Champions League
Die Hoffnung ist zurück beim FC Basel – jetzt muss ein Sieg gegen Benfica her

Lissabon, die Stadt der sieben Hügel, Ort der Sehnsucht. Die Hauptstadt Portugals hatte ihre grossen Tage. Doch seit Vasco da Gama zwischen 1497 und 1499 Afrika umsegelte und Indien entdeckte, ist wohl ein ganzer Ozean durch den Tejo geflossen.

Sébastian Lavoyer
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Trainer Raphael Wicky und sein FCB müssen heute gegen Benfica für Musik sorgen, sonst droht man das Ziel des europäischen Überwinterns zu verpassen.

Trainer Raphael Wicky und sein FCB müssen heute gegen Benfica für Musik sorgen, sonst droht man das Ziel des europäischen Überwinterns zu verpassen.

Foto: Holger Leue/Getty Images; Montage: Marco Tancredi

Da, wo der längste Fluss der Iberischen Halbinsel in den Atlantik mündet, da liegt Lissabon mit seinem leicht morbiden Charme. Der Prunk vergangener Tage ist noch sichtbar. Aber der Glanz ist längst ermattet.

Obwohl es zuletzt positive Signale aus Portugal gab, die Arbeitslosigkeit zurückging und die Steuereinnahmen stiegen, bleibt das Land eines der Sorgenkinder Europas.

Gefühle der Nostalgie

Irgendwie ist es, als wäre dieses Gefühl der Nostalgie, das Wissen um die einstige Grösse längst Musik geworden. Fado heisst der im 19. Jahrhundert in den Armenvierteln Lissabons entstandene Stil, diese Musik gewordene Melancholie, als ob jeder Ton schreien würde: Schaut, wie sehr wir leiden!

Und genau das wünschen wir uns heute, dass sie leiden, die Portugiesen. Auf dem Fussballplatz, wenn Benfica im Joggeli auf den FC Basel trifft. Dazu braucht es eine Sternstunde der Basler, endlich wieder.

Warten auf einen Sieg auf europäischem Parkett

Seit neun Spielen oder dem 2:1 gegen St-Etienne am 25. Februar 2016 wartet der FCB auf einen Sieg auf dem europäischen Parkett.

Ein Sieg ist fast schon ein Muss, wenn der FCB die Chance wahren will, international zu überwintern. Denn zum Auftakt bezwang ZSKA Moskau den portugiesischen Meister im Estadio da Luz.

Ein Auswärtssieg der Mannschaft aus Topf 4, dem mutmasslich schwächsten Gegner der Basler. Sollte der FCB heute Abend verlieren, wären zwei Siege gegen Moskau schon fast ein Muss, um in Reichweite des dritten Platzes in Gruppe A der Champions League zu bleiben und das selbst gesteckte Minimalziel zu erreichen.

Ein bisschen Fado am Rhein

Es gibt Gründe, optimistisch zu sein. Am Samstag rang der Serienmeister Lieblingsfeind Zürich nieder. 1:0 dank Kampf und Krampf. Ein Kraftakt, eine Willensleistung.

Man hatte den Eindruck, als kniete sich das Team mit aller Kraft dagegen, endgültig im Tal der Tränen zu landen. Genau das drohte nach einem für Basler Verhältnisse äusserst durchzogenen Start in die Saison.

Der letzte Meisterschaftstriumph davor datierte vom 10. August (3:2 gegen GC). Zwei Unentschieden und ebenso viele Niederlagen später schien der FCB bereits viel vom Glanz vergangener Tage verloren zu haben. Ein bisschen Fado-Gefühl am Rhein.

Der Sieg im Klassiker war ein Lebenszeichen einer schon fast für tot erklärten Mannschaft, eine Reaktion auf dem Platz, die etwas von einem Aufschrei hatte.

Jungcoach Wicky spielt zentrale Rolle

Eine zentrale Rolle spielte dabei Jungcoach Raphael Wicky. Emotional, wie man ihn zuvor nie gesehen hatte, peitschte er seine Mannschaft in die Zweikämpfe, litt mit ihr, wenn ein Tritt auf den Knöchel nicht geahndet wurde, und jubelte wie ein F-Junior, der sein erstes Tor erzielt hat, als Dimitri Oberlin den Ball zum 1:0 über die Linie stocherte.

Er sagte danach, dass es Spiele gebe, in denen ihn sein Team mehr spüren müsse als andere. Das stimmt. Und trotzdem wird Wicky heute wahrscheinlich wieder bedeutend ruhiger agieren.

Der FCB wird kaum so oft und so aggressiv pressen wie gegen den FC Zürich. «Benfica ist eine Mannschaft, die eigentlich immer dominiert, sie hatten auch gegen ZSKA deutlich mehr Ballbesitz, und das werden sie auch gegen uns versuchen», sagte Wicky gestern.

Momente der Attacke

Mit grösster Wahrscheinlichkeit werden sie also heute die dominante Mannschaft sein. Aber: Es wird sie geben, die Momente der Attacke. Und dann wird man hoffentlich auch wieder Wicky an der Linie sehen.

Als Antreiber von aussen, als einer, der eine Schwächephase aus der Distanz erkennt und im richtigen Moment das Signal zum Angriff gibt. Es braucht ihn in dieser Funktion, weil es auf dem Platz kaum einen Spieler hat, der diese Rolle einnimmt. Wenigstens noch nicht oder noch nicht mit der nötigen Selbstverständlichkeit.

Kämpfen, beissen, kratzen

Aber Wicky allein genügt nicht. Er kann zwar den Takt vorgeben, aber die Musik spielt auf dem Platz. Kämpfen, beissen, kratzen – das seien die Grundlagen des Fussballs, «die Basics», wie es Wicky nannte und seinen Spielern einflösste vor dem FCZ-Spiel. Das braucht es auch heute. Und keiner kann das besser vorleben als Taulant Xhaka (26).

Taulant Xhaka.

Taulant Xhaka.

Zur Verfügung gestellt

Der Mittelfeld-Terrier mag nicht der Schnellste sein in der Ballverarbeitung, aber mit Sicherheit ist er der Mann mit dem grössten Willen. Benfica nennt man die Adler, aber was solls, wenn man einen Doppel-Adler im Team hat. Und wenn er wie nach dem Tor von Oberlin die Arme hochreisst und das Publikum anheizt, dann kocht das Joggeli plötzlich.

Die Ruhe, die es braucht, um einen Coup zu landen, strahlt FCB-Goalie Tomas Vaclik (28) aus. Er war vergangene Saison der einzige Spieler, der in der Champions League auf konstant hohem Niveau spielte. Mit teils mirakulösen Paraden hat er die Basler vor noch höheren Niederlagen bewahrt.

Tomas Vaclik.

Tomas Vaclik.

Keystone

Es kommt nicht von ungefähr, dass Benfica, der heutige Gegner, im Sommer Interesse am Basler signalisierte. Wie es aus Portugal heisst, sei der Deal vor allem am Basler Preisschild über 10 Millionen Schweizer Franken gescheitert. Aus dem Konzept liess sich der tschechische Nationaltorwart deswegen nicht bringen und ist über weite Strecken auch in der Krise ein sicherer Rückhalt geblieben.

Van Wolfswinkel im Vaterglück

Und weil es für einen Sieg Tore braucht, kommen wir zum Schluss zu Ricky van Wolfswinkel. Der Holländer hat in der Meisterschaft sieben Tore (drei Penaltys) in neun Meisterschaftsspielen erzielt.

Ricky van Wolfswinkel.

Ricky van Wolfswinkel.

Zur Verfügung gestellt

Und er weiss, wie man Benfica leiden lässt: Beim 1:0-Sieg von Sporting am 9. April 2012 gegen den Stadtrivalen aus Lissabon erzielte van Wolfswinkel das einzige Tor.

Gestern fehlt er im Abschlusstraining, weil seine Frau in den Wehen liegt. Per Kaiserschnitt bringt seine Bianca, Tochter der niederländischen Fussballlegende Johan Neeskens, am Nachmittag eine gesunde Tochter zur Welt, wie bald bekannt wird. Mit dem väterlichen Glücksgefühl im Bauch kann alles klappen.

Zwar hat Benfica die Champions League auch schon gewonnen. Aber das war 1962. Die grossen Tage sind längst vorbei. Darum, liebe FCB-Stars: Lasst Benfica den Fado spüren, lasst sie dem alten Glanz nachtrauern!