Längst dämmerte es über dem Centre Court, die Fotografen hatten ihre Blitze auf die Kameras gesetzt, als Rafael Nadal an diesem Sonntag, 6. Juli 2008, Roger Federer nach 4:48 Stunden im Final von Wimbledon bezwang – 6:4, 6:4, 6:7, 6:7, 9:7. Es war ein Moment für die Ewigkeit. Ein Spiel für die Ewigkeit. Für viele sogar das beste der Tennis-Geschichte. Für Federer aber war es das Ende der Regentschaft. Er hatte das Turnier seit 2003 fünf Mal in Folge gewonnen und dabei in den zwei Jahren zuvor im Final jeweils Nadal besiegt. Im ersten Moment habe es sich nur wie der härteste Tag seines Lebens angefühlt, sagt er später. Doch es war mehr als das. «Erst vier, fünf, sechs, sieben Wochen später begann ich, die Bedeutung des Matches zu realisieren», sagt Federer.

Im Jahr darauf erscheint das Buch zum Spiel – «Strokes of Genius» – Geniestreiche. Und auf dessen Basis hat der «Tennis Channel» 2018 aus Anlass des 10-Jahres-Jubiläums einen zweistündigen Dokumentarfilm produziert. Es ist die grösste Zäsur in ihrer Rivalität. Federer verliert in diesem Spätsommer nach über vier Jahren auch die Führung in der Weltrangliste an Nadal. «Ich musste die Idee, einen Rivalen zu haben, zuerst annehmen», sagt Federer. «Am Anfang wollte ich keinen. Aber irgendwann realisierte ich: Vielleicht hat es ja auch etwas Gutes, weil es mich weiterbringt.» Es ist einer von vielen Höhepunkten in einer Rivalität, die als eine der aufregendsten im Weltsport gilt.

Mirka Federers Standpauke

Vier Wochen vor jenem Epos hatte Federer im Final von Roland Garros beim 1:6, 3:6, 0:6 eine seiner vernichtendsten Niederlagen gegen Nadal einstecken müssen. Später erklärte er, dass ihn diese Erfahrung wohl gehemmt und er deswegen auch in Wimbledon verlor. Gleichwohl wehrte er im Tiebreak des vierten Satzes zwei Matchbälle ab. Federers Trainer Severin Lüthi bestätigte im Film indirekt, dass Federer während der Regenpause gegen Ende des dritten Satzes durch eine Standpauke seiner Freundin Mirka vor der Garderobe geweckt worden sei, als sie ihm daran erinnert habe, wer der Rasenkönig sei. Auch das ist eine der vielen Episoden aus einem Spiel, das in die Geschichtsbücher einging.

Eine andere ist jene mit John McEnroe, der die Aufgabe hatte, Roger Federer nach dessen Final-Niederlage für den US-TV-Sender NBC zu interviewen. Doch auch der sonst wenig verlegene und schon gar nicht wortkarge Amerikaner war mit der Situation überfordert. «Hör zu, Roger, lass mich dir zuerst Danke sagen, als Tennisspieler, dass du uns ermöglicht hast, Teil eines solch wunderbaren Spektakels gewesen zu sein», stammelte er ins Mikrofon. Über einen Knopf im Ohr gab ihm der Produzent zu verstehen, er solle endlich eine Frage stellen. Also fragte er: «Ist das ein kleiner Trost?» Federer gab zurück: «Ein bisschen. Danke, John. Es ist hart. Es tut weh.» McEnroe blieb nur noch eines: «Komm, umarme mich. Danke, vielen, vielen Dank, okay?»

Federer vs. Nadal wie Borg vs. McEnroe

John McEnroe hatte sich in den 70er- und 80er-Jahren eine erbitterte Rivalität mit dem Schweden Björn Borg geliefert. Auf der einen Seite der temperamentvolle Amerikaner McEnroe, aufbrausend und impulsiv. Auf der anderen der zurückhalten Schwede, reserviert bis unterkühlt. Fire and Ice - Feuer und Eis. Auch deshalb weiss McEnroe, welche Bedeutung eine Rivalität hat. Als er im Dokumentarfilm zu «Strokes of Genius» darüber spricht, wie Borg zurücktrat, nachdem dieser im Final der US Open 1981 gegen ihn verloren hatte, hat McEnroe Tränen in den Augen. Er sagte, es sei gewesen, als sei ein Teil von ihm gestorben. Viel lieber hätte er sich weiter mit Borg duelliert. So ähnlich verhält es sich wohl auch mit Roger Federer und Rafael Nadal. Sie haben sich aneinander aufgerieben und sind aneinander gewachsen. Immer und immer wieder.

Wie an jenem Sonntag, dem 6. Juli 2008, um 21.30 Uhr Ortszeit, als die Nacht bereits ihren Mantel über den Centre Court legte, während Rafael Nadal im Blitzlichtgewitter der Fotografen mit dem Wimbledon-Pokal posierte. Niemand hätte damals gedacht, dass es über elf Jahre dauern würde, bis sich die erfolgreichsten Tennis-Spieler der Geschichte wieder beim wichtigsten Turnier duellieren würden. Die Erinnerungen an damals, an diesen Epos, sind längst verschwommen. Federer selber sagt: «Als ich Vater wurde, hat ein neuer Abschnitt in meinem Leben begonnen. Bis zu einem gewissen Grad bin ich ein anderer Mensch geworden», sagt der. Er sei jetzt über 30 Jahre alt, auch das verändere.

Veränderung, Entwicklung – es sind auch stetige Begleiter von Rafael Nadal. Er war einmal der Sandkönig, er ist es noch immer. Jüngst feierte er in Roland Garros seinen zwölften Titel. Doch der Spanier ist längst mehr als das, sagt Federer. «Er kann dir auf jeder Unterlage weh tun. Er beendet die Punkte heute schneller, spielt nicht mehr so defensiv und nimmt das Zepter lieber selber in die Hand. Und vor allem serviert er viel härter als damals.» Nadal habe sich mit seiner Spielweise an die seine angenähert, sagt Federer. «Aber vor allem ist es beeindruckend, zu sehen, dass er gesund geblieben ist.» Viele hätten Rafael Nadal seiner Spielweise wegen ein frühes Ende prophezeit.

Doch elf Jahre später sind Roger Federer und Rafael Nadal noch immer das Mass aller Dinge im Welttennis. Mit 20 (Federer) und 18 (Nadal) Grand-Slam-Titeln sind sie die erfolgreichsten Spieler der Geschichte. Ihre Rivalität hat nichts an Faszination eingebüsst. Nun kommt es in Wimbledon zum 40. Duell der beiden Erzrivalen, zum 14. Mal bei einem Grand-Slam-Turnier, aber zum ersten Mal seit jenem denkwürdigen Final 2008 in Wimbledon – 4023 Tage, oder eine halbe Ewigkeit, nach dem Spiel für die Ewigkeit. Vielleicht ist es das letzte Mal, dass die beiden ihr Schauspiel auf der grössten Bühne des Welttennis aufführen.