Debatte
Ist es richtig, dass die Fifa eine Frauenfussball-WM durchführt?

Zur 7. Fussball-WM der Frauen in Kanada gehen die Meinungen auseinander. Ist der Frauenfussball auf der Überholspur – oder ist das Niveau auf einem zu tiefen Niveau? Lesen Sie zwei Meinungen zum Thema!

Drucken
Die Schweizerin Lia Wälti und die Japanerin Yuki Ogimi bei der Fussball-WM in Kanada, das aus Schweizer Sicht 0:1 endete.

Die Schweizerin Lia Wälti und die Japanerin Yuki Ogimi bei der Fussball-WM in Kanada, das aus Schweizer Sicht 0:1 endete.

Keystone

PRO von François Schmid-Bechtel, Ressortleiter Sport

PRO: Francois Schmid-Bechtel, Ressortleiter Sport

PRO: Francois Schmid-Bechtel, Ressortleiter Sport

Mathias Marx

Die Frauen sind jetzt schon weiter als die Männer 1962: Gegen Frauenfussball zu wettern, ist unterste Macho-Schublade und sollte mit einem Arschschiessen bestraft werden.

Der Aufschlagrekord im Tennis der Männer liegt bei 263 km/h. Jener der Frauen bei 210,8 km/h. Der schnellste Mann legt die 100 Meter in 9,58 Sekunden zurück. Die schnellste Frau benötigt fast eine Sekunde mehr. Die Unterschiede sind eklatant. Doch sie werden von den Freunden des Sports akzeptiert. Bei den Grand-Slam-Turnieren wurden die Preisgelder für die Frauen sogar auf das Niveau der Männer angehoben. Debatten über Sinn und Unsinn von Frauen-Tennis oder Frauen-Leichtathletik sind älter als das Frauenstimmrecht in der Schweiz (1971). Aber wenn es um die Symbiose zwischen Fussball und Frauen geht, driften einige auf den intellektuellen Level des Neandertalers ab.

Zugegeben: Es macht wenig Sinn, wenn ein Team wie die Elfenbeinküste (0:10 gegen Deutschland) an die WM reist. Doch dieses Steinzeitresultat ist erklärbar. Einerseits mit der Aufstockung der WM von 16 auf 24 Teams. Generell aber mit dem Entwicklungsprozess. Schliesslich ist der Frauenfussball noch eine junge Pflanze. Die aktuelle Weltmeisterschaft in Kanada ist erst die siebte. Blicken wir deshalb mal zurück auf die siebte WM der Männer: Diese wurde 1962 in Chile gespielt. Wir sehen Spiele in gemächlichem Tempo und ohne Intensität. Und wir sehen im Final einen tschechischen Torhüter, der sich bei zwei Treffern der Brasilianer blamiert. Kurz: Der Fussball, der an der WM 1962 gespielt wurde, ist mit dem Fussball, wie er heute gespielt wird, nicht vergleichbar.

Frauenfussball ist auf der Überholspur. Weltweit gibt es 30 Millionen Fussballerinnen. 2019 sollen es 45 Millionen sein. Die Spitze wird immer breiter. Die spielerische und taktische Qualität steigt. Die Frauen werden zwar nie
das Niveau der Männer erreichen. Allein schon der Physis wegen. Aber sie werden sich den Männern weiter nähern. Denn Fussball bedingt nicht nur Kraft und Tempo, sondern auch koordinative Fähigkeiten und Teamspirit, also weibliche Kernkompetenzen. Ebenso wie Fairness und Respekt. Was den schönen Nebeneffekt hat, dass wir an der Frauen-WM weder dreckige Fouls noch Unsportlichkeiten oder Diskussionen mit den Schiedsrichterinnen sehen. Deshalb: Wer Frauenfussball weiterhin belächelt, soll doch mal gegen eine Nati-Spielerin zum Arschschiessen antreten.

CONTRA von Dagmar Heuberger, Ressortleiterin Ausland

Dagmar Heuberger, Ressortleiterin Ausland

Dagmar Heuberger, Ressortleiterin Ausland

AZ

Nein, solche Fussballspiele wollen wir nicht sehen: Die Frauenfussball-WM ist spielerisch auf einem bedenklich tiefen Niveau – schuld daran ist die Fifa.

Mittlerweile gibt es kaum noch eine Sportart, die nicht auch von Frauen ausgeübt wird: Eishockey, Skispringen, Gewichtheben, Boxen. Und das ist gut so. Weshalb sollte es Männern vorbehalten sein, sich zu schlagen oder sich von einer Schanze in die Tiefe zu stürzen? Einem Ball nachrennen, mit dem Ziel, das «Runde ins Eckige» zu bringen, sollen Frauen sowieso. Aber bitte nicht so, wie im Moment an der Frauenfussball-WM in Kanada.

Auch wenn es erst die 7. Austragung seit 1991 ist: Frauenfussball ist keine «Erfindung» des späten 20. Jahrhunderts.
Er ist auch kein Ausfluss der Frauenbewegung der späten 1960er-Jahre. Das erste Frauen-Team wurde 1894 gegründet – selbstverständlich in England, dem Mutterland (!) des modernen Fussballs. Später wurde den Frauen die Ausübung dieses Sports zwar verboten – unter anderen, weil er für Frauen «nicht geeignet» sei und weil beim Fussballspiel «die weibliche Anmut» verschwinde. Dennoch: Frauen spielen seit fast ebenso langer Zeit Fussball wie Männer.

Doch das (bisherige) spielerische Niveau dieser Frauen-WM ist bedenklich. Natürlich: Physisch können Frauen mit Männern nicht gleichziehen. Darum spielen sie ja auch ihre eigene WM. Und deshalb ist hin und wieder ein kurz gespielter Eckball gestattet – aber nicht immer. Nichts mit der Physis zu tun haben jedoch Taktik und das Beherrschen von Standardsituationen. Ob es sich nun um die 7. oder die 20. Durchführung des Turniers handelt: Wer an einer Fussball-WM teilnimmt, sollte wissen, wie man bei einem Freistoss die Mauer aufstellen muss.

Die Schuld an der schlechten Qualität dieser WM trägt nicht zuletzt die Fifa, die das Teilnehmerfeld auf 24 Teams vergrössert hat. Das hat zur Folge, dass in Kanada Teams antreten, die internationalen Ansprüchen nicht genügen. Und die nicht den Hauch einer Chance haben, die Vorrunde zu überstehen oder auch nur für einen Überraschungssieg zu sorgen. Die Hilflosigkeit, mit der zum Beispiel die Frauen aus der Elfenbeinküste oder aus Thailand über den grünen (Kunst-)Rasen stolpern, ist nicht einmal mehr unterhaltsam, sondern einfach nur peinlich. Nein, solche Fussballspiele wollen wir an einer WM nicht sehen! Ganz abgesehen davon, dass dieses Gekicke der Akzeptanz des Frauenfussballs einen Bärendienst erweist.

Was ist Ihre Meinung? Diskutieren Sie online mit. Pro und Kontra