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Hansi Flick – das «Luxusproblem» des FC Bayern München

Hansi Flick (Mitte) hat die Bayern auf Vordermann gebracht.

Hansi Flick (Mitte) hat die Bayern auf Vordermann gebracht.

Hansi Flick wechselte im Sommer als Co-Trainer zu Bayern München. Ein Glücksfall, wie sich heute zeigt.

Er war die überraschendste Personalie im vergangenen Sommer. Viele Beobachter waren ­erstaunt, dass Hansi Flick, der ehemalige Sportdirektor des Deutschen Fussball-Bunds und Ex-Geschäftsführer der TSG Hoffenheim beim FC Bayern als Co-Trainer anheuerte.

Viel Lob für Flick von den Spielern

Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hatte es wohl geahnt – und Flick damals als «wichtigen Neuzugang» gelobt. Wie wichtig, das zeigt sich bereits wenige Monate später. Denn der 54-Jährige hat dem FC Bayern nach der Entlassung von Trainer Niko Kovac nicht nur gute Ergebnisse beschert (trotz der unglücklichen 1:2-Nieder­lage gegen Leverkusen). Er hat auch das Klima in der Mannschaft gerettet und die Spielweise auf ein neues Niveau gehoben. Aber was hat er eigentlich binnen weniger Tage verändert? Es waren viele Kleinigkeiten – die sich in der Summe enorm bemerkbar machten:

Flick hat die Spieler hinter sich versammelt. Ein wichtiger Schachzug, nachdem Kovac seit Monaten die Kabine nicht mehr geschlossen hinter sich hatte. Flick gelang dies extrem schnell. Zum einen, weil er als Co-Trainer bisher ohnehin eine Vertrauensperson der Spieler war. Zum anderen, weil er eine völlig uneitle, zurückhaltende und empathische Art hat, die selbst bei den hartgesottenen Ein-Mann-Ich-AGs des deutschen Rekordmeisters gut ankommt. «Hansi hat einfach eine sehr positive Art und sehr viel soziale Kompetenz», lobt Mittelfeld-Motor Leon Goretzka. Joshua Kimmich ergänzt: «Er ist zu uns Spielern fair. Er spricht mit uns – auch mit denen, die nicht spielen.»

Joshua Kimmich ist mit seinem neuen Trainer zufrieden

Joshua Kimmich ist mit seinem neuen Trainer zufrieden

Flick hat die Bayern-DNA wieder zum Leben erweckt. «Mia san mia» lautet das Münchner Credo. Auf dem Feld war das zu Saisonbeginn nicht immer zu sehen. Zu wenig Mut, zu wenig Selbstbewusstsein, zu viel Zurückhaltung. Jetzt stehen die Münchner wieder hoch, ­pressen früh, setzen den Gegner enorm unter Stress.

Flick hat die Defensivarbeit neu definiert. Die Mannschaft hat mehr Spass an der Arbeit, läuft mehr, gewinnt mehr Zweikämpfe und bekommt deutlich weniger Gegentore. «Wenn man nicht nach hinten, sondern nach vorne läuft, um Defensivaktionen zu fahren – dann belohnt man sich auch als Offensivspieler mal mit einem gewonnenen Zweikampf, dann macht es auch Spass», sagt Thomas Müller. Apropos Müller: Flick hat ihn wieder stark gemacht. Die Identifikationsfigur der Bayern war unter Kovac fast schon aussortiert. Nicht ganz zu Unrecht. Zum einen, weil Müller schon bessere Zeiten erlebt hat und im Herbst seiner Karriere steht. Zum anderen, weil Top-Neuzugang Coutinho genau Müllers Lieblingsposition spielt. Aber die letzten Wochen unter Kovac ­haben gezeigt, dass es eben doch noch nicht ohne Müller geht. Zu wichtig ist er nach wie vor für Spiel und Stimmung. Unter Flick ist Müller gesetzt – und der zahlt mit Leistung zurück.

Wieder erstarkt unter Flick: Thomas Müller

Wieder erstarkt unter Flick: Thomas Müller

Wer wird neuer Trainer? Braucht es überhaupt einen neuen Mann?

Flick hat das Spiel der Bayern attraktiver gemacht. Frühzeitige Ballgewinne sind das eine. Mit dem Ball dann auch etwas Produktives anzufangen, das andere. Die Bayern entwickeln mehr Zug nach vorne, haben mehr Offensivideen, eine erdrückende Ballzirkulation, aber auch zielgerichtete, gefährliche Aktionen.

Natürlich ist es für eine endgültige Bewertung noch zu früh. Aber die Richtung stimmt. Auch wenn die Boulevardpresse bereits unkt: «Bayern in der Klemme!» Weil Flick seinen Aushilfsjob so gut mache, erschwere das die Planungen mit einem neuen Trainer. Dabei ist es doch eher umgekehrt: Denn von den angeblichen Wunschkandidaten Thomas Tuchel (46, PSG), Erik ten Hag (49, Ajax) und Mauricio Pochettino (47, zuletzt Tottenham) ist nur Letzterer schnell verfügbar. Und Flick verschafft den Bayern wertvolle Zeit durch seine erfolgreiche Arbeit. Zunächst bis zur Winterpause, vermutlich sogar bis zum Sommer. Und wenn er dabei so erfolgreich sein sollte, dass die Bayern keinen Bedarf mehr sehen, einen an­deren Trainer zu holen: Dieses «Luxusproblem» würden sie sicherlich verkraften.

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