e-Spengler-Cup
Jetzt ist die Zeit reif für die das digitale Forechecking für den HC Davos

Der Spengler Cup trotzt der Pandemie und disloziert aufs virtuelle Eis. Es könnte der Beginn eines Millionengeschäfts sein.

Thomas Renggli
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Der Davoser Yannick Frehner (links) und sein Kollege Davyd Barandun, in der Qualifikation zum E-Spengler Cup.

Der Davoser Yannick Frehner (links) und sein Kollege Davyd Barandun, in der Qualifikation zum E-Spengler Cup.

Juergen Staiger/Keystone (Davos, 16. Dezember 2020

Es gibt Dinge, die ändern sich nie: Der Schweizer Nationalfeiertag wird am 1. August gefeiert, das Christkind kommt am 24. Dezember. Und zwischen Weihnachten und Neujahr findet in Davos der Spengler Cup statt. Seit 1923 war dies nur viermal nicht der Fall. 1939 und 1940 wegen des Zweiten Weltkriegs, 1949 und 1956 aus organisatorischen und finanziellen Gründen. Nun verhindert die Pandemie das älteste Klubturnier des Eishockeysports.

Gehört zum Schweizer Sport: Der Spengler Cup. Hier verlieren der Mannheimer ERC (gestreiftes Dress) das Spiel gegen den ACBB Athletic Club de Boulogne-Bilancourt mit 2:5.

Gehört zum Schweizer Sport: Der Spengler Cup. Hier verlieren der Mannheimer ERC (gestreiftes Dress) das Spiel gegen den ACBB Athletic Club de Boulogne-Bilancourt mit 2:5.

Str Keystone (Davos, Dezember 1958

Marc Gianola, CEO des HC Davos und OK-Chef des Spengler Cup, schüttelt den Kopf: «Für mich war dieses Szenario noch vor einem Jahr unvorstellbar. Hätte jemand behauptet, eine Pandemie verhindere das Turnier, hätte ich ihn kaum ernst genommen.» Das Unvorstellbare ist Realität geworden. Ende September zogen die HCD-Verantwortlichen die Notbremse. Da ab diesem Moment Kosten angefallen wären, die später nicht mehr hätten kompensiert werden können. Kommt dazu, dass eine Durchführung ohne Zuschauer in der Halle und ohne Fans im Festzelt der Ausstrahlung des Anlasses schlecht entsprochen hätte. Gianola sagt: «Der Spengler Cup ist mehr als ein Eishockeyturnier. Er ist ein gesellschaftlicher Anlasse – ja, ein eigentliches Volksfest.»

Ausserdem ist der Spengler Cup die wichtigste Lebensader des Klubs. Rund 2,5 Millionen Franken spült dieser jährlich in die Kassen. «Längerfristig wäre der HCD ohne Spengler Cup als Profiklub nicht überlebensfähig. Schon eine neuerliche Absage 2021 würde uns in existenzielle Nöte bringen», so Gianola. Um die Streichung des Anlasses in diesem Jahr abzufedern, holten die Verantwortlichen eine Idee aus der Schublade, die sie schon vor drei Jahren prüften, die bei den Sponsoren aber noch auf laues Interesse stiess: die Durchführung als eSport-Anlass.

Nun kommen potenzielle Partner plötzlich von allein

Marc Gianola mit Hitsch, dem Maskottchen des Spengler Cups.

Marc Gianola mit Hitsch, dem Maskottchen des Spengler Cups.

Gian Ehrenzeller/Keystone (Davos, 26. Dezember 2016

Jetzt ist die Zeit reif. «Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht», sagt Gianola. So messen sich die für dieses Jahr vorgesehen Klubs nun statt auf dem Davoser Eis im virtuellen Raum. Vertreten durch versierte «Konsolen-Artisten», die sich in Qualifikationsspielen unter rund 1200 Kandidaten durchgesetzt haben. Was tönt wie eine Ersatzlösung für Kinder und postjuvenile Familienväter, hat sich in kurzer Zeit zu einer marketingtechnischen Chance entwickelt. Jacqueline Kühne, die als Projektleiterin für den Spengler Cup mit den Sponsoren verhandelt, spricht zwar von «Aufklärung- und Überzeugungsarbeit, die Geduld gebraucht hat», doch mittlerweile sehen die wichtigsten Partner das virtuelle Turnier als «horizonterweiternde Chance, die den Kontakt zu neuer Kundschaft und einem jüngeren Zielpublikum erschliesst».

So leise der HC Davos das eSport-Projekt angegangen ist, so schnell machte es die Runde. Das Printmedium «20 Minuten» lancierte zu Vorzugskonditionen eine grosse Kampagne. Und aus Baar meldete sich die Schweizer Vertretung des Red-Bull-Konzerns und bot sich als Partner an. Weil das Spieldesign zu diesem Zeitpunkt aber schon feststand, musste nach einer alternativen Zusammenarbeit gesucht werden. Nun berichtet Red Bull auf seinen eigenen Kanälen über den eSpengler Cup. «Normalerweise müssen wir proaktiv suchen. Nun kommen potenzielle Partner plötzlich von alleine», freut sich Kühne.

Ungewohnter: Der Davoser Davyd Barandun spielt den Spengler-Cup nun virtuell.

Ungewohnter: Der Davoser Davyd Barandun spielt den Spengler-Cup nun virtuell.

Juergen Staiger/Keystone (Davos, 16. Dezember 2020

Ganz offensichtlich haben die Davoser mit dem digitalen Spengler Cup den Zeitgeist getroffen. Die National League kürt dieses Jahr ebenfalls einen virtuellen Meister. Der SC Bern und die ZSC Lions beschäftigen eigene eSportteams. Der Gedanke dahinter ist gleichsam simpel wie erfolgversprechend. Im eSport lassen sich Werbungen verkaufen und Botschaften platzieren, die weit mehr Menschen erreichen als die Mitteilungen im realen Raum. Die Beratungs- und Finanzfirma Deloitte rechnet in einer Studie für das laufende Jahr im eSport-Bereich mit einem weltweiten Umsatz von 1,3 Milliarden Euro. Die Fäden (bzw. Kabel) im eSport laufen in Asien zusammen. In Südkorea ist eine eigentliche eSport-Industrie mit 200000 Arbeitsplätzen entstanden. Die Finalspiele um die Titel im Strategiespiel «Star Craft» locken über 100000 Zuschauer in die Stadien. Die Preisgelder der wichtigsten globalen Wettkämpfe gehen in die Millionen.

Am Spengler Cup sind die Zahlen noch überschaubarer. Der Sieger des digitalen Finals, der am 26. Dezember im Livestream des Schweizer Fernsehens gezeigt wird, erhält ein Preisgeld von 6000 Franken. Marc Gianola kann sich aber gut vorstellen, dass dies erst der Anfang ist. «Wir werden die Zuschauer- und Nutzerzahlen genau analysieren und im nächsten Jahr das digitale Turnier allenfalls parallel zum realen Spengler Cup durchführen.»