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Lara Gut-Behrami: Eine Siegerin mit leiser Selbstkritik

Lara Gut-Behrami (rechts) und Corinne Suter sorgen für einen Schweizer Jubeltag zum Auftakt des Weltcup-Wochenendes in Crans-Montana. (Bild: Cyril Zingaro/Keystone, 21. Februar 2020)

Lara Gut-Behrami (rechts) und Corinne Suter sorgen für einen Schweizer Jubeltag zum Auftakt des Weltcup-Wochenendes in Crans-Montana. (Bild: Cyril Zingaro/Keystone, 21. Februar 2020)

Die 28-jährige Tessinerin gewinnt erstmals seit zwei Jahren wieder ein Weltcuprennen. Sie nutzt die Gelegenheit zur Reflektion.

Lara Gut-Behrami hat es allen gezeigt. Solche Aussagen wiederholen sich nach der ersten Abfahrt im Zielgelände von Crans-Montana. Dieses trotzige Tessiner Girl, das sich während seiner Karriere so oft unverstanden fühlt und sich immer wieder mal verbal gegen die Kritiker zur Wehr setzt. Wobei es nicht viel braucht, um bei ihr als ein solcher dazustehen.

Wer hätte nach ihren Leistungen in den vergangenen zwei Jahren noch auf Sieg gewettet? Kaum jemand ausserhalb ihres Beziehungsnetzes. Der Fokus schien spätestens nach ihrer Prominenten-Hochzeit mit Fussballer Valon Behrami verschoben, der Biss als Basis jeglichen Erfolgs verdrängt.

Es ist unter der Walliser Sonne also angerichtet für eben diese Abrechnung mit dem Schicksal. Doch anstatt im Augenblick des Triumphs mit dem Finger – aus ihrer Sicht – auf all die Besserwisser der Skiwelt zu zeigen und die Genugtuung auf der Zunge zu tragen, weisen die Wort von Lara Gut-Behrami in eine andere Richtung. Hin zu ihr selber.

Lara Gut-Behrami mit Demut im Augenblick des Erfolgs

Genauso wie Lara Gut-Behrami die wiedergefundene Lockerheit beschreibt, mit der sie an diesem magischen Tag die Walliser WM-Piste runterkurvt und all ihre Gegnerinnen deklassiert, kommen auch die Worte zur Bedeutung des Sieges rüber – ehrlich, reflektiert, relativierend. Wer die Laufbahn der 28-Jährigen verfolgt hat, erkennt die darin mitschwingende Selbstkritik.

«Ein Sieg verändert dein Leben nicht. Es gibt Wichtigeres als zuoberst auf einem Podest zu stehen», sagt Lara Gut-Behrami. Sie, die noch am Vortag nichts von Vergleichen mit Leistungen aus ihrer Vergangenheit wissen wollte, spricht von der Schnelllebigkeit in Zeiten des Erfolgs. Sie habe oft erst im Nachhinein begriffen, was passiert sei und welche Fehler man auch im Moment des Gewinnens mache.

Geschweige denn von den Fehlern bei Niederlagen. Eine solche sei nicht das Schlimmste, was passieren könne, ein 15. Platz keine Katastrophe, «auch wenn man das als Athletin selber oft so wahrnimmt». Sie sei auch nur ein Mensch. Der Druck habe manchmal schwer auf ihren Schultern gelastet. «Es gab Momente, in denen man diesen Druck besser aushält und Momente, wo man darunter leidet. Ich gehe jetzt mit den Emotionen erwachsener um und lasse mich nicht nur von ihnen beeinflussen». Die Tessinerin glaubt, die Balance im Leben endlich gefunden zu haben. Einen Sieg geniessen zu können und nicht bereits ans nächste Rennen zu denken. Das habe lange gefehlt.

Heute habe sie zuhause selber eine Familie und dadurch auch eine andere Beziehung zu ihren Eltern. «Sie haben immer daran geglaubt und mir ihr Vertrauen geschenkt», sagt sie. Viel Geduld und Arbeit hat Lara Gut-Behrami investiert, um zurück zum Gefühl des Instinkts auf der Piste zu kommen. In Crans-Montana nimmt diese für sie oft frustrierende Zeit nun ein Ende. Sie habe es einfach laufen gelassen, keinen Gedanken an das wieso vergeudet. Die Leichtigkeit des Skifahrens sei cool zu erleben gewesen. «Genau das, was ich gesucht habe.» Was für ein Unterschied zu den Gefühlen der letzten Monate: «Ich habe viel nachgedacht, weshalb ich schlecht fahre. Doch je mehr ich denke, umso langsamer bin ich. Skifahren kann so kompliziert sein».

Schweizer Fans jubeln dank Corinne Suter doppelt

Mit ihrem 25. Sieg im Weltcup rückt Lara Gut-Behrami auf Platz vier der siegreichsten Schweizer Weltcupfahrerinnen hinter Vreni Schneider (55 Siege), Erika Hess (31) und Michaela Figini (26). Und dank der zweitklassierten Corinne Suter schmeckt der Schweizer Jubeltag noch intensiver. Die Schwyzerin ist angesichts einiger Fehler mit dem zweiten Platz sehr zufrieden. Sie sei nervöser als sonst gewesen, habe zusätzlichen Druck gespürt. «Schliesslich startete ich aus einer Position, in der ich noch nie gewesen bin». Suter spricht den Kampf um den Abfahrtsweltcup an, den sie im Duell mit der Tschechin Esther Ledecka bereits heute gewinnen kann. Doch daran will die 25-Jährige partout nicht denken. «Ich schaue nicht auf die Punkte», sagt sie fast schon trotzig, als ihr die Rangliste gereicht wird. Corinne Suter will einfach nur schnell Ski fahren. So wie Lara Gut-Behrami.

Ski alpin

Crans-Montana. Weltcup-Abfahrt der Frauen: 1. Lara Gut-Behrami (SUI) 1:27,11. 2. Corinne Suter (SUI) 0,80 zurück. 3. Stephanie Venier (AUT) 0,92. 4. Vlhova (SVK) 1,08. 5. Johnson (USA) 1,26. 6. Ortlieb (AUT) 1,32. 7. Hählen (SUI) und Brignone (ITA), je 1,35. 9. Bassino (ITA) 1,36. 10. Curtoni (ITA) 1,37. 11. Ledecka (CZE) 1,38. 12. Stuhec (SLO) 1,47. 12. Weirather (LIE) 1,50. Ferner: 17. Holdener (SUI) 1,98. 20. Nufer (SUI) 2,13. 33. Suter (SUI) 3,51. - 47 Fahrerinnen gestartet, 40 klassiert. - Ausgeschieden u.a.: Gisin (SUI) und Flury (SUI).

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