«Für die Fussballfamilie stellt die Neuterminierung der Weltmeisterschaft 2022 eine sehr schwierige und anspruchsvolle Aufgabe dar», sagt Karl-Heinz Rummenigge, Präsident des FC Bayern München und Vorsitzender der European Club Association. «Die weltweiten Terminkalender in der Saison 2022/23 müssen darauf abgestimmt werden, es wird eine grosse Kompromissbereitschaft von allen verlangt. Den europäischen Klubs und Ligen kann aber nicht zugemutet werden, allein den Preis für die Verlegung der WM 2022 in den Winter zu bezahlen. Wir erwarten ebenso die Bereitschaft, den Schaden für die Klubs zu kompensieren.»

So weit ist alles klar: Rummenigge fordert Schadenersatz. Aber wofür? Eine Antwort bleibt er bis dato schuldig. Denn es gibt keine. Egal, ob die WM 2022 im Winter oder im Sommer stattfindet: An der Anzahl Spiele in Liga und Europacup wird sich mit grösster Wahrscheinlichkeit nichts ändern. Die Erträge der Klubs werden wegen der Advents-WM also keine Schlagseite erleiden.

Logische Konsequenz einer Torheit

Darüber, dass es eine absolute Torheit der Fifa war, am 2. Dezember 2010 die WM nach Katar zu vergeben, besteht wohl ausserhalb des Weltfussballverbands und des 2,2 Millionen Golf-Staates Konsens. Denn es fehlt in Katar an Fussballkultur, an Stadien, an Menschenrechten und während vieler Monate im Jahr an erträglichen Temperaturen. Aber etwas ist im Überfluss vorhanden: Geld.

Dass die WM in den Winter verlegt wird, ist richtig und logisch. Dass die WM nicht zum Jahresbeginn stattfindet und damit die Olympischen Spiele konkurriert, ist ebenfalls richtig und logisch. Also spricht nichts gegen den von einer Arbeitsgruppe erarbeiteten Plan, die Endrunde im November und Dezember zu spielen – auch wenn damit der «Fehler Katar» nicht ausgemerzt werden kann. Schadenersatzforderungen gehen trotzdem bei der Fifa ein.

Vielleicht kommt es Rummenigge gerade recht, dass sich die Fifa mit Katar ein Problem aufgehalst hat. Denn die Diskussion um den Termin ist eher ein imaginärer Dorn im Auge. Rummenigge geht es wohl hauptsächlich um das Missverhältnis zwischen der Entschädigung für die Spieler und den Einnahmen aus der Vermarktung. 715 Millionen Dollar hat die Fifa allein mit dem Verkauf der TV-Rechte für die WM 2010 eingenommen. An die Klubs wurden aber nur 40 Millionen ausbezahlt. Aus Rummenigges Optik sieht es so aus, als bereichere sich die Fifa auf Kosten der Klubs, die die Spieler entlöhnen.

Wobei die Fifa erst seit kurzem jene Klubs vergütet, die ihre Spieler für die WM abstellen. Erstmals an der WM 2010 mit 1800 Dollar pro Spieler und Tag ab Einrücken des Spielers ins Nationalteam bis zum Entlassungstag. An der WM 2014 waren es 2800 Dollar pro Spieler und Tag. Über die Höhe der Entschädigung für die beiden kommenden Weltmeisterschaften in Russland und Katar laufen die Verhandlungen. Deshalb nun das Lobbying von Rummenigge. Denn der Betrag von 2800 Dollar ist für die europäische Beletage ein Klacks im Vergleich zum Gehalt, das die Klubs bezahlen.

England kauft Europa auf

Wayne Rooney ist derzeit der bestverdienende Fussballer. 300 000 Pfund pro Woche bezahlt ihm Manchester United. Dank der Euroschwäche hat er sogar die in Spanien engagierten Lionel Messi und Cristian Ronaldo überholt. Gut möglich, dass Ronaldo und Messi bald auch in Pfund bezahlt werden.

Schliesslich hat die englische Premier League kürzlich einen TV-Vertrag ausgehandelt, der astronomisch anmutet. Ab 2016 streichen die 20 Premier-League-Klubs allein aus nationalen Senderrechten 2,3 Milliarden Euro pro Saison ein. Jedes im britischen Pay-TV übertragene Spiel kostet dann im Schnitt fast 14 Millionen Franken.

Zum Vergleich: Die Vermarktungsrechte für die 180 Super-League-Partien gingen für 28 Millionen Franken über den Ladentisch. Damit werden die 20 Premier-League-Klubs automatisch zu den 30 umsatzstärksten Klubs Europas gehören. Allein der Absteiger hat 130 Millionen Euro garantiert. Das ist etwa dreimal so viel, wie der deutsche Primus Bayern München an TV-Einnahmen verbuchen kann. Die Folgen für die Mitstreiter aus Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich sind fatal. Arsène Wenger, Trainer von Arsenal London, sagt: «Englische Klubs können künftig holen, wen sie wollen.»

England wird die Klubs und Ligen auf dem Kontinent plündern. Aber das viele Geld macht in England nicht alle glücklich. So schliessen immer mehr Klubs aus unteren Ligen ihre Nachwuchsschulen, weil das Refinanzierungsmodell, Talente in die Premier League zu verkaufen, wegfällt. Und die Nationalmannschaft Englands wird durch den neuen TV-Deal auch nicht besser. Wobei die Nationalmannschaft ja eh nur noch etwas für Traditionalisten ist. Gleichwohl wächst in England der Widerstand gegen die Advents-WM im Jahr 2022. Weil die Premier League zwischen Weihnachten und Neujahr nicht ruht, 2022 aber ruhen muss.

Einverstanden, die Hypothese ist gewagt: Aber der Stellenwert der Fussball-WM könnte in England schon bald ein anderer sein. Die entrückte Premier League hat ab 2016 jedenfalls die finanzielle Kraft, um sich eine Parallelwelt zu schaffen. Nach dem Vorbild der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL getreu dem Motto: «Was kümmert uns eine WM nur alle vier Jahre, wenn wir jede Woche eine WM durchführen.»

Aus Schweizer Optik ist die Katar-WM im Advent hingegen die bestmögliche Lösung eines Problems. Denn sie tangiert weder den Spengler-Cup noch den Riesenslalom von Adelboden, die Abfahrt von Wengen oder die Olympischen Winterspiele. Und Public Viewing bei Glühwein ist vielleicht nur beim ersten Mal gewöhnungsbedürftig.