Interview

«Ich bin jetzt Hausmann – ist streng»: Ex-Fussballprofi Barnetta spricht erstmals über die Zeit nach dem Rücktritt

Nach über 17 Jahren als Fussballprofi ist der 35-jährige Tranquillo Barnetta in seinem neuen Leben voll angekommen.

Nach über 17 Jahren als Fussballprofi ist der 35-jährige Tranquillo Barnetta in seinem neuen Leben voll angekommen.

Der ehemalige Profifussballer Tranquillo Barnetta hat sich komplett aus der Öffentlichkeit verabschiedet. Nun bricht der frühere Star des FC St.Gallen sein Schweigen.

Der Herbst zeigt an diesem Freitagmorgen sein schönstes Gewand, besonders bei den «Drei Weieren». Dort, im Naherholungsgebiet St.Gallens, geht Tranquillo Barnetta mit der Familie gerne Spazieren; die ideale Kulisse, die selbstauferlegte «Silenzio Stampa» seit dem Rücktritt vor eineinhalb Jahren zu beenden. Der 35-Jährige trägt wieder Dutt, die Beine sind noch immer krumm, das Gesicht ist ein wenig speckiger. «Quillo» ist glücklich, zufrieden mit sich und der Welt – und endlich frei.

Seit Ihrem Rücktritt im Sommer 2019 haben Sie sich im Prinzip den Medien verweigert. Weshalb?

Tranquillo Barnetta: Ich stand so lange in der Öffentlichkeit, man wusste mehr oder weniger alles über mich. Deshalb habe ich diesen Schritt bewusst gewählt. Ich wollte Abstand gewinnen, einfach sein und nicht mehr ständig darauf schauen, was ich sage und tue. Das hat mir unglaublich gutgetan.

Und jetzt, nach eineinhalb Jahren, ist der Zeitpunkt gekommen, sich wieder zu öffnen?

Früher war das Interesse an mir stets da, deshalb wählte ich den pauschalen Weg. Heute suche ich die Publizität überhaupt nicht, möchte es einfach so nehmen, wie es gerade kommt.

Sie wurden in Ihrer Zeit beim FC St.Gallen folkloristisch vereinnahmt, waren bei der Fasnacht der «Füdlibürger», jede Autogrammstunde fand mit Ihnen statt, vor jeder Kamera mussten Sie reden. War das alles einfach zu viel?

Nein, das nicht. Es war ja nichts im Vergleich zu meiner Zeit in Deutschland. Auf Schalke hast du noch viel mehr öffentliche Auftritte, repräsentative Aufgaben. Doch diese totale Präsenz über all die Jahre hat schon sehr gezehrt. Deshalb wollte ich bewusst nur noch für meine Familie da sein.

Tat im Nachhinein der Rücktritt als 34-Jähriger im Mai 2019 sehr weh?

© CH Media

Überhaupt nicht, er kam zum richtigen Zeitpunkt. Ich denke nur allzu gern an die letzten Spiele mit St.Gallen zurück, gerade an den 22.Mai, als ich mich gegen YB von den heimischen Fans verabschieden konnte. Das war wahnsinnig und bleibt ewig in Erinnerung.

Sie selbst sagten, Ihr Körper hätte noch Saft für weitere Saisons. Nahmen Sie zu früh Abschied?

Gewiss hatte ich ein paar körperliche Baustellen, doch ich wollte selbstbestimmt aufhören. Es wäre möglich gewesen, noch zwei Jahre weiterzuspielen. Ebenso wäre es möglich gewesen, dass der Körper drei Monate später im August 2019 gestreikt hätte – dieses Risiko war mir zu gross, und der Übergang in mein neues Leben wäre dann wohl nicht so reibungslos verlaufen.

Sie verpassten danach die starke Saison des FC St.Gallen mit dem zweiten Platz, müssen jetzt aber die Coronabeschädigungen am Fussball nicht mitmachen.

Das Virus ist sicher ein Punkt, der mir mein Vorgehen bestätigt. Der Fussball ist nicht mehr der gleiche. Ich stieg bei meinem Abschied ja sogar in die Fankurve, das wäre heute undenkbar. Ich kann für mich also definitiv sagen, dass ich nichts und niemandem nachtrauere. Vielmehr gönnte ich meinen ehemaligen Teamkollegen ihren Erfolg.

Derzeit sind keine Zuschauer erlaubt. Was bedeutet das für einen Fussballer?

Ich erlebte nie ein offizielles Punktspiel ohne Fans, sondern nur Vorbereitungsspiele. Und ich darf sagen: Sie waren nie dasselbe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du gleich «geladen» in eine wichtige Partie gehst. Diesbezüglich kommt schon viel vom Anhang, der Funke springt. Man sieht es heute ja auch: Die Spieler zeigen nicht dieselben Emotionen auf dem Platz wie gewöhnlich.

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Ihr Rücktritt hing auch mit dem Duo Zeidler/Sutter zusammen, mit dem Sie sich nicht wirklich verstanden, auf dasselbe lief der Rückzug von Moreno Costanzo hinaus.

Bei Morenos Situation war ich zu weit weg. Er hatte das Gefühl, dass er sich nicht zeigen durfte. Nach meiner Rückkehr zum FC St.Gallen erhielt ich am Anfang ebenfalls keine Chance – das ist die einzige Parallele. Erst notgedrungen gab man mir die Möglichkeit. So viel möchte ich festhalten: Ich bin nicht wegen meines Verhältnisses zu Zeidler/Sutter zurückgetreten. Ich bin nicht nachtragend, auch wenn ich ihre Entscheide nicht verstand. Aber ich bewies ihnen, dass ich dem Team helfen kann – das war meine grösste Genugtuung.

Ihr Spiel lebte von der Physis, Dynamik. Was passiert im Körper, wenn ein Profisportler nach Jahrzehnten mit täglichen Trainings sein System herunterfährt?

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Es ging überraschend gut, aber die Körperform hat sich schon verändert. Meine Beine sind nicht mehr so muskulös, insgesamt sind fünf Kilogramm Gewicht dazugekommen, vor allem am Bauch. Wenn ich mit Kollegen spasseshalber Fussball spiele, schwillt mein Knie sofort an. Biken und Tennis gehen aber problemlos. Vielleicht spiele ich irgendwann ja in einer Seniorenmannschaft, den Fussball habe ich ja noch immer gern. Noch wichtiger ist es mir aber, freie Wochenenden zu haben.

Was passiert mit der Psyche, wenn der ständige Druck wegfällt, die Kabine, das Mannschaftsgefühl?

Am meisten fehlt mir die Kabine. Aber mir half es sehr, dass ich mich auf mein zweites Leben vorbereitete. Und ich hatte Glück, dass ich als Familienvater sofort einen geregelten Tagesablauf und Verpflichtungen hatte, gebraucht wurde. Meine halbjährige Tochter hat die Zeitumstellung nicht gut mitgemacht, sie weckt uns derzeit um halb sechs Uhr morgens. Ich kann und will gar nicht mehr in den Tag hineinleben.

Hatten Sie als Aktiver nie psychische oder physische Schwächen, Momente des Trübsalblasens?

Es gab schon Situationen, in denen ich nicht erholt in ein Spiel ging. Manchmal spielten wir mit Leverkusen am Donnerstag im Europacup und dann bereits am Samstag in der Bundesliga. Ich hatte keinen Plan, wie ich das zweite Spiel innert 48 Stunden überstehen sollte, lief jeweils noch schwerfälliger als sonst. Doch ich biss mich ins Spiel hinein, und nach zwanzig Minuten lief meine Maschine. Psychisch war ich immer stabil, liess zum Beispiel Kritiken der Medien selten an mich heran, hatte den Rückhalt der Familie. Und: Der Fussball war für mich nie das Wichtig­ste. Ich war mir stets bewusst, dass es ein Leben danach gibt.

Ihr Leben danach: Was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht?

Ich bin jetzt Hausmann. Meine Verlobte absolviert derzeit ihr letztes Ausbildungsjahr, um Ärztin zu werden. Wenn die Mutter nicht da ist, dann bin ich die Mutter und mache alles für meine zwei Kleinen. Wir reisen gerne, im vergangenen Jahr fuhren wir drei Monate lang in der Schweiz, Italien und Deutschland umher. In einem Lieferwagen, in den wir eine Küche und Betten eingebaut hatten. Er ist gross genug, sodass ich darin stehen kann – das ist wichtig wegen meiner Knie. Eines muss ich schon sagen: Hausmann zu sein, ist sehr streng. Das Putzen, Saugen, den Kindern Essen zu geben, die Wäsche. Man weiss am Abend, was man am Tag gemacht hat. Ich sagte ja schon, dass ich noch nie so viel gearbeitet habe im Leben wie jetzt. Aber ich möchte das alles nicht missen, es ist eine so schöne Zeit.

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Was gibt Ihnen das Reisen?

Wir werden gewiss in der Region St.Gallen unser Leben verbringen. Aber gerade mit dem Camper siehst du so viel auf der Welt, wir trafen im Ausland ja auch schon Manuel Friedrich, einer der wenigen Spieler, der mir als wahrer Freund geblieben ist. Vor allem musst du nicht in Hotels übernachten, die Kinder haben immer den gleichen Rückzugsort. Und es ist so wunderbar, wenn sich auf den Campingplätzen keiner für dich als Fussballer interessiert, dich niemand beobachtet. Ich kann einfach sein, ohne mich rechtfertigen zu müssen. Diese Anonymität kannte ich jahrelang nicht – was für ein unglaubliches Freiheitsgefühl.

Wird man Tranquillo Barnetta dereinst als TV-Experten im Schweizer Fernsehen sehen?

Nein, das weniger, der Fussball ist zu weit weg für mich. Ich sehe mich eher im Unternehmerischen. Ich bin Botschafter vom Verein «Netzwerk Sport» in der Ostschweiz. Eines unserer Projekte ist, dass im Gründenmoos dereinst wie in Magglingen ein Leistungszentrum entstehen soll. Hier warten viele Aufgaben und ich habe viele Ideen und Kontakte, die ich einbringen kann.

Präsident Matthias Hüppi hat bei Ihrer Verabschiedung ja gesagt, die Türe des FC St.Gallen sei immer offen für Sie.

Es ist schön, wenn diese Möglichkeit besteht. Aber in Planung ist das nicht. Zumindest im Moment nicht. Und natürlich ist auch eine gewisse Distanz entstanden, weil ich meine Wochenenden nicht nach den Spielen des FC St.Gallen ausrichte.

Der FC St.Gallen setzt in den Nachwuchsstufen auf dasselbe Spielsystem wie in der ersten Mannschaft. Kann der Klub damit ein grosser werden in der Schweiz?

Das ist schwierig zu beurteilen. Der FC St.Gallen wird immer ein Ausbildungsverein sein, wird immer wieder Spieler abgeben. Und es ist immer wieder eine Herausforderung, neue Akteure für dieses eine Spielsystem zu finden. Aber es ist eine Philosophie, und das ist schon mal gut.

Am Sonntag empfängt St.Gallen den FC Basel. Ihr Tipp?

Die Frage musste ja kommen. Die St.Galler werden geladen sein, weil nun doch keine Fans zugelassen sind. Deshalb gewinnen sie 3:1.

Das erstes Interview mit Tranquillo Barnetta nach seinem Rücktritt wurde von Sportredaktor Christian Brägger auf der «Drei Weieren» geführt.

Das erstes Interview mit Tranquillo Barnetta nach seinem Rücktritt wurde von Sportredaktor Christian Brägger auf der «Drei Weieren» geführt.

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