Lara Gut trifft spät in Killington ein. Die meisten ihrer Konkurrentinnen haben bereits einige Tage in Nordamerika trainiert, als die 26-Jährige am Mittwochabend im Grand Resort Hotel eincheckt.

«Ich wusste, dass die Schneeverhältnisse hier an der Ostküste der USA im November oft nicht gut sind», sagt sie. «In Europa hatten wir perfekte Pisten. Ich wollte so lange wie möglich von diesen Bedingungen profitieren.» Dass sie die Zeitumstellung somit später als ihre Rivalinnen zu spüren bekommt, ist ihr egal. Die Trainingsvorteile überwogen.

Müde ist Lara Gut trotzdem, als sie ihr Gepäck in den Lift des Hotels lädt und sich auf den Weg in ihr Zimmer macht. Die Reise war lang, doch die grösste Gefahr lauert noch auf sie: Im Grand Resort Hotel sind die Betten hochgeklappt und in den Wänden verstaut. «Beim Ausklappen des Betts muss man aufpassen, dass man nicht erschlagen wird», sagt der Schweizer Medienbetreuer Jérôme Krieg.

Dem Knie geht es gut

Lara Gut hat die Nacht gut überstanden und am nächsten Morgen die Bestätigung erhalten, dass sich die späte Anreise gelohnt hat. In Killington liegt kein Naturschnee. Und die Kunstschneepisten wurden durch Regen aufgeweicht. «Das ist nicht, was ich momentan brauche», sagt Gut.

Dass die Schweizerin anders als ihre Teamkolleginnen noch länger in Europa geblieben ist, hatte aber noch einen Vorteil: «Ich war in der Nähe meines Physiotherapeuten, der sich um mein Knie kümmert.» Zu tun hatte er aber weniger als auch schon.

Seine Arbeit in den Tagen vor Lara Guts Abreise diente hauptsächlich der normalen Regeneration. Überhaupt ist die 26-Jährige sehr zufrieden mit dem Heilungsprozess des im Februar erlittenen Kreuzbandrisses und Meniskusschadens im linken Knie.

Kaum noch Unterschiede

«Ich mache grosse Schritte vorwärts. Die Bewegungen werden natürlicher. Ich spüre kaum noch Unterschiede zwischen linkem und rechtem Knie.»

Die Fortschritte ermöglichten es Lara Gut, im Training in Europa bereits wieder Extrembedingungen zu simulieren. «Weite Sprünge in der Abfahrt sind schon kein Problem mehr. Und Fahrten im Renntempo auf vereisten und welligen Pisten gehen ebenfalls sehr gut.»

Es sind Herausforderungen, die im Weltcup auf sie warten. So auch heute Samstag im Riesenslalom in Killington, wo die Tessinerin ihr zweites Weltcuprennen seit der Verletzung bestreiten wird.

Ein nächster Test

Beim Saisonstart mit einem Riesenslalom in Sölden hatte Lara Gut ihr Comeback früher gegeben als erwartet. Trotz Ausfall schaut sie zufrieden zurück. «Es fühlte sich trotz der schwierigen Renn-Bedingungen sehr gut an. Das stimmt mich zuversichtlich. Sölden war für mich ein Bonus.»

Am heutigen Samstag im Riesenslalom in Killington, aber vor allem eine Woche später im kanadischen Lake Louise soll die Bestätigung folgen, dass sie ihr Gefühl, auf gutem Weg zu sein, nicht täuscht. In Kanada finden die ersten Speedrennen des Winters statt. Sie werden für Lara Gut ein nächster Test sein, ob ihr Knie die Rennbelastung schon aushält.

Zauberwort Erholung

Überstürzen will Lara Gut aber sowieso nichts. «Die Verletzung hat mir noch deutlicher aufgezeigt, wie wichtig es ist, dass alles im Gleichgewicht ist. Mein Körper muss viel für mich tun. Das will und muss ich ihm zurückgeben.»

Das Zauberwort heisst Erholung. Selbst wenn diese in einem Klappbett in Killington erfolgt.