Gschobe #30

Klotens Abstieg wie Prinz William mit Meghan

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 45 und 48, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell David, Lehrer, Speicher AR Tobias, Consultant, Zürich Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG François, Journalist, Windisch

Pius: Der EHC Kloten nicht mehr in der Nationalliga A, das ist unvorstellbar wie Cola ohne Kohlensäure, wie Alain Sutter ohne Matthias Hüppi, wie ein Zebra ohne Streifen, wie GC ohne Troubles, wie Christian Gross mit Haaren, wie Prinz William mit Meghan, wie ...

David: Ist ja gut. Übrigens: Meghan gehört nicht zu Prinz William, sondern zu Prinz Harry.

Pius: Ja, und Kloten gehört zur Nati A.

Tobias: Wieso überhaupt?

Pius: Aus Tradition. Kloten ist im Eishockey eine Marke mit nationaler Ausstrahlung. In den 90ern vier Mal Meister in Serie. Viele Jahre die mit Abstand beste Nachwuchsabteilung der Schweiz. Wahre Hockey-Dynastien wie die Hollensteins und die Wicks stammen aus der kleinen Stadt. Noch Fragen?

David: Es ist doch wie im richtigen Leben. Das Lädelisterben hat längst eingesetzt.

Pius: Schon. Aber ich hatte immer die Hoffnung, dass im Sport andere Gesetzmässigkeiten herrschen. Sich die kleinen Klubs auch in einer kommerzialisierten Welt behaupten können. Siehe Ambri, siehe Langnau.

Tobias: Hör doch auf mit dieser Sozialromantik. Du verklärst den EHC Kloten komplett. Eigentlich ist das, was sie jahrelang betrieben haben, eine Art von Wettbewerbsverzerrung. Jahrelang haben sie über ihren Verhältnissen gelebt und sind nur nicht untergegangen, weil Leute wie Philippe Gaydoul Millionen eingeschossen haben, um das strukturelle Defizit zu decken.

David: Einverstanden. Aber wo wäre Lugano, wo die ZSC Lions, wo der HC Davos, wo Ambri-Piotta ohne Mäzene im Hintergrund, die die Löcher stopfen. Ich schätze, dass 70 Prozent der Schweizer Profiklubs im Eishockey und Fussball mehr ausgibt als sie einnimmt und demzufolge von Mäzenen und Gönnern abhängig ist.

Pius: Einverstanden. Aber bei Kloten hat mit
dem Einstieg von Präsident Hans-Ueli Lehmann ein Paradigmenwechsel stattgefunden.

Tobias: Wie bitte?

Pius: Was wie bitte? Lehmann hat das Ende der Geldvernichtung und einen konsequenten Sparkurs ausgerufen.

Tobias: Ja, das hat er. In die Tat umgesetzt hat er aber das Gegenteil von dem, was er angekündigt hat. Statt nur drei Ausländer hat Kloten schliesslich sechs verpflichtet. Und er hat in dieser Saison drei Trainer verpflichtet. Diese Zusatzausgaben sind wohl kaum budgetverträglich. Lehmann hat sich innert kürzester Zeit die Mechanismen des Sports angeeignet. Diese bedeuten: Was kümmern mich meine Prinzipien von gestern, wenn heute der Notstand ausgerufen wird.

Pius: Lehmann war schlicht zu diesen Investitionen gezwungen. Er musste die sehr dürftig besetzte Mannschaft mit Ausländern aufpeppen.

François: Wie bitte? Dürftig besetzt? So ein Quatsch. Das gilt wohl eher für Langnau und Ambri, aber nicht für Kloten. Mit Von Gunten, Hollenstein, Bieber und Trachsler standen diese Saison immerhin vier Spieler im Kader, die 2013 mit der Schweiz WM-Silber gewonnen haben. Und der aktuelle Nationalspieler Parplan ist gut genug für die NHL. In diesem Kontext ist Kloten als Absteiger so absurd wie Alain Sutter ohne Gschpüri, wie Kloten ohne einen Hollenstein.

David: Übrigens: Spielt Klotens Captain Denis Hollenstein nächste Saison zum B-Tarif für die ZSC Lions?

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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