Es ist kompliziert. Das ist zwar kein neues Phänomen. Seit Menschen miteinander kommunizieren, gibt es diese Form des Zusammenseins wohl schon. Doch erst im Zeitalter von Social Media bekam dieser Beziehungsstatus eine eigene Definition, kam zu vergeben, verlobt, verheiratet, getrennt oder verwitwet noch etwas anderes hinzu.

Es ist kompliziert, nennt die Facebook-Generation diese ungewisse Form des Miteinanders, in der es viele offene Fragen gibt. Und es passt so wunderbar zu Lara Gut-Behrami und dem Skisport.

Lara Gut-Behrami blickt auf die nächste Saison

Lara Gut-Behrami blickt auf die nächste Saison

Lara Gut-Behrami hat die Medien am Mittwoch ins Tessin eingeladen. Sie empfing sie auf dem Monte Bré über Lugano, um eine Bestandsaufnahme der Situation zu machen. Sie sprach dabei über ihre Verletzung, die Vorbereitungen für die nächste Saison und die positiven Veränderungen, die ihr Ehemann Valon Behrami in ihr Leben gebracht haben.

Facebook wurde 2004 gegründet. Die heute 27-Jährige bestritt im März 2007 ihr erstes Rennen für Swiss Ski. Und seither ist die Beziehung zwischen ihr und dem Verband – kompliziert. Sie wollte sich nie ganz an Swiss Ski binden. Statt in den Verbandsstrukturen zur Siegerin zu reifen, ging sie ihren eigenen Weg mit Vater Pauli als Hauptfigur und wichtigstem Trainer an ihrer Seite.

Der schönste Tag

Das forderte von Anfang an Kompromisse. Von der Familie Gut. Aber auch vom Verband. «Wir haben uns immer wieder gestritten und immer wieder vertragen», sagt die 27-Jährige. Mal dominierte das eine, mal das andere. Nur einfach war es nie.

Doch eigentlich sollte der gestrige Tag auf dem Monte Brè alles sein – nur nicht kompliziert. Schliesslich erlebte sie hier oben auf knapp 1000 Metern über Meer, in einem Restaurant mit wunderbarem Blick auf Lugano, «den schönsten Tag in meinem Leben». Das war im Juli 2018, als sie im kleinen Kreis den Fussballer Valon Behrami heiratete. Die Bilder hat sie bis heute im Kopf.

Bis die Wolken kommen

So beginnt das Gespräch mit ihr auch ganz harmonisch. Genau, wie sich das die Touristiker wohl vorgestellt hatten, als sie Lara Gut-Behrami als Werbeträgerin gewannen. Blühende Kirschbäume und ein fast wolkenloser Himmel passen perfekt zum Image der Sonnenstube Tessin, das die Skifahrerin den Anwesenden vermitteln soll.

«Ich komme immer sehr gerne in meine Heimat», sagt sie und erfüllt den Auftrag als Botschafterin, als sie ihre Lieblingsorte aufzuzählen beginnt. Alle im Tessin natürlich, auch wenn sie mittlerweile in Italien wohnt, in Udine, wo ihr Mann Fussball spielt. Dort hat sie sich auch von ihrer Verletzung am Fussgelenk erholt, die sie sich kurz vor dem Saisonende bei einem Sturz zuzog. «Ich fühl mich fit und gesund», sagt sie. «Ich spüre, dass ich noch sehr viele Träume habe, die ich mir im Skisport erfüllen will.» Die Liebe habe ihr zwar einen neuen Sinn im Leben gegeben. Doch der Sport habe da ebenfalls noch Platz.

Die Ehe läuft gut, die Gesundheit ist toll und neue Ziele sind ebenfalls vorhanden. Fragen, die der Boulevard im Vorfeld aufwarf, erstickt sie. Rücktritt? Kein Thema. Schwangerschaft? Irgendwann. Aber nicht jetzt.

Vermeintliches Paradies

Alles gut also. Bis erste Wolken kommen – und die Eidechsen auf dem Monte Brè beim Sonnenbad stören und die Touristen dazu bewegen, ihre Jacken aus dem Rucksack zu holen. Auch schöne Zeiten haben Schattenseiten. Und das zeigt sich wohl nirgends deutlicher als im vermeintlichen Paradies.

«Ich finde es gut, wenn man diskutiert», sagt Lara Gut-Behrami. «Ich finde es gut, wenn man gemeinsam besser werden will. Aber wenn es dann darum geht, konkret etwas zu ändern, passiert einfach nichts.» Sie meint den Verband. Bemängelt, dass Swiss Ski ihr nicht entgegenkomme.

Ein Beispiel? «Ich hätte gerne immer einen Physiotherapeuten an meiner Seite», sagt sie. Der Verband aber wolle das nicht, er sage, sie solle einfach mit dem Schweizer Team trainieren, dann habe sie einen. «Nur ist er für zehn und mehr Athletinnen gleichzeitig verantwortlich und hat nicht sechs Hände», sagt Gut-Behrami. Spitzenathletinnen und -athleten anderer Nationen hätten weit mehr vom Verband bezahlte Fachkräfte an ihrer Seite, obwohl diese ebenfalls den Weg mit einem Privatteam gingen.

Der Vergleich mit Österreich

Es sind deutliche Vorwürfe, die Lara Gut-Behrami äussert. Sie glaubt, dass der Schweizer Verband ihre Leistungen der Vergangenheit zu wenig würdige, betont, was sie alles erreicht habe: 24 Weltcupsiege, Gewinn des Gesamtweltcups, sechs Medaillen an Grossanlässen. In der Tat hat keine andere aktive Swiss-Ski-Athletin einen solchen Leistungsausweis. Das alles aber zähle bei Swiss Ski nach einer – auch für sie selbst – bescheidenen Saison mit zwei Podestplätzen nichts mehr, bemängelt sie.

Das sei bei anderen Nationen anders. «Ich habe mit Anna Veith (zweifache Gesamtweltcupsiegerin aus Österreich; die Red.) gesprochen: Bei ihr war es nie ein Thema, dass ihr Leistungen reduziert werden, wenn die Resultate mal etwas schlechter sind.»

Diskussionen wiederholen sich

Möglich, dass es Lara Gut-Behrami stört, dass ihre Pressebetreuerin, die zum Internationalen Skiverband wechselt, von Swiss Ski nicht ersetzt wird. Gut möglich, dass es sie nervt, dass die Ansprüche an sie gestiegen sind, jetzt wo mit Wendy Holdener und Michelle Gisin längst auch andere Siegfahrerinnen aufgetaucht sind. Markus Wolf, Geschäftsführer von Swiss Ski, sagt:

«Wir sind an einer Optimierung der Zusammenarbeit mit Lara natürlich sehr interessiert. Bei der Evaluation möglicher Massnahmen ist stets auch immer das grosse Ganze bei Swiss Ski im Auge zu behalten.» Lara Gut-Behrami sagt: «Es ist immer einfach, finanzielle Gründe für das Nichterfüllen von Verbesserungswünschen einzubringen.»

Diese Diskussionen sind nicht neu. Sie wiederholen sich. Es zeigt sich einzig: Die Beziehung zwischen Lara Gut-Behrami und Swiss Ski bleibt kompliziert.