Fussball
Stürmertalent Orhan Ademi: Ist er der neue Marco Streller?

Der Schweizer Stürmer Orhan Ademi erobert mit Braunschweig die 2. Bundesliga – dank einem Rentner aus Altach. Ein Stürmer, der in bisher 16 Spielen immerhin 4 Tore schoss. Leute in seinem Umfeld beschreiben ihn als anständig und pflegeleicht.

Etienne Wuillemin, Köln
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Orhan Ademi (r.) ist auf dem Weg in die Stammelf von Eintracht Braunschweig

Orhan Ademi (r.) ist auf dem Weg in die Stammelf von Eintracht Braunschweig

imago

Der Ball kommt zu Orhan Ademi. Ganz Köln stockt der Atem. Ademi blickt seinem Gegner in die Augen, er tippt den Ball an, er geht links vorbei, er spürt einen Schuh am Knie, er fällt und er weiss: «Jetzt muss der Schiedsrichter Penalty geben!» Der Pfiff kommt, Ademi jubelt, klatscht mit seinen Teamkollegen ab. Wird er zum Helden für sein Team?

Es ist Montagabend, kurz vor 22Uhr, es ist das Topspiel der 2. Bundesliga, 1. FC Köln gegen Eintracht Braunschweig, Traditions-Klub gegen Überraschungs-Leader. Der Leader mit Orhan Ademi, dem 21-jährigen Schweizer, im Sturm.

Ja, ein Schweizer Stürmer beim Tabellenführer der 2. Bundesliga. Ein Stürmer, der in bisher 16 Spielen immerhin 4 Tore schoss. Fast unbemerkt. Orhan Ademi, wer sind Sie? «Ein Typ, der nie einen schlechten Tag hat, der mit allen gut auskommt.»

Wer sich in Braunschweig umhört, der erhält die Bestätigung. Leute im Umfeld des Klubs beschreiben Ademi als anständig, pflegeleicht, bescheiden, gut erzogen. Christian Schiebold, stellvertretender Ressortleiter Sport der «Braunschweiger Zeitung», fügt an: «Er ist immer höflich, einer, der nie ein böses Wort sagt. Manchmal vielleicht gar zu lieb.» Orhan Ademi, sind Sie zu lieb? Er lacht. «Stimmt, ich bin einer, der nicht viel austeilt als Stürmer. Aber ich werde mich für andere nicht verstellen.»

Nie Profi in der Schweiz

Orhan Ademi wächst in Heerbrugg im St.Galler Rheintal auf. Seine Fussball-Karriere beginnt beim FC Au-Berneck. Mit 17 wechselt er zu Altach, verbringt drei Jahre zumeist in der zweithöchsten Liga Österreichs. In diesem Sommer folgt der Transfer zu Braunschweig (Vertrag bis 2015). Ohne in der Schweiz ein Spiel im Profi-Fussball bestritten zu haben.

«Ich beschreite einen ungewöhnlichen Weg, aber den richtigen», sagt Ademi. Braunschweig sei eine verrückte Fussballstadt. «Auf der Strasse werde ich häufig erkannt, um Fotos oder Autogramme gebeten.» Ademi wohnt mit Freundin Amire im Zentrum von Braunschweig.

Im ersten Spiel für den neuen Verein traf Ademi bereits 20 Sekunden nach seiner Einwechslung. «So ein Start hilft natürlich, man wird sofort wahrgenommen von Mitspielern und Fans.» Zu den Heimspielen erscheinen meist über 20000 Zuschauer.

Aber wie entdeckte Braunschweig Orhan Ademi überhaupt? Trainer Torsten Lieberknecht erklärt: «Unsere Scouts kamen irgendwann in Altach vorbei und waren angetan von Orhan. Dann liessen wir ihn beobachten von einem Rentner, der viel Zeit hat.» Lieberknecht lacht. «Der Tipp, ihn zu verpflichten, war gut.»

Wegen seiner guten Leistungen wurde Ademi im letzten Oktober erstmals für die U21-Nati aufgeboten. «Er ist vom Typ her wie der junge Marco Streller», sagt U21-Nationaltrainer Pierluigi Tami, «körperlich stark und immer gefährlich vor dem Tor.»

Ademis Ziel ist das A-Nationalteam. «Aus der 2. Bundesliga ist das kaum möglich», weiss er, «aber wer weiss, wo Braunschweig in einem Jahr ist ...» Vielleicht in der Bundesliga – und vielleicht kommt es dann zum Duell mit Vorbild Mario Gomez und Lieblingsverein Bayern München.

Der verhinderte Held

Zurück zum Spiel Köln - Braunschweig. 1:1 steht es, als Ademi in der 77. Minute den Elfmeter rausholt. Er, der schon das 1:0 der Gäste vorbereitete. Aber dann das! Teamkollege Pfitzner schiesst den Penalty wie einst Marco Streller an der WM 2006 im Achtelfinal gegen die Ukraine im gleichen Stadion – eine Rückgabe für den Torhüter. Ademi wird nicht zum Helden.

20 Minuten später. Orhan Ademi steht in den Katakomben des Stadions. Er blickt auf einen aufwühlenden Abend zurück. In der 88. Minute gelingt Köln das 2:1. Es kommt die 93. Minute. Ademi erzwingt einen Eckball. Und tatsächlich, das 2:2 gelingt. «Wie ein Sieg für uns», sagt Ademi – eben doch ein kleiner Held. 41 Punkte hat Leader Braunschweig nun. 9 mehr als Kaiserslautern auf dem 3. Rang, der immer noch zur Barrage berechtigt. «Viel Glück beim Aufstieg», wünscht ein Kölner Reporter Ademi zum Schluss freundlich.