Tomáš Vaclík, haben Sie in letzter Zeit daran gedacht, Arbeitslosen-Geld zu beziehen?

Tomáš Vaclík: Nein, ich bin nicht arbeitslos. Auch wenn es im Spiel vielleicht manchmal so aussieht. Aber ich muss nicht nur Bälle halten und Flanken abfangen. Ich muss das Team organisieren. Je besser ich das mache, desto weniger Arbeit habe ich.

In fünf Ihrer vierzehn Saison-Spiele mussten Sie keine einzige gefährliche Tor-Chance vereiteln. Pro Spiel kommen im Schnitt nicht mal drei Schüsse auf Ihr Tor.

Arbeitslos bin ich aber auch in diesen Spielen nicht. Ich muss jederzeit im Kopf bereit sein. Durch das neue Spielkonzept, dominanter aufzutreten, ist von hinten herausspielen noch wichtiger geworden. Da muss ich als Torhüter auch mit dem Fuss mehr mitspielen. Lange Bälle auf den Sturmhünen Marc Janko liegen nicht mehr drin.

Hat sich Ihr Job verändert?

Durch den Wechsel von Fischer zu Wicky nicht, allgemein schon. Es zählen nicht mehr nur die Paraden auf der Linie. Heutzutage bist du als Torhüter der elfte Feldspieler. Mein Vorteil ist, dass ich ab und zu den Ball mit den Händen spielen darf.

Sie berühren oft lange keinen Ball. Wie halten Sie die Spannung aufrecht?

Du musst mental stark sein. Ich habe keine besonderen Tricks. Manchmal kriegst du nur einen Ball auf dein Tor, und der ist dann drin. Das ist frustrierend, aber trotzdem musst du sofort wieder fokussiert sein. Da ich aber permanent Anweisungen gebe, bin ich nie komplett vom Spiel ausgeschlossen. Das hilft sehr.

In dieser Saison war es sehr oft der Fall, dass der einzige Schuss auf Ihr Tor gleich drin war.

Ja. Das war zu Beginn der Saison ganz schlimm. Die Prozentzahl meiner gehaltenen Schüsse war sehr tief.

Tomáš Vaclík.

Tomáš Vaclík.

Nach acht Saison-Spielen lag sie nur bei 54 Prozent. Jetzt ist die Quote bei 62 Prozent.

Das ist nicht gut. Letzte Saison war ich am Ende bei plus minus 80 Prozent. Immerhin geht die Tendenz jetzt nach oben. In den letzten fünf Spielen habe ich ja auch kein Gegentor mehr kassiert.

Sind Sie schlechter geworden oder ist die schlechte Quote nur Pech?

Ich hoffe doch, dass meine Leistung nicht der Grund für diese unbefriedigende Quote ist. Manchmal kann man einfach nichts machen. Ravets Schuss war gut, Sulejmanis Freistoss auch. Bei Elyounoussis Eigentor gegen Luzern war ich ebenfalls machtlos, dann kam Andersens Schlenzer und Vilotics Schuss …

Sie erinnern sich an all Ihre Gegentore?

Ja, ich versuche es. Carlinhos trifft für Lugano ins leere Tor, Kolollis Freistoss war schön, das zweite Lausanner Tor schrecklich. Gegen St. Gallen bin ich gegen Aratore machtlos, beim 2:0 ist es dann Pech, dass meine Parade direkt zu Aleksic prallt.

Sie haben Sions Abstaubertor vergessen. Dort lassen Sie einen Freistoss nach vorne abprallen. An wie vielen Gegentoren waren Sie schuld?

Ja, bei diesem Gegentor und den beiden Treffern von Lausanne hätte ich mich sicher besser anstellen können. Ich bin keiner, der die Arme in die Luft streckt und die Schuld bei anderen sucht. Mein Job ist es, Tore zu verhindern. Von dem her war der Saisonstart sehr hart für mich.

Können Sie nach einem Spiel wie gegen Lausanne, wo Sie keinen Ball halten und trotzdem zweimal den Ball aus dem Netz holen müssen, schlafen?

Nein. Aber auch wenn wir gewinnen, kann ich nach einem Spiel nicht schlafen. Der Körper ist müde, aber der Kopf arbeitet immer noch. Die Bilder des Spiels wirbeln dann durch mein Hirn.

Wie wichtig ist es, dass Sie die Verteidiger vor Ihnen gut kennen?

Ich weiss, dass Marek Suchy ein Rechtsfuss und Eder Balanta ein Linksfuss ist und dass es bei Manuel Akanji egal ist, welchen Fuss ich anspiele. Das hilft mir schon. Ausserdem spüre ich, wenn einer der drei einen schlechteren Tag hat. Dann spiele ich keine schweren Pässe zu ihm.

Marek Suchy (li.) und Tomas Vaclik.

Marek Suchy (li.) und Tomas Vaclik.

Wie kommuniziert ihr auf dem Platz?

Ich spreche am meisten mit Marek, weil das auf Tschechisch einfacher geht. Er übersetzt dann. Wenn es schnell gehen muss, spreche ich auch Deutsch oder Englisch. Um mit Eder und Blas Riveros zu reden und ihnen zu helfen, habe ich sogar extra ein wenig Spanisch gelernt.

Gibt es da nie Missverständnisse?

Nein.

Wenn Sie einen Fehler machen, gibt das ein Gegentor. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Fussball kann grausam sein. Wenn ich nur einen Moment unachtsam bin, zerstöre ich die Arbeit meiner zehn Vorderleute. Gerade hier in Basel, wo alle immer den Sieg erwarten, ist der Druck noch grösser. Als Torhüter hast du dich an diese immense Verantwortung gewöhnt. Ich kann damit umgehen.

Wie machen Sie das?

Durch Konzentration. Ich habe keine speziellen Tricks, hoffe aber, dass ich durch meine Leistungen in Basel zeigen konnte, dass ich dem Druck gewachsen bin.

Haben Sie keine Rituale?

Ja doch. Die hat jeder Fussballer. Ich gehe immer zuerst mit dem rechten Fuss aufs Spielfeld und habe meine Handschuhe dann schon an.

Haben Sie je mit einem Mentalcoach trainiert?

Nein. Das habe ich nie ausprobiert. So ein Training kann sicher helfen, gerade in Zeiten von Social Media, wo dich vieles beeinflussen kann. Vielleicht probiere ich das eines Tages aus.

Wären Sie manchmal lieber Stürmer als Torhüter?

Ich würde nicht tauschen, aber manchmal bin ich ein wenig eifersüchtig auf die Stürmer. Die können 89 Minuten schrecklich spielen, und wenn sie dann doch noch ein Tor machen, sind sie Spieler des Spiels. Bei mir ist das genau umgekehrt. Ich kann ein perfektes Spiel mit einem einzigen Fehler ruinieren.

Wie helfen Sie als erfahrener Torwart den jungen Basler Stürmern?

Ich sage ihnen, welche Schüsse für Torhüter besonders eklig sind.

Und das wäre?

Schüsse, die knapp am Kopf vorbeigehen. Am Ende müssen unsere Stürmer aber ohne meinen Rat besser werden. Sie sind so gut, dass sie das auch schaffen.

Sind Sie privat auch immer fokussiert und darauf bedacht, keine Fehler zu machen?

Nicht unbedingt. Bei meiner Tochter Nicole und meiner Frau Martina kann ich gut abschalten. Aber ich habe auch in der Familie eine grosse Verantwortung. Deswegen gilt auch privat: Sicherheit geht vor. Ich fahre nicht zu schnell und mache keine verrückten Sachen wie Bungee-Jumping oder so. Ich bin zwar gerne Fussballer, aber die Familie kommt immer zuerst.

Im Sommer wären Sie beinahe mit der Familie von Basel nach Lissabon gezogen und zu Benfica gewechselt. Wie froh sind Sie, dass Sie beim 5:0 in der Champions League nicht auf der anderen Seite im Tor standen?

Das mit Benfica war wie ein Sommerflirt. Es lief etwas zwischen Benfica Lissabon und mir. Weil sich die Vereine aber nicht einigen konnten, bin ich geblieben. Der Flirt ist vorbei.

Wie war das Wiedersehen mit Ihrem Sommerflirt in der Champions League?

Das war schon spezieller als sonst. Weil Benfica und ich uns im Sommer sehr nahe waren, hat dieser 5:0-Sieg jetzt schon besonders Spass gemacht. Lustig war auch die Vorhersage meiner Frau. Sie wusste schon vor der Auslosung, dass wir jetzt sicher Benfica zugelost bekommen.

Wie war das Wiedersehen mit Benfica-Trainer Rui Vitória?

Da ich im Sommer keinen direkten Kontakt mit Vitória hatte, haben wir uns nur die Hand gegeben. Er war nach dem Spiel nicht in der Stimmung für Smalltalk.

Sie hatten kein Gespräch mit Ihrem potenziellen zukünftigen Trainer?

Nein. Alles lief über mein Management.

Wie ist das, wenn hinter dem Rücken Gespräche über Ihre Zukunft laufen?

Das hängt natürlich von der Transparenz ab. Sowohl Sportchef Marco Streller als auch mein Berater waren immer offen zu mir. Wir hatten viele Gespräche. Ich war stets informiert. Deswegen ist auch unsere gute Beziehung nie in Mitleidenschaft gezogen worden. Das freut mich sehr.

Sind Sie nicht verärgert?

Ein Transfer muss am Ende für alle Sinn machen, nicht nur für mich. Ich bin Basel unendlich dankbar für alles und bin sehr gerne hier. Daran hat sich nichts geändert.

Trotzdem wollten Sie weg. Warum zu Benfica?

Weil es der nächste Schritt gewesen wäre. Benfica ist ein grosser Verein. Jeder kennt den Namen. Die Liga ist kompetitiver. Dazu kommt, dass die letzten Benfica-Keeper Jan Oblak und Ederson mittlerweile in der Weltspitze angekommen sind und bei Atlético Madrid beziehungsweise Manchester City spielen. Benfica ist ein gutes Sprungbrett für Goalies. Dort wird gute Torhüterarbeit geleistet.

Ihr Traum ist die Premier League. Nach wie vor?

Ja. In diesem Sommer gab es aber keine Angebote.