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«Man kann ihn nicht kopieren»: Wer wird in Adelboden Nachfolger von Marcel Hirscher?

Der Beste am Kuonisbergli: Marcel Hirscher.

Der Beste am Kuonisbergli: Marcel Hirscher.

Marcel Hirscher dominierte über Jahre die Rennen von Adelboden. Noch ist kein anderer Seriensieger in Sicht.

An keinem anderen Ort war Marcel Hirscher während seiner Karriere so erfolgreich wie in Adelboden. Insgesamt häufte er 16 Podestplätze an, neunmal stand er zuoberst im Riesenslalom. Am selben Austragungsort so viel zu gewinnen, schaffte keiner in der Geschichte des Skisports. Stenmark nicht, Svindal nicht, sie blieben bei acht Siegen stehen.

Adelboden war Hirschers Wohnzimmer. Im letzten Jahr fühlte er sich so wohl, dass er spontan eine Botschaft in die Schweizer Fernsehkameras schickte, die das Land noch monatelang beschäftigte. Als würde er in seinen vier Wänden auf dem Sofa sitzen , sagte er: «Er kann Gesamtweltcupsieger, Olympiasieger werden – alles, was er möchte.» Hirscher meinte damit Marco Odermatt, den Schweizer Hoffnungsträger. Es wirkte, als hätte der Österreicher mittels Rundfunk den Stab an den nächsten Seriensieger weitergegeben.

Rückschläge für die potenziellen Nachfolger

Ein Jahr später scheint in Adelboden wieder nüchterner Alltag zu herrschen. Die Rekordjahre von Hirscher sind vorbei, Odermatt ist verletzt, das Schweizer Riesenslalom-Team wartet noch auf einen Podestplatz. Hirschers dominante Rolle in den Technik-Wettbewerben konnte bislang kein anderer Fahrer ausfüllen. Die potenziellen Nachfolger Henrik Kristoffersen und Alexis Pinturault tun sich noch etwas schwer. Beide sind seit dieser Saison nach Vorbild Hirscher mit einem Privatteam unterwegs. Und beide hatten schon erste Rückschläge hinnehmen müssen. Kristoffersen gewann zwar in Alta Badia, tauchte aber in Sölden und Zagreb mit Rängen weit ausserhalb der ersten zehn. Pinturault siegte in Sölden und Val d’Isère, sonst stand er nicht auf dem Podium.

Der Saisonverlauf zeigt, dass die Rennen ohne Hirscher auch Platz für Überraschungen bieten. In den ersten drei Riesenslaloms belegten sieben verschiedene Athleten die Podestplätze. Darunter zwei Fahrer, die man nicht so weit vorne erwarten würde: Tommy Ford und Cyprien Sarrazin. Ford, ein 30-jähriger US-Amerikaner, war in der Vergangenheit von Verletzungen geplagt und tastete sich erst vor zwei Jahren an die Weltspitze. Sarrazin, ein 25-jähriger Franzose, klassierte sich im Riesenslalom einmal auf dem 10. Platz, es blieb vor dieser Saison ein einsamer Ausreisser.

«Einer schrieb ein ganzes Buch über Hirscher»

Auch die Slalom-Rennen scheinen in der Tendenz offener geworden zu sein. In den ersten vier Wettbewerben gab es vier verschiedene Sieger. Involviert sind auch die Schweizer, sie befinden sich in starker Frühform. Mitte Woche gewann Daniel Yule den Slalom von Madonna di Campiglio, zum Saisonauftakt in Levi stand er als Dritter auf dem Podest, hinzu kommt ein zweiter Platz von Ramon Zenhäusern in Zagreb.

In Adelboden wird Daniel Yule am Freitagnachmittag gefragt, welches Erbe Marcel Hirscher dem Skisport hinterlassen habe. Yule überlegt einen Moment, dann sagt er: «Also einer hat ein ganzes Buch darüber geschrieben.» Er lacht, wahrscheinlich könnte er stundenlang über diese Frage referieren. «Während seiner Karriere wurden Hirschers Leistungen unterschätzt. Das sieht man in diesem Jahr, Pinturault oder Kristoffersen schaffen es nicht jedes Wochenende aufs Podest.» Hirscher habe die Leistungsgrenze verschoben, von seiner Professionalität könne man lernen, aber sie zu kopieren, sei nicht möglich, sagt Yule. «Es ist wie bei Roger Federer. Wenn es einfach wäre, ihn zu kopieren, hätten viele 20 Grand-Slam-Titel.»

«Er hat den ganzen Skisport auf ein viel höheres Niveau gebracht», sagt Ramon Zenhäusern. Die Arbeit mit dem Material, die Trainingsmethoden, vieles habe sich dank Hirscher verändert. Auch die Übungen mit dem Theraband kurz vor dem Start habe der Österreicher etabliert. «Vor zehn Jahren hatte niemand solche Übungen gemacht», sagt Zenhäusern.

Hirscher hat den Ski-Weltcup verlassen, sein Wohnzimmer Adelboden ist wieder ein gewöhnlicher Ort, mit genügend Raum für neue Heldengeschichten. Natürlich rechnen sich die Schweizer Chancen aus, ihre knapp zwölfjährige Durststrecke zu beenden. Ramon Zenhäusern sagt entschlossen: «Es ist an der Zeit, dass die Schweiz wieder einen Podestplatz schafft.»

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