Schon die nackten Zahlen sprechen für sich: Von neun Pflichtspielen seit Saisonbeginn hat der FC Aarau sechs verloren, darunter das Cup-Out gegen die Amateure von Echallens. Zwei Unentschieden gab es gegen Winterthur und Wil.

Den einzigen Sieg errang Aarau gegen die schwächste Mannschaft der Liga, den FC Wohlen – und dies nur dank eines wohlgesonnenen Schiedsrichters.

Es sind nicht nur die Resultate, die Fragezeichen hervorrufen. Es scheint auch, dass sich die Spieler wehrlos ihrem Schicksal ergeben. In den neun Spielen hat es keinen Platzverweis für einen FCA-Profi gegeben – kein Indiz für die benötigte Aggressivität in Krisenzeiten.

Am Mittwochabend, in diesem wegweisenden Spiel in Chiasso, sah nur ein Aarauer Gelb: Gilles Yapi wegen eines taktischen Fouls in der Nachspielzeit. Apropos Chiasso: Die erste nennenswerte Torchance hatte der FC Aarau in der 92. Minute (!).

Dies gegen eine Mannschaft, die knapp drei Tage Zeit hatte, die körperlich und psychisch belastende Cupniederlage gegen den FC Basel (0:1) zu verarbeiten.

Zwischen dem Aarauer Sieg gegen Wohlen und dem Spiel im Tessin hingegen lagen zwölf Tage.

Die körperlich frischere und spielbestimmende Mannschaft am Mittwochabend aber war Chiasso. Aarauer Druckphasen? Fehlanzeige. Es stellt sich die Frage: Was hat der FC Aarau in diesen zwölf Tagen gemacht?

Dienst nach Vorschrift, aber kein Mut zur Kür

Marinko Jurendic sagte: «Wir haben gut trainiert und uns in Ruhe auf die nächste Aufgabe vorbereitet.» Die Aussagen des Cheftrainers sind Woche für Woche die gleichen.

Sowohl vor als auch nach den Spielen. Nach Niederlagen predigt Jurendic, dass die Mannschaft zu viele Eigenfehler begehe, er aber an seinem Konzept festhalte.

Heisst: viele Einzelgespräche, Übungen zwecks Teambuilding, Trainings hinter verschlossenen Türen und stundenlanges Videostudium. Goalie Steven Deana sagte nach dem Chiasso-Spiel: «Wir haben unglaublich viele Videos geschaut und wussten jedes Detail über den Gegner.»

Der Fleiss ist Jurendic nicht abzusprechen. Gefühlt ist er 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche im Brügglifeld. Sein Streben nach Perfektion ist allgegenwärtig. Wer sich im Brügglifeld umhört, erfährt, dass der Kontrollwahn auch mal nervt.

Bemüht man den Schul-Jargon, ist er ein Streber. Wie passend: Jurendic hat in seinem früheren Leben die Ausbildung zum Primarlehrer gemacht und auch als solcher gearbeitet.

Mit diesem Wissen kommt man nicht um die Feststellung herum: Weit entfernt von dem eines Lehrers ist das Auftreten des Fussballtrainers Jurendic nicht. Und auch das Verhältnis zwischen ihm und den Spielern erinnert an jenes zwischen einem Lehrer und seiner Klasse.

Jurendic wird akzeptiert, sein theoretisches Wissen anerkannt. Aber dass sie für ihren Trainer durchs Feuer gehen? Nein, diesen Eindruck erwecken die Spieler nicht. Aus Angst davor, in der Analyse ungenügende Noten zu erhalten und in der Trainergunst zu sinken, verzichten sie auf Selbstentfaltung.

Erledigen einfach nur die Hausaufgaben. Spieler, die das Zepter in die Hand nehmen? Spieler, die Spass am Job ausstrahlen? Fehlanzeige. Im System Jurendic scheint kein Platz für dominante und schillernde Figuren. Das Brügglifeld erinnert mehr an ein Schulzimmer als an eine Spielwiese.

Den Sprung ins Haifischbecken unterschätzt?

Um zu verstehen, was Jurendic fehlt, bietet sich sein Vergleich an. Jener mit Murat Yakin. Dem neuen GC-Trainer eilt der Ruf des Minimalisten nach. Aber es schleckt keine Geiss weg, dass Yakin mit seiner Aura die Spieler für sich gewinnt. Dass sie für ihn durchs Feuer gehen.

Studien? Lehrbücher? Epische Videositzungen? Für Yakin ein Graus. Seine Instrumente sind Erfahrung, Bauchgefühl, Empathie und Anpassungsfähigkeit.

Kurz: Er spürt den Fussball und die Spieler. Jurendic muss kein zweiter Yakin werden. Sich zu verbiegen, wäre falsch. Aber sich in einer ruhigen Minute von einer anderen Arbeitsweise inspirieren zu lassen, würde nicht schaden.

Bevor Jurendic nach Aarau kam, arbeitete er dort, wo Resultate nicht die härteste Währung sind. Wo nicht Tag für Tag Leistungsdruck herrscht. Wo nicht entscheidend ist, wie ein Trainer die 1000 kleinen Krisen einer Saison meistert. Beim Schweizer Fussballverband entwickelte er Spielsysteme. In Kriens trainierte er Amateure, die lieber nicht in die Challenge League aufsteigen wollten.

Obwohl Kriens und Aarau nur eine Liga trennen, sind die Unterschiede immens. Hat Jurendic den Sprung aus dem Schulzimmer ins Haifischbecken Profifussball unterschätzt?

Ihm muss doch je länger, je mehr bewusst werden, dass Fussball aus der Schublade auf Profistufe nicht funktioniert. Resultate? Miserabel. Ansätze zur Besserung? Nicht auszumachen.

Quintessenz: Die Fans laufen davon, der FC Aarau wird den Menschen egal. Will er noch lange Trainer bleiben und nicht weiter an Glaubwürdigkeit verlieren, muss Jurendic etwas ändern. Alles andere wäre stur, die totale Verklärung der Realität.

Im Heimspiel morgen gegen den Aufsteiger Rapperswil-Jona muss der FC Aarau ein anderes Gesicht zeigen. Selbstvertrauen, Freude, Überzeugung, Aggressivität, Frechheit – diese Tugenden sind gefragt. Die Spieler emotional abzuholen, ist Aufgabe des Trainers. Gelingt ihm dies nicht, ist Jurendic der falsche Trainer für den FC Aarau.