräftigte der in Lausanne geborene Italiener. Binotto war als Motoren-Ingenieur schon an Michael Schumachers Titelserie beteiligt, seinen Einstand als Teamchef bei Ferrari hatte er sich aber bestimmt anders vorgestellt.

Ferrari im Titelrennen vorzeitig abzuschreiben, wäre jedoch falsch. Das weiss auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff. "Ein Rennen allein bestimmt nicht das Kräfteverhältnis für den Rest der Saison." Er erwartet deshalb, dass die Italiener in Bahrain gestärkt zurückkommen werden. "Ferrari wird alles in seiner Macht Stehende unternehmen, um zurückzuschlagen", ist sich Wolff sicher.

Das Flutlichtrennen auf dem Wüstenrundkurs in Sakhir dürfte für Vettel und Ferrari genau zum richtigen Zeitpunkt kommen. Der Deutsche, der das Rennen im vergangenen Jahr trotz einer waghalsigen Reifenstrategie gewonnen hat, ist auf der Insel am Persischen Golf Rekordsieger. Viermal triumphierte er bereits auf dem Bahrain International Circuit. Ferrari stellte seit der Erstaustragung des Grand Prix im Jahr 2004 bereits sechsmal den Sieger.

Sich nur auf Statistiken zu verlassen, wäre für die Scuderia aber ein Trugschluss. Denn in den letzten vier Jahren stand in Bahrain immer jener Fahrer zuoberst auf dem Podest, der auch schon in Australien jubeln konnte. Bottas jedenfalls wird das gerne hören.