Super League
Die Ruhe vor dem Sturm – warum der Transfermarkt so ruhig wie nie ist und wieso sich das bald ändern dürfte

Der Transfermarkt in der Schweizer Super League ist so ruhig wie selten zuvor. Die Gründe dafür und warum sich das bald ändern dürfte.

Sébastian Lavoyer
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Der Wechsel von Gianluca Gaudino zu YB ist einer von gerade einmal 35 Wintertransfers in der Super League.

Der Wechsel von Gianluca Gaudino zu YB ist einer von gerade einmal 35 Wintertransfers in der Super League.

Andy Mueller/freshfocus

Stellen Sie sich vor, das Transferfenster ist offen, aber keiner wechselt. Ganz so weit ist die Super League noch nicht. Aber in dieserTransferperiode ist praktisch keine Bewegungim Markt. Nun ist es normal, dass im Winter nicht so viele Transfers getätigt werden wie im Sommer. In der Szene spricht man von einem «Reparaturmarkt». Man handelt, wenn ein Spieler ausser Form ist, sich verletzt oder abgeworben wird. Allenfalls nützt man spezielle Umstände, um sich ein Schnäppchen zu sichern. Oder man zieht einen Wechsel zeitlich vor, um einem Spieler mehr Eingewöhnungszeit zu geben.

Strategische Wechsel aber, solche mit einem langfristigen Plan dahinter, die vollzieht man in der Regel im Sommer. Dann haben die Spieler mehr Zeit, sich im neuen Umfeld zurechtzufinden, das Team und den Trainer kennen zu lernen und so richtig Fuss zu fassen. So hat beispielsweise der FC St. Gallen nach seinem Führungswechsel im Winter 2017/18 erst im vergangenen Sommer den grossen Umbruch eingeleitet. Neben dem neuen Trainer und dem neuen Assistenten kamen zwölf neue Spieler (zwei aus dem eigenen Nachwuchs). Jetzt, im Winter, haben die Ostschweizer noch genau drei Spieler verpflichtet. Damit sind sie neben Zürich das Team mit den meisten Zugängen.

Die Angst vor Ceferins Rächern

«Es ist brutal ruhig.» Das kriegt man vielerorts in der Szene zu hören. Egal, wo man fragt. Die Zahlen unterstreichen diesen Eindruck (siehe Box). Noch bleiben rund drei Wochen, aber es ist kaum damit zu rechnen, dass der Markt noch richtig an Fahrt aufnimmt. Woran liegt das? Am Dominoeffekt. Der geht so: Schlagen die Topklubs zu, kommt nicht nur Geld in den Umlauf, sondern das Karussell beginnt zu drehen. Bis in die unteren Ligen, bis in die Schweiz. Das hat man im Sommer gesehen mit dem Wechsel von Trainer Nico Kovac zu den Bayern. Frankfurt holte dafür Adi Hütter von YB, YB Gerardo Seoane von Luzern und der FCL den zu diesem Zeitpunkt arbeitslosen René Weiler. Die Transferfenster der grossen Ligen aber schliessen Ende Januar. Grosse Transfers hat es kaum gegeben. Es fehlt quasi die Initialzündung.

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Wechsel gab es in der Super League zwischen dem 15. Januar und dem 15. Februar 2018. Dieses Jahr stehen bei den zehn Klubs in der Super League bisher 35 Transfers zu Buche (13 Zuzüge, 22 Abgänge). Eine aussergewöhnlich geringe Zahl auch im Vergleich zu den Jahren vorher:


> 2017 72 Transfers
> 2016 87 Transfers
> 2015 77 Transfers
> 2014 62 Transfers

Das hängt mit Sicherheit auch an Aleksander Ceferin. Seit September 2016 ist der Slowene Präsident der Uefa. «Wir wollen denKampf um das finanzielle Fairplay forcierenund Wege suchen, um die sportliche Ausgewogenheit zu stärken», so sein Programm. Die Fairplay-Regeln haben zwei wesentliche Pfeiler. Einerseits achtet die Uefa penibel darauf, dass Klubs keine unbeglichenen Lohnzahlungen oder Schulden aus Transfers anhäufen (überfällige Verbindlichkeiten). Zum anderen darf ein Investor über einen Zeitraum von drei Jahren höchstens 30 Millionen Euro an Verlusten decken (Break-even-Vorschrift). Etliche Klubs (unter anderem PSG, Manchester City und die AC Milan) sind in den Fokus der Uefa geraten und stehen unter kritischer Beobachtung. Bei Verstössen drohen in beiden Fällen Ausschlüsse von europäischen Wettbewerben, Transferstopps oder Bussen.

Professionelleres Scouting

Auf einen weiteren Faktor, der bei internationalen Transfers eine wesentliche Rolle spielt, weist Spielerberater Renato Cedrola hin: «Es gibt auch ausserhalb der Top 5 Ligen, die in den vergangenen Jahren viel Geld in Umlauf brachten. Aber China gibt zum Beispiel nicht mehr so viel Geld aus, weil Staat und Verband Regeln aufgestellt haben, die beim Überschreiten einer gewissen Transfersumme empfindliche Bussen vorsehen. In der Türkei ist die Währung förmlich eingebrochen. Der Wert der Lira im Vergleich zum Euro hat sich in den vergangenen zwei Jahren praktisch halbiert.»

Auch in der Schweiz selbst gibt es Entwicklungen, die erklären, warum weniger gewechselt wird: Die Vereine sind in Sachen Scouting professioneller aufgestellt als nochvor zehn Jahren. Zudem werden heute vielerorts finanzielle Kriterien höher gewichtet als auch schon. So sagt zum Beispiel St.-Gallen-Sportchef Alain Sutter: «Wir sind überzeugt, dass Nachhaltigkeit zum Erfolg führt. Deshalb haben Präsident, Sportchef und Trainer langfristige Verträge.» YB-Sportchef Christoph Spycher sagt: «Wir wollen Transfererlöse, aber wir wollen nicht jedes Jahr die Mannschaft komplett umbauen.» Bei den Bernern kommt hinzu, dass die Rihs-Brüder nicht mehr bereit waren, Geld in den Klub zu pumpen. Ähnlich die Situation in Luzern. Der einstige Krösus, der FC Basel, hat sich aufgrund schrumpfender Champions-League-Aussichten ein Sparprogramm auferlegt.

Grossoffensiven im Sommer

Und dann wären da noch die Kontingentslisten. Jeder Klub hat auf dieser Liste 25 Plätze zu vergeben. Zwangsläufig nehmen Spieler über 21 Jahren darauf einen Platz ein und zudem jeder nicht lokal ausgebildete Fussballer, unabhängig vom Alter. Bei einem Wechsel im Winter wird nun aber der Platz nicht frei. So hat etwa St. Gallen keine freien Plätze mehr. «Einerseits wollen wir mit dieser Regel eine Verfälschung der Meisterschaft verhindern, andererseits die Klubs vor finanziellem Leichtsinn bewahren», sagt Liga-Jurist Marc Juillerat.

Doch die Ruhe täuscht. Zwar gibt es derzeit wenige Abschlüsse, aber im Hintergrund rumort es. Im Sommer rechnet man mit Grossoffensiven. Vor allem von Bayern München und Real Madrid. Und natürlich vor allem in dem Fall, in dem die beiden nicht Meister werden. Von 200 Millionen Euro und mehr pro Klub wird gesprochen. Kommt dieses Geld tatsächlich in den Zyklus, nimmt das Transferkarussell auch in der Schweiz wieder ordentlich Fahrt auf.