Nationalmannschaft

Nach Doppelrücktritt: Hier liegen die wahren Probleme der Nationalmannschaft

Ottmar Hitzfeld wird das Vakuum im offensiven Mittelfeld mehr beschäftigen als das Sturm-Problem.

Ottmar Hitzfeld wird das Vakuum im offensiven Mittelfeld mehr beschäftigen als das Sturm-Problem.

Der Schock nach dem Rücktritt von Alex Frei und Marco Streller sitzt tief. Doch eine Analyse zeigt, dass das wahre Problem nicht im Sturm sondern im zentralen Mittelfeld zu finden ist. Deshalb ist bereits gegen England ein Systemwechsel erforderlich.

Der Doppelrücktritt von Alex Frei und Marco Streller aus der Nationalmannschaft hat den Schweizer Fussball kurzzeitig in einen kollektiven Schockzustand versetzt. Der Blick auf das Spielermaterial im Sturm zeigt jedoch, dass Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld in an dieser Front optimistisch in die Zukunft blicken kann.

So befindet sich Eren Derdyiok seit Monaten in beneidenswerter Form und gehört in Leverkusen zu den Leistungsträgern. Zudem gehört der Levenkusen-Söldner inzwischen zum Stamm des Nationalteams und kann auf die nachfolgenden Nachwuchsspieler integrativ einwirken. Ausserdem hat sich Derdyiok - der sich Jahre mit der Rolle als Edeljoker begnügen musste - den Stammplatz in der Schweizer Auswahl verdient.

Ben Khalifa und Seferovic gehört die Zukunft

Ungeklärt bleibt indes, welchem Stürmer Nati-Coach Ottmar Hitzfeld neben Eren Derdyiok das Vertrauen schenken wird. Alternativen wären jedenfalls vorhanden. Schalke-Stürmer Mario Gavranovic hat mit seinem Talent im spielerischen und technischen Bereich wie auch mit seinem Treffer in der Champions League gegen Valencia laut an die Pforte der Schweizer Nationalmannschaft geklopft.

Darüber hinaus wird Hitzfeld die Aufgabe zuteil, die U-17-Weltmeister Nassim Ben Khalifa und Haris Seferovic behutsam aufzubauen und ins Team zu integrieren. Dabei kann Albert Bunjaku - derzeit bei Nürnberg unter Vertrag - mit seiner Erfahrung unterstützend auf die Nachwuchskräfte einwirken. Das wird auch nötig sein, gehört doch Ben Khalifa wie auch Seferovic im Hinblick auf die WM-Qualifikation 2014 für Brasilien und spätestens für die Euro-Qualifikation 2016 für Frankreich die Zukunft.

Vakuum im offensives Mittelfeld

Somit zeichnet sich ab, dass das wahre Problem der Schweizer Nationalmannschaft nicht in der Sturmspitze sondern im zentralen, offensiven Mittelfeld liegt. Mit Gökhan Inler, Blerim Dzemaili, Pirmin Schwegler und Gelson Fernandes verfügt Ottmar Hitzfeld im defensiven Mittelfeld zwar über Spielermaterial in Hülle und Fülle, doch Spieler mit kreativer und spielerischer Klasse sucht der Nationalcoach vergeblich.

Yakin: Im Herbst seiner Karriere

Überdies ist es für die Situation bezeichnend, dass sich Experten für die Rückkehr von Mittelfeldregisseur Hakan Yakin in die Stammformation aussprechen. Unbestritten gehört der gebürtige Türke zu den besten Mittelfeldstrategen im Schweizer Fussball. Das Problem: Hakan Yakin kann mit seinen 34 Jahren das horrende Tempo auf internationaler Bühne lediglich 60 Minuten mitgehen. Ganz abgesehen davon ist es wahrscheinlich, dass auch Yakin nach den Rücktritten von Frei und Streller seine Demission aus der Nationalmannschaft in Betracht zieht. Somit muss Hitzfeld langfristig auf andere Pferde setzen - und diese sind rar gesät. Weder FCZ-Spieler Xavier Margairaz noch YB-Spieler Moreno Costanzo konnten ihre Qualitäten im Nationalteam bisher unter Beweis stellen.

Nationalmannschaft braucht Systemwechsel

Somit kommt Hitzfeld nicht umhin, das Spielsystem künftig umzugestalten. Und wie soll das neue System aussehen? Mit Tranquillo Barnetta, Valon Behrami, Marco Padalino, Johann Vonlanthen, Valentin Stocker und Xherdan Shaquiri verfügt die Schweizer Auswahl über Flügelläufer mit offensiver Ausrichtung. Diesen Spielern muss Hitzfeld mehr Freiheiten einräumen.

Dies wird auch dazu führen, dass die Stürmer zu mehr Torchancen kommen und die Bälle nicht im Mittelfeld holen müssen und das Offensivspiel selbst ankurbeln müssen. Zur Erinnerung: Während der inzwischen zurückgetretene Blaise Nkufo beim niederländischen Verein Twente Enschede von den Flügeln mit Flanken gefüttert wurde, musste der Stürmer sich die Bälle selbst holen. Die Folge: Der Skorer blieb im Nationalteam unter seinen Möglichkeiten. Dieses Leid musste Frei und Streller mit Nkufo teilen.

Damit das neue System funktioniert, muss Hitzfeld im zentralen Mittelfeld auf das Trio Inler, Dzemaili und Schwegler setzen. Sie müssen für defensive Stabilität sorgen und können so den Flügelspielern den Rücken freihalten.

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