Machtkampf im Fussball
Nach nur drei Tagen ist die European Super League bereits Geschichte

Dieser neue Wettbewerb kommt nach den heftigen Reaktionen in der Fussballwelt zwar nicht, doch die Uefa-Champions-League wird gleichwohl weiter aufgebläht. Es gibt viel Diskussionsbedarf.

Markus Brütsch
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Andrea Agnelli: Der Totengräber des Fussballs?

Andrea Agnelli: Der Totengräber des Fussballs?

Keystone

Allein zu Haus: Am Mittwochmittag hielten nur noch Real Madrid, der FC Barcelona und Juventus Turin in ihrem Luftschloss die Stellung. Andere, die sich anfänglich ebenfalls für ein Leben im finanziellen Schlaraffenland der European Super League interessiert hatten, waren dagegen längst zurückgekrebst. Die sechs englischen Vereine Manchester United, Manchester City, Liverpool, Arsenal, Chelsea und Tottenham schon am Dienstagabend und in der Nacht auf Mittwoch definitiv wie Dominosteine umgefallen; Atlético Madrid, der aktuelle Tabellenführer der spanischen Primera Division sowie die italienischen Spitzenklubs Inter Mailand und die AC Milan am Morgen danach.

Die Drohungen verfehlten ihre Wirkung nicht

Aufgeschreckt von der gewaltigen Eruption, welche die Gründung des neuen Wettbewerbs ausgelöst hatte, waren sie überraschend schnell umgekippt, ganz nach dem Motto: Rette sich, wer kann. Die Drohungen der Uefa und der nationalen Verbände, die betreffenden Vereine aus den Wettbewerben auszuschliessen und ihre Nationalspieler von einer EM-Teilnahme, hatten die Wirkung nicht verfehlt. Der englische Premierminister Boris Johnson, der französische Staatspräsident Emmanuel Macron, die Verbände Fifa und Uefa, grosse Trainer wie Jürgen Klopp und Pep Guardiola und jede Menge früherer und aktueller Stars wie Gary Neville oder Robin Gosens von Atalanta Bergamo hatten auf dieses einzig der Gewinnmaximierung dienende Projekt eingedroschen. An klaren Worten, Spott und Häme hatte es nicht gefehlt. Und nicht zuletzt hatten auch Fans in aller Welt einen solchen Druck aufgebaut, dass selbst ein Rädelsführer der Abtrünnigen wie Andrea Agnelli am gestrigen Nachmittag einknickte und seine Niederlage eingestehen musste.

Zwar konnte der Juventus-Boss es nicht lassen zu behaupten, man sei noch immer von der «sportlichen, kommerziellen und rechtlichen Solidität der Super League überzeugt», um dann doch einzuräumen, es gebe nur «begrenze Chancen, das Vorhaben wie gedacht zu realisieren». Er hätte besser gesagt: null Chancen. Und zu allem Elend musste er noch zur Kenntnis nehmen, dass der Börsenmarkt empfindlich auf die Machtkämpfe reagiert hatte und der Aktienkurs seines Klubs Juventus bis zum Börsenschluss am Mittwoch um 12,7 Prozent auf 0,76 Euro abgestürzt war. Bereits am Tag zuvor war die Aktie von Manchester United um sechs Prozent nach unten gefallen.

Aleksander Ceferin gibt sich versöhnlich

Das Szenario, die laufenden Europacup-Wettbewerbe könnten zu einer Chaos-Veranstaltung verkommen, ist nach Agnellis Eingeständnis wohl vom Tisch. Nachdem die Uefa zu Wochenbeginn subito angekündigt hatte, sie werde am Freitag in ihrer Sitzung jene Klubs ausschliessen, welche der Super League nicht abschwören würden, konnte Präsident Aleksander Ceferin schon am Mittwoch Entwarnung geben. Betont versöhnlich sagte der Sieger dieses Machtkampfs: «Ich wiederhole, dass es bewundernswert ist, einen Fehler zuzugeben, und diese Vereine haben einen grossen Fehler gemacht», sagte der Slowene. Und schob nach: «Aber sie sind jetzt wieder bei uns und ich weiss, dass sie nicht nur unseren Wettbewerben, sondern dem gesamten europäischen Spiel viel zu bieten haben.»

Somit deutet alles darauf hin, dass am kommenden Dienstag in der Champions League Real Madrid sein Halbfinal-Hinspiel gegen den FC Chelsea austragen wird wie am Donnerstag auch Arsenal (gegen Villarreal) und Manchester United (gegen die AS Roma) die Semifinals in der Europa League bestreiten werden. Wie erschreckend unreflektiert und unvorbereitet sich die Klubs dem Projekt hingegeben hatten, verdeutlicht die Stellungnahme des FC Chelsea: «Nachdem wir uns der Gruppe Ende letzter Woche angeschlossen haben, hatten wir jetzt Zeit, uns eingehend mit der Angelegenheit zu befassen und haben entschieden, dass unsere weitere Beteiligung an diesen Plänen nicht im besten Interesse des Klubs, unserer Fans und der Fussball-Gemeinde ist.»

Die Super League ist gescheitert – doch Anlass zu Jubel gibt es nicht

Ob die auch von anderen Vereinen plötzlich praktizierte Demut geheuchelt ist oder es wenigstens in den Köpfen der Besitzer und CEOS ein klein bisschen gedämmert hat, wie sie drauf und dran gewesen waren, dem Fussball grossen Schaden beizufügen, ist zu bezweifeln. Wenn Inter Mailand bei seiner Verabschiedung vom Projekt mitteilt, der Klub wolle den Fans stets das beste Fussballerlebnis bieten und sei der Ansicht, dass der Fussball ein Interesse daran haben müsse, seine Wettbewerbe ständig zu verbessern, um Fans aller Altersgruppen auf der ganzen Welt zu begeistern, deutet dies nicht direkt auf eine Läuterung hin. Ist Liverpools amerikanischem Besitzer John W. Henry über den Weg zu trauen? Sätze wie «Wir haben euch gehört, ich habe euch gehört. Ich hoffe auf die Chance zur Fortsetzung meines Investments im Herzen des europäischen Fussballs», klingen gut, aber verdächtig aufgesetzt.

Drei Tage nach der Lancierung des Projekts unter Federführung von Agnelli und Real-Präsident Florentino Perez ist das Projekt Europäische Super League krachend gescheitert. Aber Anlass zu grossem Jubel gibt das nicht. Denn am Montag hatte das Exekutivkomitee der Uefa bereits die Champions-League-Reform 2024/25 verabschiedet. Auch diese ist der Geldvermehrung geschuldet. Mit der Aufstockung von 32 auf 36 Teams und einem weiter aufgeblasenen Spielplan soll der Rubel noch mehr rollen. Die Super League ist zwar gestorben, die Diskussionen um dringend notwendige Reformen im europäischen Klubfussball werden aber nicht verstummen.