Kunstturnen

Giulia Steingruber: Die kleinen Ziele einer grossen Turnerin

© Keystone

Nach drei verpassten Grossanlässen reist Giulia Steingruber an die WM nach Stuttgart. Der Kreuzbandriss wirkt noch nach.

Der Boden ist neben dem Sprung das Lieblingsgerät von Giulia Steingruber. Es ist ein Ort, an dem es nicht nur um Elemente und Sprünge geht. Mit ihrer Kür kann sie auch Emotionen ausdrücken, Erlebtes verarbeiten. So widmete die 25-jährige Gossauerin einst eine Bodenübung ihrer älteren Schwester, die 2017 verstorben war.

Die Choreografie solle das Wechselspiel zwischen Freud und Leid ausdrücken, sagte sie damals. Am Sprung hat sie bisher zwar mehr gewonnen. Doch auch am Boden haben sich einige Medaillen angesammelt. An der Heim-EM 2016 in Bern gewann sie Gold, davor holte sie zweimal die Bronzemedaille.

Der Boden ist jedoch nicht nur mit Freude verbunden. Es ist auch jene Disziplin, in der Steingruber sich an Wettkämpfen schon zweimal verletzt hat. An den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro erlitt sie im Final eine Fussverletzung. Nach langen Ferien liess sie sich im Januar 2017 drei Knochensplitter entfernen.

Die Rückkehr gelang ihr mit Bravour. An der darauffolgenden WM gewann Steingruber in Montreal wieder Bronze am Sprung. Es war ihre erste WM-Medaille überhaupt. Der Erfolg versprach weitere, liess träumen – auch von einem eigenen Sprung, dem Steingruber.

Am Ende blieb es jedoch bei diesem Grossanlass. Denn im Juli vor einem Jahr, da riss sie sich an einem Länderkampf in Saint-Etienne das Kreuzband im linken Knie. Die Verletzung war deutlich schwerer, die Rückkehr langwierig und kräftezehrend.

Bisher zeigte Steingruber nur einen Sprung

Über ein Jahr später tritt Steingruber nun an der WM in Stuttgart an. Es ist für sie eine Rückkehr auf die ganz grosse Bühne. Doch es ist anders als früher, als man Medaillen erwartete. Davon spricht nun niemand. Stattdessen strebt Steingruber einen Platz unter den 20 besten Turnerinnen im Mehrkampf an. Damit würde sie sich für die Olympischen Spiele qualifizieren. In Tokio in einem Jahr werden die Ziele dann wieder grösser sein. Doch Japan ist in diesem Moment noch weit entfernt.

Für Steingruber geht es an der WM vorderhand darum, sich heranzutasten, zu sehen, wo sie steht. Die Gerätefinals rücken damit in den Hintergrund, auch wenn ein Diplom das Ziel des Verbandes ist. Wo sie dieses holen könnte, ist offen. Chancen hat Steingruber am Balken – ihrem früheren Zittergerät. Am Sprung wäre es ebenfalls möglich – wenn sie das gleiche Programm zeigt wie vor zwei Jahren.

In den bisherigen Wettkämpfen hat sie jedoch nur den Tschussowitina geturnt. Den Jurtschenko mit Doppelschraube trainiert sie erst seit zwei Wochen wieder. Vor Ort werde sie sich entscheiden, sagte Steingruber vor der Abreise. «Wenn es im Training gut klappt, ist es realistisch.» Im Podiumtraining vom Freitag sprang sie schliesslich beide Sprünge, also neben dem Tschussowitina auch den Jurtschenko mit Doppelschraube.

Und am Boden? Dort hat sie eine neue Choreografie zu einem Lied von Alan Walker. «Als ich es das erste Mal hörte, bekam ich Hühnerhaut», sagt Steingruber. «Zu diesem Lied kann ich mich am besten ausdrücken.» Dennoch verfügt sie zur Zeit nur über eine Basisübung, auch wenn diese mittlerweile ziemlich gut ist. Denn bei diesem Gerät hatte sie nach ihrer Rückkehr in die Turnhalle am meisten Mühe. In der Vorbereitung blieb sie lange auf dem gleichen Niveau, kämpfte mit Blockaden. Sie hatte das Gefühl, weiter sein zu müssen. Das stresste sie zusätzlich. Ihr fehlte damals jedoch das Vertrauen, weil sie sich an diesem Gerät verletzte, weil sie das Knie bei der Bodenübung am meisten spürte. «Ich musste die Blockade überwinden», sagt Steingruber. Geholfen hat ihr vor allem der Zuspruch der Ärzte und der Physiotherapeuten. Aus medizinischer Sicht gebe es nichts, was sie hindern würde, sagten ihr diese. «Das hat mir sehr geholfen», so Steingruber.

Schon um einen Punkt besser

Auch die bisherigen Wettkämpfe gaben ihr Selbstvertrauen. Erstmals turnte Steingruber an den Schweizer Meisterschaften alle ihre Übungen ohne Hilfestellung des Trainers – und gewann dabei ihren achten Mehrkampftitel souverän. Eine Woche später, beim Vierländerkampf im niederländischen Heerenveen, verbesserte sie sich gleich um über einen Punkt. «Darauf kann ich aufbauen», sagt Steingruber.

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