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Gschobe: Kann einer wie Xherdan Shaqiri überhaupt ein Bahnticket lösen?

Die Schweizer Handball-Nationalspieler marschieren durch die Innenstadt von Göteborg, um ihre Fans zu treffen.

Die Schweizer Handball-Nationalspieler marschieren durch die Innenstadt von Göteborg, um ihre Fans zu treffen.

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 47 und 50, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule: Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG. François, Journalist, Windisch.

Fabio: Willkommen zurück. Wie war es an der Handball EM in Göteborg?
François: Ein grossartiger Event. Wunderschöne Stadt. Freundliche Menschen. Gutes Essen. Fürchterliches Wetter, feucht, windig und dunkel. Apropos Wetter: Jedem, der in der Schweiz in eine Art Winterdepression abzudriften droht, empfehle ich einen Trip nach Göteborg. Wenn du zurückkehrst, wähnst du dich im Frühling.
Pius: Wahrscheinlich trinken die Skandinavier viel Alkohol, weil die Wintermonate so trist sind.
François: Ich weiss nicht. Ich glaube, das ist eher ein Klischee. Jedenfalls hatte ich nicht den Eindruck, sie würden mehr trinken als wir. Kommt dazu, dass der Alkohol in Schweden ziemlich teuer ist.
David: Aber was genau war denn so grossartig an diesem Event? Derart berauschend fand ich die Darbietungen der Schweizer nicht.
François: Nun, die Leistung der Schweizer fand ich in Ordnung. Kein Exploit zwar, aber sie sind auch nicht unter den – realistischen – Erwartungen geblieben.
David: Oh, wie nett.
François: Das mag sein. Aber was erwartest du von einer Mannschaft, die noch vor fünf Jahren drittklassig war? Da kannst du nicht an eine Endrunde fahren und glauben, EM-Stammgäste aus der Halle zu schiessen.
Pius: Okay, das haben wir alles auch mitgekriegt. Aber erzähl doch mal davon, was wir am Fernsehen nicht gesehen haben. Was läuft an einer Handball-EM anders als im Fussball?

Ohne Berührungsängste: Der Schweizer Ausnahmekönner Andy Schmid (links).

Ohne Berührungsängste: Der Schweizer Ausnahmekönner Andy Schmid (links).

François: Da gibt es einiges. Allein die Art des Reisens. Im Fussball sitzen die Spieler zwar auch im selben Flieger wie Edel-Fans und Journalisten, aber sie sind separiert. Während der ganzen Reise ist es den Journalisten nicht erlaubt, mit den Spielern oder den Trainern zu reden. Die Handball-Nati indes reist mit einer Linienmaschine und mischt sich unters Volk.
Pius: Und sonst?
François: Punkto Unterkunft gibt es grosse Unterschiede. An einer Fussball-Endrunde ist die Mannschaft abgeschottet. Das Hotel wird von der Delegation exklusiv bewohnt. Da gibts keinen Zutritt für Aussenstehende. Der Kollege, der zur WM nach Russland fuhr, war nicht ein Mal im Hotel der Schweizer Fussballer. Die Handballer haben sich mit den Slowenen und den Polen und vielen anderen Gästen das Hotel geteilt. Natürlich waren darunter auch Journalisten. Aber das hat keinen gestört. Im Gegenteil. Ich habe schwedische Spieler gesehen, die nach dem zweiten Spieltag kurz vor Mitternacht zu Besuch gekommen sind, um Klubkollegen zu treffen. Ich habe Schweizer Spieler gesehen, die völlig ungezwungen mit einem E-Scooter eine Tour durch die Stadt gemacht haben. Ich habe Schweizer Spieler gesehen, die ihre Eltern in eine Pizzeria begleitet haben. Alles ganz normal.
Pius: Tönt sympathisch.
François: Absolut. Und nachdem wir in Zürich gelandet sind, haben sich die Spieler am Gepäckband verabschiedet. Die meisten sind Richtung Bahnhof gegangen.
Flavio: Spannend wäre es, wenn man die Fussballer ohne Vorwarnung einfach so mal am Gepäckband sich selbst überlassen würde. Kann einer wie Shaqiri überhaupt ein Bahn­ticket lösen?
François: Vielleicht nicht. Spielt auch keine Rolle, solange er den Taxistand findet.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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