«Wir kommen alle ins Paradies», verkündet die Zeitung «Le Parisien» im Überschwang der Gefühle. «Und die Blauen haben uns die Türe dazu geöffnet.» Sei es im Menschenmeer auf den Pariser Champs-Élysées oder im hintersten Dorfwinkel – landesweit schäumten am Sonntagabend die Emotionen hoch. 

Mittelfeldspieler Paul Pogba sprang bei der obligaten Pressekonferenz nach dem Moskauer Finale auf das Podium und rief «Vive la France, vive la République!»

Präsident Emmanuel Macron wagte sich nicht nur in die Spielerkabine des Luschniki-Stadions, sondern schaffte es sogar, sich im allgemeinen Tohuwabohu Gehör zu verschaffen. «Ihr habt die Hoffnungen der Franzosen getragen», schrie er den Blauen zu und erntete ein halb ironisches «Yes Sir!» als Antwort.

«Während eures Lebens werdet ihr nie mehr die Gleichen sein!», rief er weiter, gefolgt von: «Yes Sir!» Dann skandierten die Profis, die vorwiegend nur noch mit ihren Tätowierungen bekleidet waren, aus vollem Hals: «On va tout casser!» – «Wir werden alles zusammenschlagen!»

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron während dem WM-Final.

  

Krawall und Zerstörung

Diesen Ausdruck französischen Temperaments verstanden zu Hause nicht ganz alle richtig: In vielen Städten von Marseille bis Strassburg kam es am Rande der Jubelfeiern zu Krawallen und Zerstörungen. An den Champs-Élysées wurde das bekannte Geschäft Drugstore geplündert und seiner teuren Wein- und Champagnerflaschen beraubt. Die Polizei setzte vielenorts Wasserwerfer und Tränengas ein, um der teilweise Vermummten Herr zu werden.

Sie waren aber eine winzige Minderheit, gemessen an den Hunderttausenden, die auch am Montag auf die Pariser Prachtavenue strömten. Diesmal konnten sie die aus Moskau zurückgekehrten Bleus im offenen Doppeldeckerbus verfolgen. Hochrufe gab es vorab für einen Nichtspieler: Didier Deschamps ist nach seinen legendären Vorgängern Mario Zagallo und Franz Beckenbauer erst der dritte Erdenbürger, der einen WM-Titel als Spieler (1998 in Paris) und dann als Nationaltrainer (jetzt in Moskau) gewonnen hat.

Didier Deschamps ist der Baumeister des französischen WM-Erfolgs.

  

Die Pariser Metrobetriebe hatten die amüsante Idee, sechs U-Bahn-Stationen umzutaufen, sodass aus «Notre-Dame-des-Champs» nun für einige Zeit «Didier Deschamps» wird. «Victor Hugo» verwandelt sich als Hommage an den Torwart in «Victor Hugo Lloris» und «Etoile» in «On a 2 Etoiles» – «wir haben zwei Sterne» am Trikot, also zwei WM-Titel.

Der Präsident und seine Gäste

Dann wurden Frankreichs neue Helden im Élysée vom Ehepaar Macron empfangen. Der Präsident beweist nicht nur Sinn für mediale Inszenierungen, sondern auch für nationale Symbole. An den Halbfinal hatte sich der kinderlose Präsident bereits von einem 12-jährigen Schüler aus der Banlieue-Stadt Créteil begleiten lassen; an den Final nahm er einen Stabsgefreiten mit, der im Wüstenkrieg in Mali ein Bein und einen Arm verloren hat.

Am Montagabend lud er neben den Bleus rund 4000 Fussballspieler und -fans aus den Ursprungsvereinen heutiger Profispieler in den Garten des Élysée-Palastes ein. Denn Kylian Mbappé, Blaise Matuidi, Ngolo Kanté oder Paul Pogba stammen nun einmal aus den Pariser Vorstädten Bondy, Roissy-en-Brie, Vincennes oder Suresnes.

Nur eine Illusion?

Ob die Fussball-WM einen neuen Integrationsschub bewirkt, wird vielenorts bezweifelt: Die Jubelstimmung kann nicht ewig anhalten, und Macrons Symbole wirken oft etwas aufgesetzt. Auch erinnert man sich an Frankreichs Weltmeistertitel von 1998: Damals wurde Zinedine Zidanes Elf nicht nur in rot-weiss-blauen Farben gefeiert, sondern als «black-blanc-beur» (schwarz-weiss-maghrebinisch) – doch die Langzeitfolgen blieben aus.

«Erwarten wir nicht, dass der WM-Erfolg die Gesellschaft verändern wird», meint der Historiker Pap Ndiaye. «Sportliche Siege schaffen nur kurze Momente der Verbrüderung. Sie sind gewiss wertvoll und erinnerungswürdig, aber ohne dauerhafte Wirkung auf die Gesellschaft. Im Gegenteil können die geweckten Hoffnungen, wenn sie nicht erfüllt werden, sogar Bitterkeit bewirken.» So habe sich der Exploit der Zidane-Elf vor zwanzig Jahren rasch einmal als Illusion erwiesen, meinte Ndiaye.

Erwartungen sind «bescheidener» als 1998

Ab 2002 seien die Wahlerfolge des Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen gefolgt, 2005 die schweren Banlieue-Krawalle. Deshalb fielen die Erwartungen an die Integrationswirkung jetzt «bescheidener und realistischer» aus als 1998, denkt der aus dem Senegal stammende Forscher.

Immerhin wird die starke Präsenz von Immigrantensöhnen in der Nationalelf heute in Frankreich als Selbstverständlichkeit angesehen. Ob dies das Siegesgefühl überdauern wird, muss sich weisen. Sicher ist, dass der starke Anteil von Abkömmlingen ehemaliger Kolonien in Frankreich als normaler angeschaut wird als im Ausland.

Krassestes Beispiel ist der kroatische Ex-Spieler Igor Stimac, der auf Twitter gegen Frankreichs «Männer in Schwarz» hetzte. Darauf angesprochen, antwortete Deschamps, die vielen Zugewanderten aus Afrika und Übersee bildeten für Frankreich einen «Reichtum», wie man nun auch sehe.

Dynamik für die Reform

Neue Dynamik erhofft sich Macron auch für seine Wirtschaftsreformen. Sein Slogan «Frankreich ist zurück» erhält neue Nahrung, und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire meinte, der WM-Sieg sei «gut für das Wachstum». Der Sportökonom Jean-Pascal Gayant ist bedeutend skeptischer: «Eine gewisse Ankurbelung der Konsumlust – die für die französische Konjunktur traditionell wichtiger ist als die Exporte – ist nicht ausgeschlossen. Eine Langzeitwirkung ist aber in solchen Fällen nie identifizierbar.»

Sein Berufskollege Cristophe Lepetit glaubt «keineswegs an die Schaffung von Mehrwert durch ein solches Sportereignis». Macron könnte also der erste Enttäuschte des WM-Effektes sein.

Überschwänglicher Empfang

Die Kroaten haben ihrem Fussball-Nationalteam trotz der 2:4-Niederlage im WM-Final gegen Frankreich einen begeisterten Empfang bereitet. Auf dem Flughafen in Zagreb wurde die Mannschaft am Montagnachmittag von den Fans mit «Champions, Champions»-Sprechchören begrüsst. Luftwaffen-Jets hatten das aus Russland kommende Flugzeug mit den Kickern nach Erreichen des kroatischen Luftraums eskortiert. Die Spieler schritten über einen roten Teppich in das Flughafengebäude.

Im Zentrum der Hauptstadt strömten Hunderttausende Menschen mit Landesflaggen auf den Strassen und Plätzen zusammen, um die WM-Zweiten als Helden zu feiern. Die Nationalspieler fuhren vom Flughafen mit einem offenen Bus zum Ban-Jelacic-Platz. Anschliessend erhielten sie von der Staatspräsidentin einen Orden.