Fredy Bickel

«Darum kam es zwischen mir und Urs Siegenthaler zum Knall»

Bald ist für Fredy Bickel Schluss bei Rapid Wien. «Ich weiss noch nicht, was im Juli mit mir passiert. Trotzdem verspüre ich keine Hektik, keine Unsicherheit in mir.»

Bald ist für Fredy Bickel Schluss bei Rapid Wien. «Ich weiss noch nicht, was im Juli mit mir passiert. Trotzdem verspüre ich keine Hektik, keine Unsicherheit in mir.»

Der ehemalige YB-Sportchef Fredy Bickel verrät, was sein Nachfolger beim Meister besser macht. Er spricht detailliert über den Rauswurf in Bern und sagt, dass der Job als Nati-Manager nicht reizlos ist.

Komme ca. 13 Uhr an den Stephansdom, schreibt Fredy Bickel per SMS. Ich schreibe zurück: Schon gegessen oder gehen wir was essen? Bickel wieder: Ich esse nicht! Muss abnehmen! Dabei sieht man ihm nicht an, dass er über zwei Jahre schon den kalorienreichen Verlockungen der Wiener Küche ausgesetzt war. Im Sommer ist Schluss. Fredy Bickel trennt sich von Rapid Wien. Ob er danach den Job des Nati-Managers übernimmt oder als Sportchef zu den Grasshoppers zurückkehrt? Fakt ist: Beim neuen und alten Schweizer Meister Young Boys ist die Türe für Bickel derzeit zu. Obwohl er massgeblich daran beteiligt ist, dass die über 30 Jahre anhaltende Ära der Titellosigkeit im letzten Sommer zu Ende gegangen ist.

Bedauern Sie, nicht mehr bei den Young Boys zu sein, wo gerade der zweite Titel in Serie gefeiert wird?

Fredy Bickel: Ja, aber das hat weniger mit dem Erfolg zu tun. Ich fühlte mich einfach sehr wohl in Bern.

Nachdem Sie im November 2012 als YB-Sportchef begannen, schürten Sie mit dem Satz «in drei Jahren gewinnen wir einen Titel» die Erwartungen zusätzlich. Ein Fehler?

Ich stehe nach wie vor zu diesem Satz. Ziel von YB musste damals schon sein, Titel zu gewinnen.

Worauf führen Sie zurück, dass es für YB 2018 nach 31 titellosen Jahren doch noch ein Happy End gab?

So hart es für mich selber ist. Aber mit dem Sportchef-Wechsel haben sich bei YB einige Dinge positiv verändert. Zu meiner Zeit haben sich zu viele Menschen in meinen Bereich eingemischt. Ich habe es verpasst, das zu unterbinden. Mein Nachfolger Christoph Spycher hingegen hat von Beginn weg das Feld der Kompetenzen und der Ansprechpartner klar abgesteckt. Das war entscheidend für den Erfolg.

Spycher startete im September 2016 als ein Sportchef-Neuling. Sie hingegen waren schon 2012 ein alter Hase im Geschäft. Das lässt zwei Schlüsse zu: Entweder Sie haben Ihren Job vernachlässigt oder Spycher hat Ihnen demonstriert, wie man es richtig macht.

Nein. Beim FC Zürich haben wir sehr gut im Team gearbeitet. Als ich zu YB kam, wollte ich eine ähnliche Mentalität implementieren. Ich wollte alle ins Boot holen, jedem ein Ohr schenken. Aber mir wurde erst zu spät bewusst, dass das in Bern nicht funktioniert, ich meinen Weg nicht weitergehen kann. Ich habe mir Spycher als Nachfolger gewünscht. Wir haben viel diskutiert, ich habe ihn auf die Fallen aufmerksam gemacht und ihm geraten, dass er von Beginn weg sein Terrain absteckt.

Warum mussten Sie im September 2016 gehen und nicht Trainer Adi Hütter?

Die Geschichte beginnt früher, mit der Krankheit von Andy Rihs. Aus diesem Grund wurde Urs Siegenthaler als Rihs’ Vertreter in den Verwaltungsrat gewählt. Aber Siegenthaler gab mir vom ersten Tag an zu verstehen, dass er nicht mit mir zusammenarbeiten will. Was ich bei YB erlebt habe, hat mich gelehrt: Geh, wenn du den Rückhalt nicht mehr spürst. Mir war im März schon bewusst, dass meine Tage gezählt sind. Aber ich wollte es nicht wahrhaben und habe mich dagegen aufgelehnt. Darum kam es zum Knall.

Warum hat es zwischen Ihnen und Siegenthaler nicht funktioniert?

Er sagte: Du musst dich sofort ändern. So, wie du funktionierst, wirst du nie Erfolg haben.

Sie wurden mit dem FCZ immerhin dreimal Meister. Wie hat Siegenthaler das begründet?

Er sagte mir vor anderen Leuten: Behandle die Spieler wie Spieler und nicht wie Menschen.

Sie waren zu nahe bei der Mannschaft.

Für ihn Ja. Paul Meier sollte ja mein Nachfolger werden. Siegenthaler hat mit ihm bereits im Frühjahr verhandelt, im Juni wurde der Vertrag unterschrieben. Also Monate, bevor ich freigestellt wurde.

Gab es für Sie keine Chance zur Rettung?

Am Anfang liess ich mich auf den Machtkampf mit Siegenthaler ein. Natürlich bestärkt, weil ich zu den anderen Präsidiumsmitgliedern ein freundschaftliches Verhältnis hatte. Aber leider sind mir zwei davon in den Rücken gefallen, was ich viel zu spät realisierte. Trotzdem hätte es noch eine Wende geben können.

Ja?

Ich musste am Dienstag, 13. September, gehen. Einen Tag später gab Siegenthaler dieses ominöse Interview im St. Jakob Park. Am Donnerstag spielte YB im Europacup, die Fans forderten Siegenthalers Rausschmiss und Andy Rihs kriegte im Stadion alles mit. Dadurch hat er sofort eine VR-Sitzung einberufen, wo man sich von Siegenthaler trennte. Dabei war alles anders aufgegleist. Ich und anscheinend auch Stéphane Chapuisat hätten im Herbst gehen sollen. Meier sollte für mich kommen und Siegenthaler wusste auch bereits, wer Chappi als Chefscout ersetzen sollte. Aber weil ein Strategiepapier liegen blieb, wo es nicht hätte liegen bleiben sollen, befürchtete der VR, die Information würde früher rausgehen. Und deshalb wurde meine Entlassung forciert. Aber schon am ersten Wochenende überlegten die YB-Besitzer Andy und Hans-Ueli Rihs in Frankreich, wie es mit YB weitergehen sollte. Auch ich erhielt einen Anruf, war in den Überlegungen mit dabei. Was jedoch unmöglich war, nachdem mich drei Verwaltungsräte desavouiert hatten.

Auch wenn Sie beim ersten Titel nicht mehr dabei waren: Viele Entscheidungen, die sich als erfolgreich entpuppten, gehen auf Ihr Konto.

Ich bin selbstsicher genug, um meinen Anteil daran zu kennen. Die richtigen und wichtigen YB-Leute estimieren meine Arbeit.

Wollten 2016 gemeinsam in die Champions League: Fredy Bickel und der damalige YB-Trainer Adi Hütter, der heute in Frankfurt an der Seitenlinie steht.

Wollten 2016 gemeinsam in die Champions League: Fredy Bickel und der damalige YB-Trainer Adi Hütter, der heute in Frankfurt an der Seitenlinie steht.

Welche Ihrer Beschlüsse waren die wichtigsten? War es die Verpflichtung von Trainer Adi Hütter, von Stürmer Guillaume Hoarau oder die Weiterbeschäftigung von Spycher nach dessen Karriereende?

Es gibt fünf, sechs entscheidende Komponenten. Trainer Hütter, Assistenztrainer Gämperle, Sportchef Spycher und Ernst Graf, technischer Leiter im Nachwuchs. Dazu gelang es uns, Spielerpersönlichkeiten zu verpflichten, die für die Entwicklung der Mannschaft unglaublich wichtig wa- ren. Ich denke dabei vor allem an Guillaume Hoarau, Steve von Bergen und Miralem Sulejmani.

Was hat Sie an Adi Hütter überzeugt?

Sein Name stand auf der ersten Kandidatenliste. Das war eine riesige Liste. Und wir haben diese Liste etwa vier-, fünfmal reduziert. Hütter ist immer so mitgerutscht. Schliesslich blieben noch fünf Kandidaten. Und ich sollte als Erstes mit jedem ein Telefongespräch führen. Ich war bei meiner Schwester zum Abendessen eingeladen. Hütter habe ich den ganzen Tag nicht erreicht. Prompt ruft er mich zurück, als die Schwester das Essen serviert. Ich sagte ihr: Ich muss nur kurz mit einem Trainer reden, beginnt doch schon mal mit dem Essen, ich bin gleich zurück. Ich habe dann nicht kalt, sondern sehr kalt gegessen. 90 Minuten war ich mit Hütter am Telefon. Er hat mich mit seiner Liebe und Leidenschaft für den Fussball sofort gefesselt.

Surft Gerardo Seoane einzig auf der Welle seines Vorgängers Hütter?

Ich kann ihn nicht beurteilen, weil ich ihn zu wenig gut kenne und nicht sehe, wie er arbeitet. Trotzdem halte ich ihn für einen sehr intelligenten, schlauen Trainer. Das schliesse ich aus seiner Kommunikation. Aber auch aus seinen Entscheidungen. Er hat nicht verändert, allein um zeigen, dass er jetzt der neue Chef ist.

Wie gross war das Risiko, den gut verdienenden, lebenslustigen und eher älteren Guillaume Hoarau zu verpflichten?

Das war keine Frage des Risikos. Die Frage lautete: Haben wir überhaupt eine Chance, ihn nach Bern zu holen? Ich habe nicht daran geglaubt. Und es brauchte Chapuisat, der mich immer wieder ermunterte, es zu versuchen. Irgendwann schlug ich ihm einen Deal vor. Wenn du Hoaraus mächtigen Agenten anrufst, mache ich weiter. Denn ich wusste: Wenn ich Hoaraus Agenten anrufe und sage Bickel YB Schweiz, bedankt er sich für den Anruf und hängt auf. Wenn sich aber Chappi meldet, hat er ein offenes Ohr.

Und der Faktor Lebemensch?

Natürlich. Hoarau braucht seinen Freiraum. Aber diesen kann man ihm zugestehen, weil er genau weiss, was drinliegt und was nicht. Hoarau ist ein absoluter Profi, sonst würde er nicht mit 35 immer noch so formidabel kicken.

Wilde Partys in seinem abgeschiedenen Haus – alles nur Legende?

Nein. Hoarau feiert seine Partys. Aber vielleicht reden wir nicht von der gleichen Art Party. Bei Hoarau sitzt man zusammen, singt, diskutiert.

Welches war Ihr verrücktester Transfer als YB-Sportchef?

Jener von Miralem Sulejmani. Wir standen in Verhandlungen mit Loris Benito. Als ich mich zum zweiten Mal mit ihm in Lissabon traf, gestehe ich ihm beim Essen, dass ich ein grosser Bewunderer seines Teamkollegen Sulejmani bin. Da sagt er mir: Sulejmani ist einer der Besten, den wir bei Benfica haben. Aber er war ein politischer Transfer und hat eigentlich keine Chance. Ich bitte Benito: Sag ihm, wenn er gar nichts findet, ist in der Schweiz immer eine Türe für ihn offen.

Ajax Amsterdam hat einst über 16 Millionen Euro für Sulejmani bezahlt. Das ist jenseits der YB-Welt.

Richtig. Deshalb war das mehr wie eine Schwärmerei meinerseits. Aber etwa zehn Tage nach unserem Treffen sagt mir Benito: Sulejmani sei einem Wechsel zu YB nicht abgeneigt. Darauf habe ich den Vorstand gefragt: Wie viel bekomme ich für einen Spieler, der für YB ähnlich wertvoll wäre wie Hoarau. Die Antwort lautete: maximal drei Millionen Franken. Also rief ich bei Benfica an. Dort sagte man mir: Sulejmani stehe zum Verkauf, für sieben bis zehn Millionen Euro. Darauf habe ich unserem Trainer gesagt: Vergiss es mit Sulejmani, die Differenz ist zu gross. Verständlich, ich war dem YB-Vorstand dankbar für das Budget, mehr lag einfach nicht drin. Trotzdem habe ich immer und immer wieder Kontakt mit Benfica aufgenommen. Plötzlich hiess es fünf Millionen. Immer noch zu viel. Nach weiteren Anrufen lenkte Benfica überraschend ein, auch weil Sulejmani darauf drängte, zu YB zu wechseln.

Wie lange hält die Dominanz von YB? Ist eine Serie, wie sie der FC Basel mit acht Titeln hatte, denkbar?

Nein, nicht über diese Länge. Denn Basel hatte im Vergleich zu YB den wirtschaftlichen Vorteil auch durch die Einnahmen aus der Champions League. Künftig wird es aber viel schwieriger für einen Schweizer Klub, die Champions League zu erreichen. Trotzdem: Wenn YB nicht viele Fehler macht, wird der FCB in den nächsten Jahren nicht an YB vorbeiziehen.

Kaum bei YB, sagte Siegenthaler: «Rang zwei gibt es auch für weniger Geld.» Aber von einem Sparkurs war bei YB auch danach nichts auszumachen.

Wenn ich diesen Satz höre, stehen mir die wenigen Haare zu Berge. An meinem 50. Geburtstag, am 19. Mai 2015, kündigte Andy Rihs das Projekt Avanti an: Jetzt wird nochmals investiert, um Basel anzugreifen. Allein deshalb konnten wir Sulejmani und Benito von Benfica Lissabon verpflichten. Ein Jahr später hatten wir schon sieben Millionen für Denis Zakaria und drei Millionen für Yvon Mvogo auf dem Tisch. Wir hätten also schon im Sommer 2016 die Ausgaben für Benito und Sulejmani locker reinholen können. Ich wehrte mich gegen die Verkäufe und sagte: Zakaria und Mvogo bringen YB in einem Jahr das Doppelte. Wir haben die Verkäufe nicht getätigt, ich musste gehen, und anschliessend wird in die Welt hinausposaunt: Hey Leute, Bickel verzichtet auf fette Transfereinnahmen und kauft stattdessen für zu viel Geld ein. Einige Monate später wurden Zakaria und Mvogo tatsächlich für das Doppelte verkauft und YB wurde Meister.

Als Sie im Herbst 2012 zum zweiten Mal in Bern landeten, sagten Sie, es sei als FCZ-Sportchef kein Tag vergangen, an dem Sie nicht an YB gedacht haben.

Dies ist aus einem Zusammenhang gerissen. Trotzdem war es dumm von mir. Und ich habe mich dafür bei FCZ-Präsident Ancillo Canepa entschuldigt.

Das ist Fredy Bickel. Vielleicht mal naiv, aber meist emotional, selbstkritisch, nahbar und harmoniebedürftig. Sind Sie bisweilen zu gutmütig für dieses Geschäft?

Darüber habe ich auch schon sinniert. Und ich weiss, dass ich mir häufig selber im Weg gestanden bin. Ich wollte mich auch schon neu erfinden, habe diese Idee schnell begraben, denn man muss sich selber treu, authentisch bleiben, auch wenn man sich damit hin und wieder selber schadet.

Welche Ambitionen haben Sie mit bald 54?

Ich mache erstmals etwas, was ich noch nie gemacht habe.

Was?

Grundsätzlich bin ich auf Sicherheit bedacht. Aber ich habe bis zum Entscheid, Rapid Wien im Sommer zu verlassen, jede Verhandlung mit möglichen Arbeitgebern abgelehnt. Ich weiss noch nicht, was im Juli mit mir passiert. Trotzdem verspüre ich keine Hektik, keine Unsicherheit in mir.

Was, wenn nun der Schweizerische Fussballverband mit Ihnen über die Besetzung des Nati-Managers reden will? Setzen Sie sich an den Verhandlungstisch?

Jetzt würde ich mit fast jedem an den Verhandlungstisch sitzen.

Hat der Verband schon Kontakt zu Ihnen aufgenommen?

Dazu kann und will ich jetzt nichts sagen.

Wäre auch eine Rückkehr zu GC, wo Sie Ihre Karriere gestartet haben, denkbar?

Ich habe doch soeben gesagt, dass ich mich mit fast jedem an den Verhandlungstisch setzen würde.

Erich Vogel war einst Ihr Förderer. Viele Jahre später landete er – zumindest aus seiner Optik – auch wegen Ihnen im Gefängnis. Und so lange Vogel lebt, wird er versuchen, bei GC Einfluss zu nehmen.

Ich hatte immer und überall Gegner. Damit muss ich leben. Selbst österreichische Journalisten und Funktionäre werden heute noch mit Mails eingedeckt, die mich diffamieren. Sogar mit Geschichten, die auch nach knapp 20 Jahren noch immer nicht der Wahrheit entsprechen.

Und der Nati-Manager? Reizt Sie dieser Job?

Ich liebe den Fussball, die Menschen, die Emotionen, meine Arbeit. Alles, was damit zusammenhängt, reizt mich.

Weil im Fussball gut bezahlt wird?

Nein. Das Geld war nie ausschlaggebend für mich. Als ich 1999 zum ersten Mal als Sportchef zu YB kam, verdien- te ich als Familienvater 5000 Franken brutto pro Monat. Meine damalige Frau hatte keine Freude daran!

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