U-21 Euro Fussball

Wie Fussballscouts um Schweizer Nationalspieler buhlen

Schweizer Nationalspieler werden umworben - auch der Schweizer Shaqiri.

Schweizer Nationalspieler werden umworben - auch der Schweizer Shaqiri.

An der U21-EM in Dänemark geht es nicht nur um den Wettbewerb an sich. Am Turnier treffen sich Trainer, Scouts und Spielervermittler – mit dabei sind auch Beobachter der Young Boys, Ingo Winter und Stéphane Chapuisat.

Es herrscht Ruhe im Sektor. Am Mittwochabend läuft im dänischen Städtchen Viborg ein besonderes Spiel dieser U21-EM: Tschechien gegen Spanien. Wer in dieser Zone des modernen Kleinstadions sitzt, spricht kein Wort mit anderen Zuschauern – selbst wenn er sie kennt. Man grüsst sich bei der Ankunft. Mehr nicht.

Es handelt sich um Scouts, Talentspäher. Über 100 Vereine haben sich laut der Uefa für diese Europameisterschaft angemeldet, darunter auch die Topadressen des Kontinents: Barcelona, Manchester United, Arsenal, Bayern München, Juventus Turin.

Notizblock zur Hand, tragen die Scouts peinlich genau die Positionen der Spieler ein, sie zeichnen manchmal deren Laufwege, sie machen Notizen mit Kürzeln, die nur sie verstehen können. Ungefähr ab der 50. Minute kreisen sie ihre Favoriten ein und verschwinden schon vor dem Schlusspfiff wieder — das Resultat spielt für sie keine Rolle.

Wenige Tage zuvor. Treffpunkt am Pfingstsonntag ist der Vorplatz des Stadions zu Viborg. Die Schweizer Stürmerlegende Stéphane Chapuisat erscheint kurz nach 17 Uhr. Der ehemalige Champions-League-Sieger mit Dortmund und mehrfache Landesmeister mit den Borussen sowie mit GC ist heute Chefscout bei den Young Boys. Mit dabei ist auch Ingo Winter, Chapuisats rechte Hand und Gesamtkoordinator Scouting. In einer Stunde ist Anpfiff zu Ukraine - Tschechien.

Gutes Turnier für Schweizer Scouts

Im Café wird klar, dass im bevorstehenden Spiel besonders die Tschechen für die YB-Scouts interessant sind. «Island, Tschechien und Dänemark sind typische Exportländer, wo es Spieler gibt, die nicht alle bei grossen Klubs unter Vertrag stehen», sagt Winter, der schon in Hannover mit YB-CEO Ilija Kaenzig zusammengearbeitet hat.

Die Ukrainer und die Weissrussen, gegen welche die Schweiz morgen zum letzten Gruppenspiel antritt, sind kein Thema. «Die stehen sowieso schon bei russischen Klubs im Fokus«, sagt Winter.

Dennoch sei gerade diese U21-EM für einen Verein wie YB zur Beobachtung geeignet. «Der Vorteil ist, dass Teams dabei sind, die sonst nicht dabei wären», sagt Winter, «wir wären nicht hier, wenn Deutschland, Italien und Holland teilnehmen würden.» Diese Spieler sind zu teuer und wechseln ohnehin nicht in die Schweiz. Dasselbe gilt für die EM-Teilnehmer Spanien und England.

Diese Schwierigkeit bleibt auch bei Spielern anderer Nationalitäten. «Den besten Dänen können wir uns ebenfalls nicht leisten», sagt Chapuisat, «genau so wenig wie den besten Schweizer.» Selbst die Ausleihe eines heimischen Talents wie Haris Seferovic oder Nassim Ben Khalifa sprenge den Rahmen. «Die verdienen mehr als alle YB-Spieler», vermutet Chapuisat.

Für YB wird es schwierig, an der EM in Dänemark den Innenverteidiger und den Stürmer zu finden, die der Verein gerne hätte. «Wenn wir einen Spieler des Turniers nehmen wollen, dann muss er einen guten Eindruck hinterlassen haben», sagt Winter, «und wenn einer einen guten Eindruck gemacht hat, dann ist es schon zu spät.» Dann schlagen grössere Klubs mit grösseren Checks zu.

Networken mit Weitblick

Dennoch ist für die YB-Scouts die EM bedeutend. «Das Turnier ist wichtig, weil man hier unglaublich viele Leute trifft, Kontakte auffrischt oder neu knüpft», sagt Winter. Viele Berater aus dem Ausland kenne man nur vom Telefon. «Jetzt besteht die Gelegenheit, sich zu treffen.»

Der Beweis folgt prompt, zwei dänische Agenten erscheinen im Café. John Sivebaek, ehemaliger ManU-Profi und EM-Sieger 1992, sowie Michael Johansen, Berater von Michael Silberbauer, der ab Sommer für YB spielt. Winter grüsst sie herzlich, sie verabreden sich zu einem Bier.

Auf der Haupttribüne nehmen Winter und Chapuisat ihre Notizblöcke aus den Taschen. Sie schauen sich die interessanten Teams dreimal während des Turniers an, jeder benotet je ein Team.

Aufgrund des Schnitts, wägen sie ab, wer für YB infrage kommt, wer erschwinglich ist. Das sind wenige. Hoffnung bleibt. «Nicht alle, die an der EM einen Vertrag bei einem Grossklub landen, machen dann die grosse Karriere», weiss Winter, «wenn es ihm nicht läuft, dann können wir ihn vielleicht ausleihen – das ist mittelfristig eine Option.»

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