Nationalmannschaft

Köbi Kuhn: «Wir sind doch nicht in Nordafrika»

Die Todesdrohungen stellen den Rücktritt von Alex Frei in ein anderes Licht. Nun spricht der ehemalige Nationaltrainer Köbi Kuhn über die Drohungen. Den Zeitpunkt des Rücktritts von Frei und Streller kann er nicht nachvollziehen.

Der Nati-Rücktritt von Alex Frei und Marco Streller hat in der Schweiz hohe Wellen geworfen. Im Interview mit der az äussert sich nun der ehemalige Nationaltrainer Jakob Kuhn zur Demission der beiden Leistungsträger.

Als Kuhn über die Morddrohungen gegen Alex Frei erfährt, reagiert er zunächst geschockt und sprachlos. Daraufhin verurteilt der Zürcher die Drohungen gegen Alex Frei scharf.

Herr Kuhn, Alex Frei erhält seit längerer Zeit Todesdrohungen und ist auch deshalb zurückgetreten. Was sagen Sie dazu?

Köbi Kuhn: Ich bin fassungslos. In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich? Es geht hier um Sport. Fussball. Wir sind doch nicht in Nordafrika, wo Menschen um ihr Leben fürchten müssen.

Kritiker werfen Frei vor, dass er durch seine umstrittene Persönlichkeit und Aussendarstellung zu dieser Eskalation beigetragen hat.

Kuhn: Unsinn. Es ist richtig, dass Alex eine umstrittene Persönlichkeit ist. Er ist ehrgeizig, vielleicht zu ehrgeizig für die Schweiz. Nichtsdestotrotz hat Alex für die Schweizer Nationalmannschaft einen unschätzbaren Beitrag geleistet. Dafür müssen wir den Hut ziehen. Und auch wenn er mit seinen Äusserungen provoziert hat, ist das noch lange keine Rechtfertigung für Morddrohungen.

Haben Sie während ihrer Fussballkarriere und als Nationaltrainer auch Morddrohungen oder Anfeindungen über sich ergehen lassen müssen?

Kuhn: Es gibt immer Leute, die dich beschimpfen. Aber zu Drohungen an Leib und Leben ist es nie gekommen.

Abgesehen von den Morddrohungen gaben für Alex Frei und Marco Streller auch die Pfiffe der eigenen Fans den Ausschlag für den Rücktritt.

Kuhn: Das geht auch nicht. Während meiner Zeit als Nationaltrainer habe ich sowieso das Gefühl bekommen, dass die Pfiffe nicht aus Wut, sondern vielmehr spontan erfolgt sind.

Wie meinen Sie das?

Kuhn: Die Leute machen sich inzwischen einen Spass daraus, die Finger bereits nach dem kleinsten Fehlpass in den Mund zu stecken. Dabei haben sie keine Ahnung von Fussball. Allerdings müssen Spieler auch in der Lage sein, Kritik und Pfiffe wegzustecken.

Also verstehen Sie den Rücktritt von Alex Frei und Marco Streller?

Kuhn: Der Rücktritt an sich ist nicht das Problem. Ich finde die Art und Weise und auch den Zeitpunkt des Rücktritts nicht gut. Sie hätten das anders lösen müssen.

Wie?

Kuhn: Indem sie den Rücktritt bereits vor Beginn der Mission per Ende Euro-Qualifikation geben. Dies erspart Unruhe innerhalb der Mannschaft. Oder sie kommunizieren den Rücktritt, wenn die Qualifikation rechnerisch nicht mehr möglich ist, um so frühzeitig Platz für eine Verjüngung der Mannschaft zu machen. 

Bei Alex Frei kam der Rücktritt mit Ansage, bei Marco Streller liegt der Fall etwas anders. Glauben Sie, dass Streller aus Loyalität zu Frei gleichzeitig zurückgetreten ist?

Kuhn: Das kann ich mir nicht vorstellen. Auch Marco haben die Pfiffe verletzt. Zudem denke ich, dass sein Rücktritt auch gesundheitliche Gründe hatte. Er war ja immer wieder verletzt. Vielleicht hat er sich da gesagt: Es ist besser, aufzuhören.

Er deutet aber auch an, wegen seinen beiden Kinder zurücktreten zu wollen.

Kuhn: Das ist edel. Aber er ist nicht der Einzige, der Kinder hat.

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