Kolumne

Gschobe: Ein Tweet - und schon ist Mesut Özil die Hassfigur der Chinesen

Arsenal-Star Mesut Özil (Mitte) hat sich in China ins Abseits gedribbelt.

Arsenal-Star Mesut Özil (Mitte) hat sich in China ins Abseits gedribbelt.

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 47 und 50, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule: Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG. François, Journalist, Windisch.

Tobias: Oh je! Nun hat sich Mesut Özil definitiv ins Abseits getippt. Erst postete er ein Foto, das ihn zusammen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigt. Übrigens: Der Despot vom Bosporus war auch Özils Trauzeuge. Und nun wettert er auf den sozialen Medien gegen die Internierung der turkstämmigen Uiguren in China. Er schreibt: «Korane werden verbrannt, Moscheen geschlossen, Gelehrte getötet» und drückte vor allem seine Enttäuschung über das «Schweigen der muslimischen Brüder» aus.
Pius: Ja, aber halten wir nicht immer wieder den Sportlern vor, wenn sie politisch keine Haltung haben? Wenn sie zu relevanten Themen lediglich von PR-Beratern weichgespülte Aussagen machen? Und nun kommt einer wie Özil, klopft den Chinesen auf die Finger und dann ist es auch wieder nicht recht? Versteh ich nicht. Es tut doch den Chinesen nicht weh, wenn ein Fussballer solches Zeugs schreibt.
François: Offenbar schon. Özil wurde subito aus der chinesischen Version des Games «Pro Evolution Soccer» gelöscht. Ausserdem strich der staatliche Sportsender kurzerhand das Topspiel der Premier League zwischen Manchester City und Özils Arsenal aus dem Programm. Und nun zittert Arsenal, ja wahrscheinlich die ganze Premier League, vor weiteren Konsequenzen, die China angekündigt hatte.
David: Es wäre nicht das erste Mal, dass China gegenüber ausländischen Sportligen die Muskeln spielen lässt. China forderte die Entlassung des Managers der Houston Rockets, weil dieser in einem Twitter-Eintrag seine Sympathie für die Demonstranten in Hongkong bekundete.
Flavio: Und? Ist es so weit gekommen?
David: Nein. Aber Basketball-Spiele der NBA sind seit jenem Tweet des Managers im Oktober noch immer nicht im staatlichen Sportsender zu sehen. Und Online-Supermärkte wie Alibaba haben Fanartikel der Rockets aus dem Sortiment gestrichen. 25 Millionen Euro sollen dem Klub dadurch entgehen.
Tobias: Wer sich mit den Chinesen einlässt, muss sich an deren Spielregeln halten. Schliesslich überflutet das Riesenreich den ausländischen Sport mit unverschämt viel Geld. Erst kürzlich hat die Premier League mit einem chinesischen Streamingdienst einen 700-Millionen-Dollar-Vertrag abgeschlossen.
Pius: Aber wenn man mit Geld allein den Hahn der freien Meinungsäusserung zudrehen kann, sind wir ganz arm dran. Deshalb soll man von Chinesen auch erwarten, dass sie unsere Werte respektieren. David: Träum weiter.

PR-Narr: Mesut Özil im Mai 2018 mit Recep Tayyip Erdogan.

PR-Narr: Mesut Özil im Mai 2018 mit Recep Tayyip Erdogan.

Pius: Doch Özil ist nicht allein. Er hat den Support von diversen Menschenrechtsorganisationen auf der ganzen Welt.
François: Das Problem ist, dass Özil nicht weiss, was er da wirklich geschrieben hat.
Pius: Du vermutest, dass er fremdgesteuert ist?
François: Ja. Ein PR-Narr. Er dachte wohl, mit diesem Pass seinen Freund Erdogan in Abschlussposition zu bringen. Wahrscheinlich träumt er davon, dass Erdogan twittert: «Elf Özils müsst ihr sein, mit militärischem Gruss.»
David: Ein Fussballer, verloren im Dickicht der Politik. Erdogan schweigt, dagegen erhält Özil Unterstützung von US-Aussenminister Pompeo. Verkehrte Welt. Würde mich nicht wundern, wenn wir Özil als nächstes in einem T-Shirt mit der Aufschrift «Jesus liebt dich» sehen.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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