Schwingen

Matthias Sempach: «Manchmal wäre ich gerne 0815»

Der symphatische Schwingerkönig hat noch lange nicht genug vom Schwingen. Er plant bis Zug 2019 weiterzumachen.

Der symphatische Schwingerkönig hat noch lange nicht genug vom Schwingen. Er plant bis Zug 2019 weiterzumachen.

Vor seinem ersten Kranzfest der Saison gibt Schwingerkönig Matthias Sempach Einblick in sein Leben. Sempach verrät, dass er noch bis Zug 2019 weitermachen will.

Matthias Sempach, seit dem Königstitel 2013 hat sich Ihr Leben sicherlich stark verändert. Merkt das
auch Ihre Freundin Heidi Jenny?

Matthias Sempach: Für sie bin ich der Gleiche wie vor Burgdorf. Wir kennen uns schon lange und sind seit 2007 zusammen. Heidi hat mich immer unterstützt und tut das auch jetzt. Unmittelbar nach Burgdorf war das Pensum mit allen Verpflichtungen für uns enorm. Das hat sich aber ein bisschen gelegt. Ich habe gelernt, Nein zu sagen. Nur so kann ich mir und für meine Familie Lücken schaffen.

Am 2. Dezember kam ihr Sohn Henry zur Welt. Und trotzdem müssen Sie Ihre Familie oft allein lassen. Bereitet Ihnen das keine Probleme?

Als Vater habe ich nun mehr Verantwortung, klar. Die nehme ich wahr. Dass ich am Sonntag ans Schwingfest oder am Abend ins Training fahre, ändert nichts daran. Mir ist es wichtig, für Henry und auch für Heidi genügend Zeit zu haben. Die nehme ich mir. Ich versuche, möglichst oft mit ihnen zusammen zu sein.

Freiräume zu schaffen, ist aber schwieriger geworden.

Das ist so. Diese Freiräume muss ich bewusst einplanen. Das will ich so, und das ist wichtig. Das muss sein. Deshalb schiebe ich Termine, so gut das geht, auf die trainingsfreie Zeit im September und Oktober.

Ein Nein des Königs kommt bestimmt nicht überall gut an.

Das ist so, muss aber sein. Speziell, wenn man eine Beziehung zu Leuten hat, die einem etwas bedeuten, ist es nie einfach, Nein zu sagen. Für mich ist das aber nichts Neues. Schon als 16- und 17-Jähriger musste ich Nein sagen. Wenn die Kollegen in den Ausgang gingen, habe ich verzichtet, wenn am nächsten Tag ein Schwingfest auf dem Programm stand.

Als König dürfen Sie sich keinen Fehltritt erlauben. Ein ausgelassener Abend mit Freunden ist also kompliziert geworden.

Ich mache das gelegentlich schon noch. Ich muss aber sagen, dass ich gerne auch einmal alleine bin. Ich bin nicht einer, der in seiner Freizeit unbedingt unter Leute muss. Die Wahrnehmung meiner Person hat sich nach Burgdorf komplett verändert. Die Augen sind auf mich gerichtet. Manchmal wäre ich gerne einfach eine 0815-Person. Zu 99 Prozent sind die Reaktionen auf und neben dem Schwingplatz aber positiv. Es hat noch keinen Tag gegeben, an dem ich mir gewünscht hätte, ich wäre nicht Schwingerkönig. 

Der Schlussgang am Eidgenössischen Schwingfest 2013

Der Schlussgang am Eidgenössischen Schwingfest 2013

Mit Bravour haben Sie Ihr erstes Amtsjahr als Schwingerkönig gemeistert. Neun Festsiege, fünf davon an Kranzfesten, und zehn Kränze sind eine eindrückliche Bilanz. Geht es jetzt so weiter?

An jedem Fest gut abzuschneiden, das war mein Ziel. Das ist es auch weiterhin. Ich habe gut trainiert und bin im Winter ohne Verletzung geblieben. Die Gesundheit ist das Wichtigste. Gleichzeitig versuche ich, die Intensität hochzuhalten und sauber zu arbeiten. Dank der grossen Leidenschaft zum Sport macht es mir immer noch Spass, hart zu trainieren, was für die Erfolge sehr wichtig ist.

Besteht nicht die Gefahr, dass Ihnen der absolute Siegeswille plötzlich fehlen könnte?

Davor habe ich eigentlich keine Angst. Wenn ich genügend Zeit für die Erholung finde, ist der Wille zum Sieg gross. Dann verliere ich auch den Biss nicht. Die Erholung ist für mich etwas vom Wichtigsten.

Unvermindert gross ist der Druck. Sie treten überall als Favorit an.

Man spricht zu viel über Druck. Ich will gut schwingen. Darauf konzentriere ich mich. Druck hat jeder andere Schwinger auch. Der, der das Fest gewinnen will, hat ihn genauso. Der, der seinen ersten Kranz gewinnen will, ebenso. Und auch der, der in den Ausstich will, hat Druck.

Denken Sie, dass Sie ein guter König sind?

Manchmal muss ich ein wenig für mich schauen, um Ruhe zu finden. Ansonsten glaube ich schon, dass ich ein guter König bin. Ich versuche, der Gleiche zu sein wie vor Burgdorf. Im Schwingsport würde es nicht gut ankommen, wenn ich abhebe. Das würde ich sofort zu hören bekommen.

Kritik gibt es aber schon.

Kritik ist sogar gut. Ich bin nicht perfekt. Seit Burgdorf habe ich schon drei Gänge verloren (schmunzelt).

Die Niederlagen haben Sie als Perfektionisten bestimmt geärgert.

Nein, überhaupt nicht. Ich ärgere mich selten über Niederlagen. Sie gehören dazu. Sie schaden nicht.

Das nehme ich Ihnen nicht ab. Dafür sind Sie zu ehrgeizig.

Es ist aber so. Nur wenn ich einen unnötigen Fehler mache und deshalb verliere, ärgere ich mich. Wie beim «Eidgenössischen» 2010 in Frauenfeld gegen den Appenzeller Michael Bless. Ich hatte den Gang dominiert, doch dann hat mich Michael souverän ausgekontert.

Ohne diese Niederlage wären Sie möglicherweise damals schon Schwingerkönig geworden.

In Frauenfeld hatte Kilian Wenger zwei super Tage. Er war damit der verdiente Sieger.

In diesem Jahr fehlt im Festkalender ein absoluter Saisonhöhepunkt. Wo setzen Sie Ihre Prioritäten?

Jedes Fest hat für mich seinen Reiz, ist für mich eine Herausforderung. Speziell freue ich mich auf die Schwägalp, den Brünig und die Feste des eigenen Gauverbandes. Gross ist die Vorfreude auch auf das «Freiburger» am nächsten Sonntag, mein erstes Kranzfest in dieser Saison. In der Westschweiz habe ich zwei Lehrjahre verbracht und pflege gute Freundschaften dorthin.

Das «Eidgenössische» 2016 ist schon in aller Munde. Steht Ihre Planung für Estavayer-le-Lac schon fest?

Nicht konkret. Wichtig ist, dass ich gesund bleibe und eine ansprechende Saison habe. Für das nächste Jahr werde ich, Stand heute, nichts Grundlegendes verändern. Mein Trainer Jean-Pierre Egger ist 72-Jährig und verfügt über genügend Erfahrung.

Vor Burgdorf haben Sie unter höchst professionellen Bedingungen gearbeitet. Werden Sie die Vorbereitung im ähnlichen Umfang angehen?

Ich werde im nächsten Jahr mein Arbeitspensum bei 40 Prozent belassen. Daran ändere ich nichts. Die einzige offene Frage ist, ob ich im Winter erneut ins Ausland gehe. 2013 war ich in Neuseeland. Das hat mir gutgetan. Ich profitierte dort vom milden Klima und optimalen Trainingsverhältnissen. Das war alles sehr gut. Wegen der Familie überlege ich mir im Moment noch, ob ich das wieder tun will.

Das müssten Sie eigentlich. Stillstand ist bekanntlich Rückschritt.

Ich sage nicht, dass ich mich nicht verbessern und bestmöglich trainieren will. Schwingerisch gibt es immer etwas zu korrigieren, um weiterzukommen.

Als Spitzenschwinger betreiben Sie täglich Raubbau an Ihrem Körper. Das hinterlässt Spuren. Estavayer wäre allenfalls der ideale Zeitpunkt für den Rücktritt.

Nein, definitiv nicht. Meine Planungen gehen bis Zug 2019. Dort möchte ich beim «Eidgenössischen» dabei sein. Es wird sich zeigen, ob das machbar ist.

Sie empfangen im Schwingklub Kirchberg auch Konkurrenten bei Ihnen im Training. Wieso?

Konkurrenten im Schwingkeller zu begrüssen, ist positiv. Davon profitieren alle. Es ist interessant. Man lernt dazu. Im Oberaargau bin ich der einzige Eidgenosse. Vor 15 Jahren waren es zehn oder zwölf. Dank den beiden Nordwestschweizern Christoph Bieri und Mario Thürig, die regelmässig dabei sind, hat sich die Qualität der Einheiten deutlich erhöht.

Ihre Hauptkonkurrenten kommen sowieso aus dem eigenen Berner Verband.

Jeder Gegner, egal aus welchem Teilverband, muss zuerst besiegt werden. Bieri – zum Beispiel – ist einer, der in Estavayer am schwierigsten zu besiegen sein wird. Er verliert fast nie. Aber es sieht danach aus, dass im nächsten Sommer die Berner erneut die Favoriten sein werden.

Führt das verbandsintern nicht zu Neid und Missgunst?

Ich denke nicht, dass einer von uns dem anderen den Erfolg missgönnt. Ich habe mich mit Kilian Wenger gefreut, als er in Frauenfeld gewonnen hat. Nach Burgdorf habe ich alle Berner an ein Fest eingeladen. 95 Prozent sind gekommen. Das ist ein gutes Zeichen und alles andere als selbstverständlich. Man kann schon sagen, dass die gegenseitige Unterstützung im Berner Verband trotz Namen wie Kilian Wenger, Christian Stucki, Matthias Siegenthaler und noch vielen anderen Spitzenschwingern gut funktioniert.

Das Team ist also ein Erfolgsfaktor.

Ganz klar, ja. Die Konstanz der Berner kommt nicht aus dem Nichts. Wir arbeiten seit Jahren konsequent nach Trainingsprogrammen. Diverse Berner trainieren sehr, sehr professionell. Das ist entscheidend und der Hauptgrund für die Erfolge und die Dominanz des Berner Verbandes.

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