Roger Federer wirkt vor dem Halbfinal gegen Nadal extrem entspannt, teilen Sie diesen Eindruck?

Severin Lüthi: Ja, diese Lockerheit ist eine der grossen Stärken von Roger. Ich sage nicht, dass er das auf Knopfdruck kann, aber er schafft es sehr gut, sich wieder auf die Sache zu konzentrieren. Vielleicht ist er noch etwas lockerer, weil er nun schon ein gutes Turnier gespielt hat und in den Halbfinals steht, das ist klar. Bei Roger besteht auch nicht die Gefahr, dass er sich damit nun zufriedengibt und sagt, der Halbfinal sei schon super. Er will natürlich mehr.

Aber er hat in diesem Jahr hier weniger zu verlieren als Nadal, oder?

Das glaube ich auch. Roger kann befreit aufspielen. Vor dem Turnier war das schon anders. Die Erwartungen waren gross. Man merkte: Alle sind glücklich, dass er wieder hier spielt. Da willst du natürlich nicht gleich in der ersten Runde ausscheiden. Jetzt, da er schon im Halbfinal steht, kann Roger es auch etwas geniessen und runterfahren.

Federer sagte, er sei auch deshalb auf Sand zurückgekehrt, um noch einmal in Paris gegen Nadal zu spielen. Dieser sagte, das glaube er nicht. Was ist die Wahrheit?

Das müssen Sie Roger fragen. Ich weiss nicht, wie er das genau gemeint hat, aber wenn er gegen Nadal spielt, ist das sicher ein gutes Zeichen, weil sie beide weit vorne gesetzt sind. Es ist schon so: Nadal in Paris auf Sand – das ist für ihn die ultimative Herausforderung.

Welche Rolle spielt es, dass er hier fünf Mal gegen ihn verloren hat?

Roger ist nicht mehr der gleiche Spieler wie 2011, Rafa auch nicht. Was wir uns anschauen, sind Sandmatches bei den gleichen Bedingungen. Aber nicht nur, weil er da oft verloren hat. Es kann auch sein, dass wir uns anschauen, wie er beim Sieg in Hamburg gespielt hat (2007, Anm. d. Red). Klar, es war zwar auf Hartplatz, aber Roger hat die letzten fünf Mal gewonnen. Wir versuchen, auf die positiven Dinge zu schauen.

Was ist für Sie denn der Schlüssel, um Nadal auf Sand zu schlagen?

Ich rede nicht so gerne über Taktik. Ich las schon viele Interviews von Coaches, in denen sie sehr offen sprachen. Das überraschte mich. Natürlich sind viele Dinge klar. Aber ein Gegner muss nicht wissen, worauf wir besonders achten. Ich äussere mich da nicht gerne. Die Taktik greift nur, wenn man eingreifen kann. Wenn einer unglaublich serviert, muss man zuerst einmal schauen, dass man den Service zurückbringt. Es gibt viele Dinge, die wir anschauen. Es geht nicht nur um Nadals Vorhand aufs Rogers Rückhand. Wir reden darüber, von wo er retournieren soll. Wie oft geht er ans Netz? Wann geht er ans Netz? Es gibt viel zu diskutieren. Aber nicht mit Journalisten. (lacht)

Kann es sein, dass Federer die Taktik total umstellt, wenn er merkt, dass etwas nicht funktioniert?

Klar. Wir reden über alles, über die Defensive, die Offensive, über den Return, die Volleys, und so weiter. Wir wollen Roger Grundlagen geben, damit er die besten Entscheidungen treffen kann. Wir berücksichtigen auch das Wetter, denn er muss anders spielen, wenn es geregnet hat und schwere Verhältnisse herrschen, als wenn es trocken ist. Und wenn das Unvorhergesehene kommt, musst du reagieren können. Wenn du in Schockstarre gerätst, wenn etwas Überraschendes passiert, bist du aufgeschmissen. Roger geht nie ohne einen Plan auf den Platz. Aber er ist einer, der sehr intuitiv spielt. Am Ende muss er die Entscheidungen treffen.

Hier spielte er beim Return oft Stoppbälle. Wer kam auf diese Idee?

Als ich mit Roger begann, fand er den Stoppball nicht so cool. José Higueras riet ihm dann, mehr davon zu spielen. Auf Sand macht es am meisten Sinn. Aber die Idee kam uns nicht erst jetzt in den Sinn. Der Stoppball war ja ein Mosaiksteinchen bei seinem Sieg 2009. Er trug noch etwas Zusätzliches bei zu seinem Spiel. Aber ja, wir haben im Training vermehrt daran gearbeitet.

Federer ist erstmals ohne Familie bei einem Grand-Slam-Turnier, was ändert das für Sie als Trainer?

Es sind genügend Leute da, glauben Sie mir das (lacht). Ivan, Dani, seine Eltern reisten gestern heim, kommen aber wieder, Tony. Es hat genug Leute! Also langweilig wird es Roger nicht. Sonst meldet er sich schon (lacht). Wenn die Kinder dabei sind, schläft er vielleicht einmal eine Stunde weniger, aber diese Ablenkung ist dann auch positiv – Roger hatte schon immer ein gutes Leben und eine gute Balance. Manchmal macht man eben Kompromisse.

Die muss er nun nicht machen...

Ja, dafür vermisst er vielleicht seine Kinder. Ich sage nicht, dass es ein Vorteil ist, dass die Kinder nicht da sind. Es ist einfach anders, und da müssen wir uns alle anpassen – Roger ist ja Spezialist darin. Wenn er seit zehn Jahren ohne Kinder herumreisen müsste, würde er schon lange nicht mehr spielen.

Man hat den Eindruck, der Rummel um Federer ist hier noch grösser..

Die Begeisterung ist überall gross, wo er hinkommt. Man merkt aber, dass die Leute denken, dass er vielleicht zum letzten Mal in Paris spielt. Das macht es natürlich schon speziell.

Wie erleben Sie Federer dabei?

Bei anderen Spielern finde ich es zum Teil lächerlich, wenn sie sich zieren, ein Autogramm zu geben oder ein Foto zu machen. Dabei müssen sie das vielleicht zweimal die Woche! Wenn ich dann seit Jahren sehe, wie es um Roger läuft... Mich würde das nerven. Wenn du am Essen bist, und Leute einfach unanständig und unfreundlich sind, weil sie nur noch ihn sehen. Roger ist stets geduldig – ich würde längst sagen ‹gehts noch?› Für mich ist es unglaublich, was Roger für eine Geduld hat.

Fällt Ihnen das weniger leicht?

Vor ein paar Jahren ist es hier einmal passiert, dass mir ein Fahrer den Kofferraum auf den Kopf geschlagen hat. Der war dermassen hin und weg, dass er Roger im Auto hatte! Roger ging weg, ich holte noch Taschen raus, da haut der Fahrer einfach den Deckel zu. Roger fand das noch lustig – ich sagte ‹sorry, das find ich jetzt gar nicht lustig, der soll besser schauen, was er macht.› Die Leute spüren sich zum Teil nicht mehr, da wäre ich sicher weniger tolerant. Aber zum Glück ist Roger so.