Spezieller Söldner
Aus Leidenschaft auf 300000 Franken verzichtet

Lars Gansäuer, Fussball-Weltenbummler und Ex-FC-Sion-Funktionär, ist seit 2009 als Assistenztrainer bei den Vereinigten Arabischen Emiraten tätig.

Markus Brütsch
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Lars Gansäuer bei der Arbeit.

Lars Gansäuer bei der Arbeit.

ZVG

Plötzlich entdecken sie die Drohne. Dass ausgerechnet jetzt über dem Stadion im australischen Newcastle ein «Spion» kreist, ist kein Zufall. Kurz zuvor haben die Spieler der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) damit begonnen, für ein mögliches Penaltyschiessen zu üben. Blitzschnell stürmen nun ein paar von den Arabern nach draussen und stellen die zwei Typen, die das Fluggerät steuern. Diese müssen die Filmaufnahmen löschen. «Die beiden haben zwar beteuert, sie hätten uns nicht ausspioniert», sagt Lars Gansäuer, der Assistenztrainer der VAE, «aber mir ist klar, dass die Australier Informationen über unsere Elfmeterschützen haben wollten».

Verbissener Arbeiter

Tags darauf ist beim 2:0-Sieg der Aussies im Halbfinal dann ersichtlich geworden, dass die viel frischeren Gastgeber solche Tricks gar nicht nötig gehabt hätten. Aber Gansäuer hatte ja ohnehin nicht gross lamentiert. Der 42-Jährige ist selber ein Schlitzohr. Als Zuständiger für den taktischen Bereich ist er darauf angewiesen, alles über den Gegner zu wissen. Weil die Trainingseinheiten an solchen Turnieren grundsätzlich geschlossen sind, hat auch er sich vor den Spielen gegen Katar und Bahrain etwas Besonderes einfallen lassen. Kurzerhand hat er bei Stadionanwohnern in Canberra geklingelt; exakt 23 Mal, bis er schliesslich einen Platz auf einem Balkon hatte, von dem aus er die Gegner filmen konnte. «Jedes Detail ist wichtig», sagt Gansäuer, der neben den Trainings sogar Pressekonferenzen des Gegners besucht. Im Zentrum stehen aber selbstverständlich die Arbeit auf dem Platz sowie die Vor- und Nachbereitung der Spiele anhand von Videoanalysen. Er ist in diesen Wochen so gefordert, dass drei Stunden Schlaf schon Luxus sind.

Spieler verdienen besser

Sein Vorgesetzter ist der praktisch gleichaltrige Mahdi Ali. Und offenbar ist der Cheftrainer mit Gansäuers Arbeit zufrieden, denn seit 2009 schon arbeiten die beiden eng zusammen. Selbst als der Scheich 2011 anordnete, im Staff dürften nur noch Einheimische tätig sein, blieb Gansäuer auf Drängen von Ali im Amt. «Ich hatte die Kündigung mit einem Abfindungscheck über 300 000 Franken schon zu Hause, als mir mitgeteilt wurde, ich könne diesen zerreissen», sagt Gansäuer. Dies schmerzte ihn zwar ein wenig, aber viel wichtiger war, dass er seine Arbeit fortsetzen durfte.

Zwei bis sechs Monate pro Jahr, je nach Programm, ist er für die Emirate im Einsatz. «Das Vertrauen ist ständig gewachsen. Inzwischen bin ich ein Teil der Familie und mit der arabischen Kultur vertraut», sagt Gansäuer, räumt aber gleich den Verdacht aus, er sei in den Emiraten zum Grossverdiener geworden. Dort wo jeder der 23 beim Asiencup engagierten Kaderspieler bei seinem Klub mindestens eine Million Dollar verdient und der 23-jährige Regisseur und Superstar Omar Abdulrahman – er war auch mal bei ManCity im Probetraining – es mit Marketingverträgen und Prämien auf über 20 Millionen bringt. Kein Wunder, will bei allem Talent keiner das Schlaraffenland verlassen und sich in einer grossen Liga durchbeissen. «Ich selber verdiene jedoch weniger als damals beim FC Sion», sagt Gansäuer, «nur wenn Erfolgsprämien ausgeschüttet werden, ist es finanziell wirklich interessant». Der Sieg im Penaltyschiessen im Viertelfinal gegen Japan habe ihm beispielsweise umgerechnet 12 000 Franken eingebracht.

Er wurde vor dem Fernseher Sion-Fan

Um zu verstehen, dass es dem Fussballfreak Gansäuer weniger ums Geld als um die Leidenschaft geht, ist ein kurzer Rückblick hilfreich. Nachdem er 1984 als Zwölfjähriger zu Hause im süddeutschen Emmendingen im Fernsehen den FC Sion gegen Atlético Madrid gesehen hatte, wurde er Fan der Walliser. Als er 18 war, packte er Zelt und Matratze auf einen alten VW-Käfer, fuhr so oft wie möglich ins Rhonetal und wurde dort Kult. Als Goalie hatte er seine Karriere verletzungsbedingt beenden müssen und war früh Trainer geworden. Erst im Amateurbereich, dann als Profi in der Nachwuchsakademie von Racing Strassburg. Immer mehr aber wurde er im Wallis heimisch, übernahm im Verein verschiedene Funktionen und war sogar Delegationschef bei den Europacupspielen des FC Sion. Gansäuer arbeitete aber auch als Sportjournalist, war Trainer diverser Walliser Fussballvereine sowie Staffmitglied der Schweizer U19-Nati unter Trainer Pierre-André Schürmann.

Durch die Vermittlung einer Sportagentur ist er nun seit sechs Jahren bei den VAE unter Vertrag. Er war dabei, als seine U20 Fünfte bei der WM in Ägypten wurde, als es 2010 bei den Asienspielen Silber gab und als mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012 in London ein Traum in Erfüllung ging. «Unsere Entwicklung ist grossartig», sagt Gansäuer, «wenn man bedenkt, dass es in den Emiraten nur 5800 lizenzierte Fussballer gibt».

Noch war erst Platz 3 drin

Der Schlüssel des Erfolgs sei die Kontinuität. Sieben Spieler arbeiten schon seit 18 Jahren mit Mahdi Ali zusammen. «Auf hochprofessioneller Ebene», betont Gansäuer. Die Enttäuschung, dass es beim Asiencup 2015 am Ende «nur» Rang 3 geworden ist, hat er überwunden. Er hätte im gestrigen Final – die Australier besiegten vor 76 000 Zuschauern in Sydney Südkorea mit 2:1 nach Verlängerung und wurden erstmals Asienmeister – natürlich lieber seinem Team zugeschaut. «Aber mit dem Halbfinaleinzug und dem 3:2 im kleinen Final gegen den Irak haben wir gleichwohl unser Ziel erreicht», sagt Gansäuer. «Und unsere Mannschaft, welche die jüngste des Turniers gewesen ist, hat glänzende Perspektiven. Wir sind noch lange nicht fertig.»