Seit dem letzten Sonntag ist der Grasshopper Club in der Super League Tabellenletzter. Haben Sie schlaflose Nächte?

Mathias Walter: Das nicht. Aber sicher habe ich schon besser geschlafen.

War die Übernahme der roten Laterne ein weiterer Schlag in die Magengrube? In psychologischer Hinsicht und bezüglich Selbstvertrauen?

Nein. Schlusslicht zu sein, bedeutet eher, dass jetzt dem Hintersten und Letzten klar geworden ist, dass er sich mit aller Kraft dafür einsetzen muss, um von da unten wegzukommen.

Es wäre bitter für Sie, mit auf der Kommandobrücke zu stehen, sollte GC erstmals seit 1949 absteigen.

Das sind Gedanken, mit denen ich mich nicht beschäftige. Ich will lieber alles dafür tun, damit dies nicht passiert.

Zuletzt gab es ein 0:1 gegen den bisherigen Tabellenletzten Xamax. Was waren die Erkenntnisse aus diesem Spiel?

Dass wir unseren Stil ändern müssen! Das heisst: einfacher und gradliniger spielen. Wir sind wieder einmal in Schönheit gestorben.

Genau das erweckt doch das Gefühl, nicht alle Spieler hätten begriffen, dass ihnen das Wasser bis zum Hals steht – und generell, was Abstiegskampf bedeutet.

Das mag von aussen so scheinen. Aber wir wurden in der Abwehr nie ausgespielt und sind auch nicht in Konter gelaufen. Wir stolperten im Mittelfeld über den Ball, und das ergab die zwei Chancen von Xamax. Es ist halt so, dass eine verteidigende Mannschaft grundsätzlich leidenschaftlicher aussieht. Bei der anderen sagt man dann ziemlich schnell, sie kämpfe zu wenig. Aber klar: Unser Spiel muss vertikaler und aggressiver werden. Das ist die Forderung.

Also muss GC vom Ballbesitzfussball wegkommen …

…das hat der Trainer ja bereits erklärt. Das kann eine Variante sein.

Die Spieler hinterlassen nicht den Eindruck, mental für den Abstiegskampf gerüstet zu sein.

Ich denke nicht, dass dies unser Problem ist. Ich sehe die Mannschaft im Training. Wir haben genügend Qualität. Wir müssen jedoch den Schönspielplan weglegen und in den Abstiegskampfmodus finden. Das ist schwierig. Aber darum geht es. Ich bin gespannt auf den Auftritt der Mannschaft am Sonntag in Thun.

Wenn tatsächlich genügend Qualität da ist: Weshalb ist Trainer Thorsten Fink auch nach sechs Niederlagen in Folge noch nicht entlassen?

Ganz einfach deshalb, weil er nicht allein schuld ist. Uns waren bis vor drei Wochen, bis sich die Besitzerverhältnisse bei GC klärten, die Hände gebunden. Wir konnten bis zu jenem Zeitpunkt nur Transfers von jungen Spielern tätigen, weil wir finanziell in zu engen Hosen waren. Aber ab jenem Moment, als wir Spielraum bekamen, haben wir nachgebessert.

Fink ist seit Ende April letzten Jahres bei GC. Eine Entwicklung der Mannschaft ist nicht zu sehen. Seine Gesamtbilanz ist miserabel.

Dies ist im Moment nicht der entscheidende Faktor. Die Frage ist: Können wir in dieser Konstellation den Abstiegskampf bestreiten?

Kann Fink Abstiegskampf?

Ja. Das Wichtigste ist, dass er diese Aufgabe annimmt. Und diesen Eindruck habe ich.

Sie selber haben Fink geholt. Können Sie ihn auch deshalb nicht entlassen, weil Ihr Schicksal mit dem seinen verknüpft ist?

Nein. Es geht nur um die Frage: Können wir mit ihm das Steuer herumreissen? Ist das Gefühl positiv, dann geht man den Weg gemeinsam weiter. Und das ist der Fall.

Der neue Hoffnungsträger Yoric Ravet hat gegen Xamax schlecht gespielt. Wann wird er GC helfen können?

Gegen den FCZ war er gut, gegen Xamax nicht so. Alle drei Stürmer hatten keine Normalform. Aber Ravet wird uns sofort helfen, davon bin ich überzeugt.

Aber in der Bundesliga konnte er sich nicht durchsetzen.

Er war verletzt. Es hat in Freiburg einfach nicht gepasst.

Weshalb verpflichtet GC nun mit Caiuby einen Spieler, der von Augsburg aus disziplinarischen Gründen rausgeworfen wurde? Ein Akt der Verzweiflung?

Der Fall «Caiuby» ist ein Produkt der modernen Medienwelt. Weil er in Deutschland beim Schwarzfahren erwischt wurde, gab es riesige Schlagzeilen. Und jetzt? Der Bursche ist seit mehr als zehn Jahren in der Bundesliga, davon viereinhalb Jahre bei Augsburg. Und er hatte dort noch einen Vertrag über anderthalb Jahre. Es kann daher nicht sein, dass er jeden Tag so neben den Schuhen steht, wie dies kolportiert wird. Wenn ich sehe, wie er sich bei uns integriert, kann ich nur sagen: ein Vollprofi.

Aber er ist nach dem Weihnachtsurlaub einfach nicht mehr in Augsburg aufgetaucht … und trotzdem ist er für Sie kein Problemspieler?

Das hatte private Gründe. Dazu will ich mich nicht äussern. Caiuby ist kein Problemspieler. Er wird für uns wichtig sein. Seine fussballerische Qualität ist unbestritten. Und: Er ist ein Kämpfer. Er geht auf dem Platz leidenschaftlich voran. Ravet und Caiuby werden uns helfen. Dass wir die beiden geholt haben, ist der Beweis dafür, dass wir die Situation nicht unterschätzen.

Weshalb kommt Shani Tarashaj nicht auf Touren?

Wegen einer hartnäckigen Verletzung, und weil seine Fitness nicht genügte. Aber er arbeitete gut und ist jetzt so weit, dass ihn der Trainer einsetzen kann.

Warum engagierten Sie mit Anthony Goelzer einen Linksverteidiger aus der zweiten französischen Liga? Thun holt Spieler aus der Challenge League.

Genau über dieses Thema habe ich mich kürzlich mit U21-Nationaltrainer Mauro Lustrinelli unterhalten. Das Problem: Das gesuchte Profil gibt es nicht in der Schweiz. Ich bin glücklich mit Goelzer.

Obexer von Aarau, Schäppi von Wil oder Qollaku von Schaffhausen können auch, was Goelzer kann.

Sie haben nicht dasselbe Potenzial. Doumbia war einer der ganz wenigen linken Verteidiger in der Super League der letzten Jahre mit internationalem Potenzial. Wir haben ihn im Januar für annähernd drei Millionen Franken verkauft. Das ist ein Teil unseres Geschäftsmodells. Doch das wird von den Journalisten vergessen. Wir sind gezwungen, jedes Jahr ein paar Millionen Franken über Transfers zu generieren. Das geht nun mal nicht anders als über Spieler mit einem europäischen Profil. Wir haben in den letzten beiden Transferperioden zwischen fünf und sechs Millionen Franken eingenommen. Trotz einer schlechten Saison.

Was hat Goelzer gekostet?

Die Verpflichtung war kostenlos. Bei gutem Gelingen liegen für den abgebenden Verein kleinere Prämienzahlungen drin. Ein gleichwertiger Spieler in der Schweiz kostet 400 000 Franken und bezieht das doppelte Salär.

In einer Saison 18 Spieler geholt und ebenso viele abgegeben – das Kommen und Gehen bei GC ist enorm. Da kann doch nichts zusammenwachsen.

Darüber müssen wir nicht diskutieren. Das muss sich ändern. Diese Umbrüche gibt es seit 2003. Weil sich die Ownerschaft immer wieder veränderte und es zu viele Trainerwechsel gab. Jetzt sind wir auf einem guten Weg hin zur Kontinuität.

Dafür läuft GC gemäss «Blick» der Hauptsponsor davon, weil CEO Manuel Huber im Karibik-Urlaub weilt.

Dazu gibt es von mir keinen Kommentar. Ich bin der sportliche Verantwortliche und überlege mir täglich, was zu tun ist, damit wir die Kurve kriegen.

Haben Sie einen Plan B, falls GC absteigt?

Mit diesem Szenario beschäftigen wir uns aktuell nicht.

Der FC Zürich hat sich vor drei Jahren auch nicht damit beschäftigt und ist dann abgestiegen.

Das wissen wir. Aber die Energie muss nun einzig und allein in den Klassenerhalt investiert werden.